Infos zum Film Ein Ganz Gewöhnlicher Jude

Background

Über die jüdische Gemeinde Hamburgs erreicht den Journalisten Emanuel Goldfarb der Brief eines ihm unbekannten Lehrers namens Gebhardt, der höflichst einen Juden einlädt, seinen Sozialkundeunterricht zu besuchen, um sich den Fragen der Schüler zu stellen. Man leitete den Brief an Goldfarb weiter, da er als Journalist sicher einen guten Erzähler abgeben würde.

Doch der 1959 in Deutschland geborene Jude will nicht vor Schülern stehen und seine Geschichte erzählen. Er stellt sich mögliche Unterrichtssituationen vor: „Was soll ich für ein Gesicht dabei machen? Freundlich lächelnd? So? Oder besser so? Die Last von viertausend Jahren Geschichte auf meinen Schultern? Oder lieber so, dass man die Nase besser sieht?“

Der Journalist setzt sich an seine betagte IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine und beginnt, dem Lehrer seine Absage zu formulieren. Was als knappe Erklärung gedacht war, entwickelt sich zu einem überraschenden Dialog zwischen Goldfarb und seinem imaginierten Gegenüber, das er sich als weltverbesserungswilligen Altachtundsechziger vorstellt - als einen wohl kurz vor der Pensionierung stehenden Gutmenschen, der sein ganzes Leben lang etwas Wieder-Gut-Machen wollte.

Goldfarb liest den Brief des engagierten Pädagogen wieder und wieder und steigert sich zunehmend in eine gedankliche Auseinandersetzung mit Gebhardt hinein, da die sprachliche Vorsicht und political correctness seines Briefes ihn wütend macht. Mit ihm als Juden gehe er um, wie mit einem Behinderten, an dessen Handicap man nicht erinnern wolle. Er stellt sich Situationen mit den Schülern vor: „Wie haben Sie sich das gedacht, Herr Gebhardt? Dass ich mich vor Ihre Klasse hinstelle oder hinsetze, und dann sagen Sie: (...) So sieht er also aus, der Jude. Der Israelit. Der Hebräer. Schaut gut hin, liebe Kinder, und wenn ihr alle typischen Merkmale erkannt habt, dann schreiben wir einen Aufsatz darüber. Aber nicht vergessen: Es müssen die Worte ‚Toleranz’ und ‚Versöhnung’ darin vorkommen. Nicht vergessen! Toleranz und Versöhnung. Sonst kriegt ihr eine schlechte Note.“

In Goldfarbs Phantasie wird Gebhardt immer mehr zur Projektionsfigur für Deutschland und die Deutschen mit ihrer „ekelhaften Einfühlsamkeit“. Die Absage der Einladung in den Sozialkundeunterricht wird zur Aufarbeitung seiner Erfahrungen mit diesem Land, seinen Bewohnern und seinem ganzen bisherigen Leben. Der Journalist taucht ein in seine persönliche Geschichte und die seiner Familie, seiner

Eltern, erinnert die Geschichte seiner großen Liebe zu einer Nicht-Jüdin, die einem gemeinsamen Sohn das Leben schenkte, letztlich aber an der Unvereinbarkeit der unterschiedlichen Lebenswelten scheiterte. Erzählt diese Geschichten seinem unbekannten Adressaten und stellt sich dessen Gesicht vor: „Das deutsche Betroffenheitsgesicht. Das Lea-Rosh-Gesicht. Das Gedenkansprachen-im-Bundestag-Gesicht“. Und fragt sich, wie er all diese Geschichten Gebhardts Schülern vermitteln soll, als „ein ganz gewöhnlicher Jude. Der mit seinem Projekt, ein ganz gewöhnlicher Deutscher zu werden, kläglich gescheitert ist.“

Wenig fürchtet der sensible Intellektuelle mehr, als das Thema Israel und die ständig präsente Erwartung an ihn, sich für oder gegen die offizielle israelische Politik zu erklären. Denn „eigentlich sei ja Israel meine wahre Heimat und nicht Deutschland. Eigentlich sei ich ja hier nur zu Besuch. Seit Generationen immer nur zu Besuch“, spricht er in sein Diktafon. Und fragt sich, woher vor allem die Deutschen sich das Recht nehmen, von Israel ein höheres moralisches Bewusstsein zu verlangen als von jedem anderen Staat im Krieg. „Gerade ihr,“ höre ich immer wieder, „gerade ihr mit eurer Geschichte, ihr müsstet doch wissen, was es bedeutet, unterdrückt zu werden.“ (...) „Zu Deutsch: ‚Jetzt haben wir euch so lange und so heftig geprügelt, und ihr seid immer noch keine besseren Menschen geworden.’ Der Täter nimmt dem Opfer übel, dass es aus seiner Tat nichts gelernt hat. Es stimmt schon: Auschwitz werden die Deutschen den Juden nie verzeihen.“

Emanuel Goldfarb scheint entschlossen, Gebhardt und dessen Schüler nicht zu besuchen. „Was brauchen Sie mich, Herr Gebhardt? Was brauchen Sie einen echten Juden? Es gibt doch genügend künstliche.“

Er spult das Diktiergerät zurück und hört sich seine letzten Sätze noch einmal an: „‚Mit einem herzlichen Shalom’. Unterschreiben Sie alle Ihre Briefe so oder nur, wenn sie an Juden gerichtet sind? Oder haben Sie einen Briefsteller auf Ihrem Schreibtisch, mit den korrekten Grußformen für alle Religionen? Ein fröhliches Halleluja für die Christen, ein freundliches Nirwana für die Buddhisten? Lecken Sie mich doch am Arsch mit Ihrem herzlichen Shalom!“

Er schaltet sein Diktafon ab, spannt ein neues Blatt in die Kugelkopf-Schreibmaschine und beginnt zu tippen. Immer schneller wächst der Stapel der beschriebenen Seiten.

Als es hell wird, raucht er auf dem Balkon eine Zigarette. Dann legt er sich angezogen aufs Bett, auf dem Bauch das fertige Manuskript und ein gerahmtes Foto, das seine große Liebe Johanna und seinen Sohn zeigt.

Und eines Tages steht er doch in Gebhardts Sozialkundeunterricht vor einer aufmerksam zuhörenden Klasse von Vierzehn- bis Fünfzehnjährigen. Goldfarb setzt sich. Er schluckt.

Dann breitet sich langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht aus: „Also gut“.

Biografie Oliver Hirschbiegel (Regie)

Das Leben des 1957 in Hamburg geborenen Regisseurs wurde durch eine Waldorf-Schule geprägt, deren autoritätskritisches Erziehungskonzept er so ernst nahm, dass er früh die Schule verließ, um als Küchenjunge zur See zu fahren.

Anschließend begann er ein Malerei- und Grafik-Studium an der Hamburger Hochschule der Künste, wo er sich unter Sigmar Polke zunehmend den Bereichen Foto, Video und Film zuwandte. Über Rauminstallationen und Performanceauftritte näherte er sich der Inszenierungsarbeit an und entwickelte zusammen mit dem Video- und Filmemacher Gabor Body das Videomagazin Infermental.

1986 verkaufte Hirschbiegel seine erste selbstgeschriebene Geschichte „Das Go! Projekt“ nur unter der Bedingung ans ZDF, dass er es auch selbst inszenieren dürfe: „Plötzlich war ich Filmregisseur und die, die’s mir beigebracht haben, waren Hitchcock, Houston und Hawks. ‚North by Northwest’ habe ich von der ersten bis zur letzten Einstellung durchgezeichnet, habe sozusagen ein richtiges Storyboard davon

gemalt, um herauszufinden, wie man mit Bildern erzählt: Wie lässt man jemanden zur Tür reinkommen? Wie dreht man ein Flugzeug, das einen Mann angreift? Wie dreht man eine Autofahrt und wann muss man wohin schneiden? Das war gut und hat funktioniert! Unter anderem habe ich auch Sequenzen von Peter Weirs ‚The Year of Living Dangerously’, Sydney Pollaks ‚Three Days of the Condor’ und von John Schlesingers ‚Marathon Man’ durchgearbeitet, und auch alles von Ridley Scott, insbesondere ‚Aliens’ und ‚Blade Runner’!“

„Das Go! Projekt“ bekam gute Kritiken und Oliver Hirschbiegel weitere Angebote. In den folgenden Jahren inszenierte er diverse, mit verschiedenen renommierten Fernsehpreisen ausgezeichnete Thriller und Kriminalgeschichten für das Fernsehen („Das Urteil“ 1997, „Todfeinde“ 1998) sowie 14 Episoden der Fernsehkrimiserie „Kommissar Rex“ und zwei „Tatort“-Folgen. „Das Experiment“ war sein kommerziell wie künstlerisch sehr erfolgreiches Kinofilmdebüt. Mit „Der Untergang“ konnte er 2004 einen weiteren großen Kinoerfolg verbuchen, der ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte.

Oliver Hirschbiegel ist Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences.

 

Filmografie Oliver Hirschbiegel

Auswahl

1986 Das Go! Projekt (TV-Movie), Buch und Regie

1991 Mörderische Entscheidung (TV-Movie), Regie

1992 Tatort: Kinderspiel (TV-Movie, Grimme-Preis), Regie

1993 Kommissar Rex (Fernsehserie/14 Episoden), Regie

1994 Tatort: Ostwärts (TV-Movie), Regie

1996 Trickser (TV-Movie, Grimme-Spezialpreis, Goldener Löwe,

Emmy-Nominierung für bestes ausländisches Fernsehdrama), Regie

1997 Rex – Die frühen Jahre (TV-Movie), Regie

Das Urteil (TV-Movie, Grimme-Spezialpreis, Goldener Löwe, Emmy-Nominierung für bestes ausländisches Fernsehdrama), Regie

1998 Todfeinde (TV-Movie, Bayerischer Fernsehpreis), Regie

2000 Das Experiment (Kinofilm), Regie

2002 Mein letzter Film (Kino/TV-Movie), Regie

2004 Der Untergang (Kinofilm), Regie

2005 Ein ganz gewöhnlicher Jude (Kinofilm), Regie

 

Biografie Ben Becker (Emanuel Goldfarb)

1964 in Bremen als Sohn des Schauspieler-Ehepaars Monika Hansen und Rolf Becker geboren, wuchs Ben mit seiner Schwester Meret in Berlin bei seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten, dem Schauspieler Otto Sander, auf. Fast die ganze Familie stand im Rampenlicht: Großmutter Claire Schlichting war Komikerin, der Großvater Tänzer und der Onkel Akrobat.

Vor seiner Schauspielausbildung war Ben Becker als Bühnenarbeiter an der Berliner Schaubühne tätig. Als Bühnendarsteller debütierte er 1993 am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater. Zu seinen prägnantesten Rollen zählt Ben Becker, der 1983 in dem Spielfilm "Eine Liebe in Deutschland" an der Seite von Otto Sander, Hanna Schygulla und Armin-Müller-Stahl sein Filmdebüt gab, den Part des Ferdinand in Schillers "Kabale und Liebe" (Stuttgarter Staatstheater, 1991/92) sowie die Rolle des Tybalt in Shakespeares "Romeo und Julia" (Hamburger Schauspielhaus, 1993/94).

Für seine schauspielerische Leistung in Bernd Böhlichs TV-Film "Landschaft mit Dornen" wurde er mit dem Adolf-Grimme-Preis in Silber ausgezeichnet. Einen Grimme Preis in Gold erhielt er 1994 für seine Darstellung des Jobst Dettmann in der "Polizeiruf 110"- Folge "Totes Gleis". 1998 folgte die Goldene Kamera für seine Darstellung des Robert Biberti im Kinoerfolg "Comedian Harmonists“ und noch im selben Jahr die Auszeichnung mit dem Berliner Publikumspreis "Goldener Vorhang" für seine mit überschwänglichen Kritiken und standing ovations begleitete schauspielerische Leistung in "Berlin, Alexanderplatz" (2000/1) am Maxim Gorki Theater Berlin.

Mit Hauptrollen in Kinofilmen wie "Schlafes Bruder" (1994), "Gloomy Sunday" (1998), "Marlene" (2000), "Frau2 Sucht HappyEnd" (2001) oder "Sass" (2001) wurde Becker zu einem der populärsten Schauspieler deutscher Sprache.

1997 folgte sein musikalisches Debüt - gemeinsam mit Ulrik Spies und Jacki Engelken - als Ben Becker & The Zero Tolerance Band mit ihrer ersten CD „Lautlos fliegt der Kopf weg“. 2000 arbeitete er mit Xavier Naidoo auf dem Sampler "Rilke-Projekt" zusammen, der das Werk des großen deutschen Dichters musikalisch untermalt. Im Frühjahr 2001 spielte Becker in "Frau 2 sucht Happy End" nicht nur als Schauspieler mit, sondern steuerte auch einen Song zu dessen Soundtrack bei.

Seine markante Stimme lieh Becker u.a. dem Boxer Muhammad Ali auf der Hörbuch-CD "King Of The World" nach dem Bestseller von David Remnick. Zusammen mit Alexander Hacke und der Ben Becker Band realisierte er das Projekt "Fieber - Tagebuch eines Aussätzigen" auf CD – eine Rezitation bislang unveröffentlichter früher Gedichte Klaus Kinskis.

Nach dem großen Erfolg als Baal in der Inszenierung von Thomas Thieme am Staatstheater Weimar 2002 war Ben 2003 zu Gast bei Udo Lindenbergs Programm „Atlantic Affairs“ und begleitete den Altrocker auf dessen Tournee „30 Jahre Panik Power“. Peter Maffay unterstützt er bei dessen „Tabaluga“ Shows.

Mit dem von Presse und Publikum gleichermaßen gefeierten Hörbuch „Berlin Alexanderplatz“ ging der Künstler 2004 / 2005 mit einer Bühnenfassung auf Lese-Tournee, die von knapp 50.000 Besuchern euphorisch gefeiert wurde.

Nach den Dreharbeiten zu EIN GANZ GEWÖHNLICHER JUDE wirkte er Anfang 2005 an der Musik-CD „Zeitreise“ mit. Im Mai 2005 hatte Beckers selbst inszeniertes Stück „Schwerter im Busen – Ben Becker spricht Friedrich Schiller“ Premiere am Berliner Renaissance Theater.

Interview mit Ben Becker

Ihre Solo-Performance als Emanuel Goldfarb ist so beeindruckend, dass sie in der Erinnerung fast dokumentarisch wirkt. Großes Kompliment! In welchem Stadium wurde Ben Becker in das Projekt involviert – oder wurde Ihnen das Drehbuch auf den Leib geschrieben?

Das ging alles ziemlich schnell und ich hatte eigentlich recht wenig Vorbereitungszeit. Ich war gerade auf Lesetour für „Berlin Alexanderplatz“ und musste mich relativ schnell entscheiden, ob ich das mache oder nicht. Ich war mir da erst gar nicht so sicher. Dann hat mich allerdings die Herausforderung, diese Aufgabe dermaßen gereizt, dass ich mir selber beweisen wollte, dass ich das schaffe, dass ich das kann.

Dann habe ich Oliver Hirschbiegel kennengelernt, den ich frecherweise erst mal gefragt habe „Was haben Sie eigentlich so gemacht?“ Ich bin da ein bisschen naiv und wusste das wirklich nicht. Da hat er auch sehr gelacht und der Typ hat mich sehr gereizt, ich wusste, an dem reibe ich mich, da ist was.

Was hat die erste Lektüre des Buches von Charles Lewinsky in Ihnen ausgelöst?

Ich finde es geht da um ein sehr problematisches Thema, auch die Frage, wo steht Israel heute, welche Politik betreibt Israel, was ist da unten los, was ist mit Palästina. Da hab’ ich mich zuerst gefragt, wo begebe ich mich da hin, darf ich das machen? Ist es politisch von meinem Standpunkt aus korrekt, das zu machen? Das waren die Fragen, die mich zuerst beschäftigt haben. Ich habe das Buch einem engen Vertrauten gezeigt und ihn gefragt, ob ich das machen darf.

Was hat Sie dann bewogen, diese Rolle anzunehmen?

Ich fand es politisch in Ordnung und hatte das Gefühl, ich kann diese Figur spielen. Und ich kann Fragen im Raum stehen lassen, Leute nachdenklich machen, dazu beitragen, dass die Zuschauer etwas mitnehmen, wenn sie aus dem Kino gehen und beginnen, sich selber mit etwas auseinander zu setzen. Das interessiert mich. Und ich glaube, das ist gelungen. Du gehst nicht aus diesem Film und legst ihn ad acta. Da fängt die Uhr an zu ticken. Die Möglichkeit war bei diesem Projekt gegeben und ich glaube, die habe ich genutzt und erfolgreich umgesetzt. Es ist keine leichte Unterhaltung, die Leute gehen da ’raus und denken nach – über sich selbst oder was auch immer.

Goldfarb erzählt im Film seine Geschichte und die seiner Familie. Historie und Gegenwart. Sein Versuch, als ganz gewöhnlicher Jude auch ein ganz gewöhnlicher Deutscher sein zu können, scheitert. Fühlen Sie sich als ganz gewöhnlicher Deutscher – und finden Sie das überhaupt erstrebenswert?

Nö, ein ganz gewöhnlicher bin ich nicht, ich bin Ben Becker. Manchmal sehne ich mich allerdings danach, ich privat, das hat aber nichts mit Herrn Goldfarb zu tun. Spannend finde ich an Herrn Goldfarb, dass er über einen Brief mit sich selbst konfrontiert wird, mit seinem Standpunkt innerhalb der Gesellschaft und all das zum ersten Mal formuliert und versucht, sich zurecht zu finden und sich vor sich selber zu artikulieren. Das finde ich spannend und das schießt über das Thema ‚Jude sein in Deutschland’ hinaus. Man kann also auch fragen, wie ist es als Türke in Deutschland, wo stehe ich als Deutscher in Deutschland. Dass sich jemand wie Herr Goldfarb plötzlich mit so einer Frage auseinandersetzt, das finde ich spannend. Das ist letztlich auch der Grund, warum jeder sich auf irgendeine Art und Weise mit Herrn Goldfarb identifizieren kann.

An wen richtet sich dieser Film? Wen möchten Sie erreichen?

Ich habe kein bestimmtes Zielpublikum, ich habe einfach diese Rolle gespielt - und dann gibt es ja auch noch den Herrn Hirschbiegel. Ich kann nur sagen, wer sich für das Thema interessiert und sich gerne 1½ Stunden Ben Becker anschaut, der sollte da rein gehen. Ich hab’ durch die Bank ein Publikum zwischen 16 und 90 Jahren. Wunderbarerweise ist mein Publikum vollkommen gemischt, was man eigentlich gar nicht denkt - eigentlich erwartet man, dass zu mir eher die Kids kommen, die Jugendlichen, aber es ist immer so ein Querschnitt durch alles was da auf der Straße rumläuft und das finde ich ganz toll.

Welche Bedeutung haben Glauben und Religion in ihrem Leben?

Recht wenig. Ich bin weder getauft, noch in irgendeiner Weise religiös erzogen worden. Manchmal glaube ich, dass es da irgendetwas gibt, also einen Spirit oder so - aber ich glaube nicht an einen alten Mann mit weißem Bart im Himmel.

Fast hundert Seiten anspruchsvoller Text, kein innerer Monolog, eher ein Dialog mit einem Diktaphon und einem Brief. Wie waren die Dreharbeiten ohne Anspielpartner?

Mein Anspielpartner war imaginär eigentlich da. Der Beruf, den ich ausübe, ist ja auch ein imaginärer. Selbst wenn ich einen Partner auf der Bühne habe und den anschreie, oder mich mit dem auf der Bühne auseinandersetze, werf’ ich das ja nicht ab, wenn ich die Bühne verlasse. Man trifft sich dann in der Kantine wieder oder in der Garderobe und sagt „Hallo“. Es ist ja sowieso imaginär aufgebaut und insofern war mein Partner der Lehrer Gebhardt, also in Form des Diktaphons war da schon jemand. Das Diktaphon und ein imaginärer Lehrer Gebhardt, von dem ja auch Goldfarb nicht wusste, wie er aussieht, waren meine Partner. Ich stand da nicht verloren und allein im Raum, ich hatte schon jemandem etwas mitzuteilen. Man merkt ja auch, wie ich teilweise die Sätze da abkatapultiere.

Wie war die Zusammenarbeit mit Oliver Hirschbiegel?

Ganz toll! Wie Oliver auch gerne sagt, es ist großer Luxus, einen Regisseur zu haben, der von außen reguliert und beobachtet während man selber agiert, und um sich herum hat man ein 30-köpfiges Team, das nur für einen da ist. Wir konnten sehr genau, mit der feinen Nadel, arbeiten. Das macht Spaß, das war sehr konzentriert.

Wir sind am zweiten Drehtag aneinandergeraten, da hatten wir plötzlich Krach. Aber das war auch ganz gut, denn danach haben wir uns sehr lieben gelernt. Wir sind sehr unterschiedlich und beide ziemlich starke Menschen, aber wir haben eine tolle Art gefunden, miteinander klar zu kommen – mehr als das, da ist schon ein bisschen Liebe dabei.

Wie lange haben die Dreharbeiten gedauert?

15 Tage.

Dass Goldfarb der Einladung des Lehrers zum Schluss doch folgt, kommt überraschend. Selbstbetrug oder ein Versuch, die Dinge aktiv zu verändern?

Ich finde, es ist ein Versuch, die Dinge aktiv zu verändern. Ich finde das sehr optimistisch, mir geht das Herz auf, wenn ich das sehe. Wir haben lange darüber nachgedacht, ob er dahin gehen soll oder nicht. Ich finde das richtig, ich finde das gut. Der Typ kneift die Arschbacken zusammen und sagt „Ja, scheiß auf Herrn Gebhardt, diesen blöden Lehrer, da sitzen 30 Kinder, die wollen was wissen. Und das ist wichtiger als dieser dusselige Lehrer, der nichts kapiert“. Und deswegen geht der meiner Meinung nach dahin. Der, der sonst über Kunst schreibt, der sagt auf einmal „Angriff nach vorn“. Der steht auf und das gefällt mir, das finde ich tausendmal besser, als wenn er sitzen bleiben würde, weil dann wäre es einfach nur noch film noir, sad, traurig. Aber so geht der Mann nach vorne und sagt „Ja, klar, die Kinder wollen was wissen“.

Und ich fände es tatsächlich gar nicht uninteressant, zu drehen, was er ihnen erzählen wird. Ich glaube nämlich nicht, dass der Film dann von vorne anfängt und er ihnen auch das erzählt, was er aufgeschrieben hat. Ich glaube, da wird es um ganz andere Sachen gehen. Unter anderem, um das heutige Israel und die Frage, was ist eigentlich der Knackpunkt da unten, was ist da eigentlich los? Da würde ich mich als Schüler gerne reinsetzen, ihm zuhören und sagen: „Kannst du mir bitte erklären, warum die sich da unten erschießen“?

Welche Bedeutung hat dieser Film für Sie persönlich?

Das ist zu früh, das kann ich noch nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich die Arbeit unheimlich gemocht habe und sehr stolz darauf bin. Dass ich mir da einfach selber was bewiesen habe - und mit großer Hingabe auch Herrn Hirschbiegel. Und ich weiß, es ist nicht der schlechteste Film.

Ich hab’ ja mit der jungen Filmemachergeneration nicht so schrecklich viel am Hut, und wenn jemand sagen würde, das Raubein, der Wahnsinnige, der Anarchist, der Wilde, der Gegenläufer hat mal wieder zugeschlagen, würd’s mich freuen. Das klingt jetzt vielleicht eitel und selbstverliebt, aber so fühlt es sich an.

Stellen wir uns vor, Goldfarb und Becker treffen sich zufällig am Tresen einer Kneipe. Wie wird der Abend?

Ganz spontan: langweilig! (Lacht) Langweilig - weil ich kenn’ Herrn Goldfarb in- und auswendig, ich fürchte, der hat mir nichts wirklich Neues zu erzählen...

Biografie Charles Lewinsky (Autor)

Der 1946 in Zürich geborene Autor Charles Lewinsky studierte Germanistik und Theaterwissenschaften. Nach einer Regieassistenz bei Fritz Kortner arbeitete er als Dramaturg und Regisseur an verschiedenen Bühnen.

Er war Redakteur und Ressortleiter der Abteilung Wort/Unterhaltung beim Schweizer Fernsehen und arbeitet seit 1980 als freier Autor für Hörfunk, Fernsehen und Theater und verfasst Bücher. Charles Lewinskys letzter Roman „Johannistag“ wurde mit dem Schillerpreis für Literatur ausgezeichnet.

Arbeiten Charles Lewinsky

Bücher

1984 Hitler auf dem Rütli (mit Doris Morf)

1985 Galaktische Gartenzwerge

1991 Mattscheibe

1994 Der A-Quotient

1995 Der jüdische Rabe (Hg.)

1997 Schuster, Roman einer Talkshow

1997 Der Teufel in der Weihnachtsnacht

1999 Was ist die Liebe (Hg.)

2000 Johannistag

2005 Der A-Quotient (Neuausgabe)

2005 Ein ganz gewöhnlicher Jude

Theater

1992 Der gute Doktor Guillotin

2000 Ganz e feini Familie

2001 Freunde, das Leben ist lebenswert

2002 Deep (Musical)

2002 Diskretion isch Ehresach

2003 Fremdi Fötzel

2003 Alles erfunde

2004 Abdankung (mit Patrick Frey)

Mary (Bühnentourneen seit 1990)

Radio/Fernsehen

1991 Zauber um Romana (Serie, ZDF)

1992 Happy Holiday (ARD)

1994/95 Florida Lady (ZDF)

1998 Biggi (Sitcom, ARD)

ab 2001 Fertig lustig (mit Rolf Polier, SRG)

2003 Die fabelhaften Schwestern (TV-Film, ZDF)

2005 Das geheime Leben meiner Freundin (TV-Film, ZDF)

Über tausend TV-Shows für ARD, ZDF, SRG, ORF, SAT1, RTL

Ca. 30 Hörspiele und Kinderhörspiele;

Über 700 Liedertexte für verschiedene Komponisten.

Carl-Friedrich Koschnick (Kamera)

Der Berliner Carl-Friedrich Koschnick absolvierte eine Ausbildung im Kopierwerk, arbeitete als Lichtbestimmer und als Kameraassistent, bevor er 1981 Kameramann wurde und Kinofilme, Fernsehspiele, Werbefilme und Fernsehserien drehte.

Er arbeitete u.a. mit Regisseuren wie Arendt Agthe, Helmut Berger, Siegfried Rothemund, Josef Rödl, Dany Levy, Mark Schlichter, Michael Mackenroth, Christian Görlitz, Max Färberböck, Oscar Roehler, Paul Harather oder Pepe Danquart zusammen.

Zu seinen wichtigen Kinofilmen zählen „Du mich auch“, „Robbykallepaul“, „I was on Mars“, „Ex“, „Stille Nacht“, „Meschugge“, „Suck my Dick“, „Freie Tanke“, „September“, „C(r)ook“, „Agnes und seine Brüder“ oder „Alles auf Zucker“. Darüber hinaus fotografierte er zahlreiche Fernsehfilme.

Als Regisseur inszenierte Koschnick Folgen der Serie „Peter Strohm“ und das Fernsehspiel „Tödliche Gier“.

Auszeichnungen

1992 Adolf-Grimme-Preis für „Löwengrube“

1996 Bayerischer Filmpreis für „Stille Nacht“

1998 Bayerischer Filmpreis für „Meschugge“

2001 Deutscher Fernsehpreis für „Jenseits“


 

Hubertus Meyer-Burckhardt (Produzent)

1956 in Kassel geboren, kann Hubertus Meyer-Burckhardt auf eine vielseitige Karriere zurückblicken. Nach dem Studium der Geschichte und Philosophie in Hamburg, studierte er an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München. Er arbeitet danach als TV Produzent bei NDF, als Creative Director und Member of the Board bei BBDO, Düsseldorf.

Von 1992 bis 1999 war er Geschäftsführender Gesellschafter der Akzente Film & Fernsehproduktion GmbH und produzierte in dieser Funktion zahlreiche Formate für das Fernsehen. Von 1994 bis 2001 war Hubertus Meyer-Burckhardt Gastgeber der NDR Talk Show.

Danach war er Vorsitzender der Geschäftsführung der MULTIMEDIA Film- und Fernsehproduktion GmbH, Vorstandsmitglied der Axel Springer Verlag AG, Mitglied des Aufsichtsrats von Bild.T-Online.de, Mitglied des Aufsichtsrats der Pro7Sat1-Gruppe sowie Mitglied des Vorstands der ProSiebenSat1.Media AG. Darüber hinaus hat Hubertus Meyer-Burckhardt diverse Lehraufträge.

Zeitweise selbst Jury-Mitglied des deutschen Fernsehpreises, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen für seine Produktionen, darunter mehrere Grimme-Preise, den Bayerischen Fernsehpreis und fünf Goldene Löwen. Er wurde als erster deutscher Produzent für seine ohnehin hochdekorierte Fernsehproduktion „Das Urteil“ (NDR/Premiere 1997/98) für den „International Emmy Award“ nominiert.

EIN GANZ GEWÖHNLICHER JUDE ist Hubertus Meyer-Burckhardts vierte Produktion eines Oliver Hirschbiegel-Films.

Meine Mutter nahm immer drei Stück Zucker.

Manchmal vier. Sie war im Lager gewesen

und konnte es nachher nie mehr süss genug haben“.

Claudia Schröder (Produzentin)

Seit 1999 ist Claudia Schröder Geschäftsführerin der MULTIMEDIA Film- und Fernsehproduktion GmbH in Hamburg. Bereits seit 1995 arbeitete sie als Produzentin für die MULTIMEDIA, verantwortlich u.a. für Produktionen wie „Freunde“ (SAT1), „Mörderinnen“ (ZDF), „BBA – Der Briefbomber“ (ZDF, Arte), „Alphateam“ (SAT1), „Absolut das Leben“ (ARD), „Mein letzter Film“ (BR und Kino), „Der Mörder ist unter uns“ (ZDF), „Höllentour“ (Kino), „Endloser Horizont (NDR/Degeto) und „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ (NDR und Kino).

Davor, von 1987 bis 1994, war Claudia Schröder Gesellschafterin der Lichtblick Filmproduktion. Zwischen 1982 und 1994 arbeitete sie als Regisseurin und Autorin, u.a. bei den Kinoproduktionen „Konrad aus der Konservenbüchse“ (Drehbuch/Regie), „Europa abends“ (Drehbuch/Regie), „Der Zwerg im Kopf“ (Drehbuch/Regie) und der ZDF-Serie „Musik groschenweise“ (Drehbuch/Regie).


    

Kurzinhalt

Der Journalist Emanuel Goldfarb (Ben Becker) wird eingeladen, vor einer Schulklasse über sein Leben als Jude in Deutschland zu sprechen. Seine Absage entwickelt sich überraschend zur Bilanz seines Lebens – Biografie und Innenansicht eines nach 1945 in Deutschland geborenen Juden.

Oliver Hirschbiegel liefert eine beeindruckende Umsetzung des Buches von Charles Lewinsky und zeigt ein eindringliches Porträt eines Mannes, der eigentlich niemand anderes sein möchte als „ein ganz gewöhnlicher Jude“. Ben Becker verleiht der Figur des Goldfarb in einem emotional geladenen Monolog authentisches Profil.



 


 
 

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