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Burlesque-Regisseur Steven Antin im Interview

FILM.TV: Was wäre passiert wenn Cher nicht mitgemacht hätte ? Gab es einen Plan B ?

Steven Antin: Ich war sehr dumm, ich hatte keinen Plan B, so bin ich - ich wollte Cher und ich wollte Christina. Ich war sicher, dass sie die richtigen sind, und dass der Filme das Richtige für sie ist. Ich hatte keine Alternative. Das war vielleicht dumm, aber ich kann sehr überzeugend sein.

FILM.TV: Christina und Cher sind große Stars. Wie nervös warst du am ersten Drehtag ?

Steven Antin: Christina hab ich schon bei den Proben sehr gut kennengelernt. Ich wusste noch nicht wie sie vor der Kamera sein würde, das war Neuland für sie. Aber ich wusste, dass sie mit der Schauspielerei klarkommt, wir haben viel geprobt und ich hab sie bei "Saturday Night Live" gesehen, was mit seinen Sketchen durchaus ähnlich wie "Burlesque" ist. Um Christina machte ich mir darum keine Sorgen. Ich selbst hatte dagegen schon Lampenfieber, weil ich wusste dass mich viele beobachten. Ich war zwar Schauspieler, aber als Regisseur, als Kapitän, wenn 300 Leute warten, dass du "Action" rufst, da willst du dass sie an dich glauben und daran dass du weißt was du tust. Aber ich war immer gut vorbereitet, vielleicht schon zu gut, aber ich weiß auch, dass ich nur wenig Spielraum für Fehler habe.

Bei Cher war es was ganz Anderes. Ich wusste nicht, wie der erste Tag am Set sein würde. Sie hat enorme Erfahrung, sie hat mit den besten Regisseuren gearbeitet. Aber meine Nervosität legt sich ganz schnell, denn sie war toll, immer hilfsbereit, formbar und kooperativ. Sie machte alles was ich wollte und umgekehrt. Es war ein tolles Geben und Nehmen. Ich fragte, "Willst du noch eine Aufnahme ?" und sie erwiderte "Willst DU noch eine ?". Und wenn ich meinte "Ja", versuchs mal so", dann machte sie das.

Bei Christina war das anders. Sie kam erst langsam dahinter, dass Schauspieler um weitere Takes bitten. Sie wollte immer schnell weiterkommen. Sie sagte "Ich glaub, wir haben es im Kasten" und ich meinte: "Ich glaube nicht, dass du die Szene schon abhaken solltest", und dann stimmte sie zu: "O.k. machen wir noch eine".

FILM.TV: Führt Cher sich am Set auf wie eine Diva ?

Steven Antin: Wenn überhaupt, dann ist sie wie ein Kätzchen. Cher und Christina sind sehr energische Frauen, sehr selbstbewußt. Aber beide haben eine sehr verletzbare Seite. Besonders Cher - das habe ich herausgefunden. Auch Christina ist extrem verletzlich, sie zeigt es nicht oft, aber ich habe die Seite gefunden. Als Regisseur will ich wissen wie meine Schauspieler drauf sind. Ich will ihre Vergangenheit kennen, weil ich das vielleicht am Set einsetzen kann, um das zu kriegen was ich brauche.

Aber Cher ist total ruhig und cool. Ab und zu sagte sie mal "Nein, das will ich nicht", und das ist dann so.
Aber in 99 Prozent der Fälle sagt sie "Ok., ich versuchs mal."

FILM.TV: Wenn man sie besser kennenlernt - wie unterscheidet sich die echte Cher dann von der bekannten Legende ?

Steven Antin: Interessanterweise war sie genauso wie man sie aus ihren Filmen kennt. Ich hatte jeden Tag die klassische Cher am Set. So wie sie in "Mondsüchtig" auftritt, so ist sie auch in natura. Sie ist bodenständig, warmherzig und sehr ehrlich. Ich versuche sie als Mensch zu sehen, nicht als Ikone.

Als wir ihre Solonummer aunahmen "You haven´t seen the last of me", saß ich hinter dem Monitor. Und ich bat sie wie immer in meinen Videos, tatsächlich zu singen, weil man es sieht, wenn die Schauspieler nur die Lippen bewegen. Wenn man wirklich singt sieht das anders aus, die Lippen, die Hände, das Gesicht, alles sieht anders aus.  Als Cher ihre Aufnahme machte, hatte ich den Eindruck, da läuft noch ein zweites Playback. Ihre Stimme ist so voluminös, sie war tatsächlich lauter als das Playback und das waren enorme Lautsprecherboxen. Als ich sagte "Ich kann nicht glauben, dass du das noch hinkriegst" meinte sie nur "Was denkst du denn ?" Das war wirklich beeindruckend.

FILM.TV: Was hast du beim Dreh über dich selbst gelernt ?

Steven Antin: Ich hab gelernt, dass ich sowas hinkriege. Das ist etwas beängstigend, denn das hatet ich allen ja vorher schon gesagt. Ich will nichts versuchen, was keine Herausforderung darstellt. Ich habe gelernt dass ich es schaffe, ich hatte es gehofft, und ich wollte es und ich hab´s getan. Und wir haben eine Golden-Globe-Nominierung

FILM.TV: Wie wichtig ist die Nominierung ?

Steven Antin: Es spielt keine Rolle, ob wir gewinnen, wirklich nicht. Allein durch die Nominierung hat sich alles gelohnt.
Das sagt mir, dass die Leute denken, dass wir einen guten Film gemacht haben.

 

Den Trailer, Infos und weitere Extras zum Film BURLESQUE findet ihr hier.

 


Burlesque-Regisseur Steven Antin mit Cher und Christina Aguilera
Cher, Steven Antin & Christina Aguilera in Berlin ©Sony Pictures

Steven Antin: Ich hab mich so gefreut auf Berlin. Ich wollte die Stadt unbedingt sehen, ich war noch nie hier und jetzt hab ich noch nicht einmal das Hotel verlassen. Wir sollen morgen zurückfliegen, aber ich glaube ich bleibe über das Wochenende...

FILM.TV: Der Film "Cabaret" spielt auch in Berlin und war offensichtlich eine Inspiration für "Burlesque"...

Steven Antin: Auch jeden Fall. Ich wünschte, den Kitkatclub aus dem Film gäbe es wirklich, den würde ich sofort besuchen.

FILM.TV: Was war die größte Herausforderung beim Dreh von Burlesque ?

Steven Antin: Es gab keine einzelne Sache, die am schwierigsten war. Ein Film dieser Größenordnung, dazu noch ein Musical ist sehr aufwändig es braucht viel Vorbereitungszeit. Ein Film mit 15 Songs und den dramatischen Szenen dazwischen, das ist als ob man einen Spielfilm und parallel 15 Musikvideos dreht, als würde man gleichzeitig mit einer Milliarde Tellern jonglieren. Alles passiert gleichzeitig. Während du drehst, probst du Musicalnummern und während du Musiknummern aufnimmst bereitest du ernste Szenen vor, und alles passiert im selben Studio. Ich bin herumgerannt wie ein Huhn, dem man den Kopf abgeschnitten hat.

Das vielleicht Schwierigste war aber, den Musiknummern einen individuellen Look zu geben, obwohl sie alle auf derselben Bühne der Burlesque-Lounge stattfinden. Das immer neu aussehen zu lassen, es immer anders zu drehen - da gibt es nicht all zu viele Möglichkeiten auf einer kleinen Fläche mit einer 5 Meter breiten Vorbühne und einem Rahmen. Man kann es von vorne oder von hinten drehen. Aber wir haben uns selbst übertroffen und im Finale auf Realität verzicht und uns gedacht, wir machen jetzt eine Bollywood-Version daraus, mit 2,50 m großen "Burlesque-Buchstaben, die kaum in den Raum passten. Aber das wars auch schon, was wir machen konnten um die Gesangsnummern interessant zu halten und im Rahmen des Budgets Dinge auf der Bühne zu ändern ohne das Budget zu sprengen .

FILM.TV: Wie schwer war es, Cher und Christina für den Film zu gewinnen ?

Steven Antin: Das war unglaublich schwierig, es erforderte Hartnäckigkeit. Ich durfte ein Nein als Anwort nicht gelten lassen. Ich wollte sie beide. Aber ich ging erst zu Christina, weil ich dachte, es sei besser sie dabei zu haben, bevor ich Cher frage. Es würde vielleicht das ganze Paket interessanter machen. Die Rolle der "Ali" war sehr wichtig. Ich ging mit der Idee zu Christina, und das war hart, sie sagt nie leichtfertig "Ja". Sie hat schon viele Filme abgelehnt. Für jemanden wie Cher oder Christina ist es viel leichter "Nein" zu sagen.

Und ich war auch noch der Neue in diesem Spiel. Da gab es Skepsis, ob ich der richtige Kapitän bin, es gab Zweifel, ob ich dieses ehrgeizige Projekt, dieses Musical stemmen kann. Das war nicht selbstverständlich und ich musste micht oft mit ihnen treffen, aber was sie letzlich überzeugt hat, war ein Besuch in meinem Büro. Das war nur ein kleiner Raum, aber dort hatte ich Entwürfe für jede einzelne Szene des Films, ich hatte Bilder von Fotografen wie Ellen von Unwerth und Helmut Newton, die in Look und Beleuchtung zu bestimmten Szenen passten. Ich hatte Gemälde von Caravaggio und Georges de la Tour. Damit wollte ich ihnen erklären, wie ich die Musiknummern beleuchten wollte, mit einem Spiel von Licht und Schatten. Das findet man auch in aktuellen Fotografien und Filmen, in Bertoluccis " Der Konformist" oder in Bob Fosses "Cabaret", wunderschön, wie Liza Minelli auftritt und in Licht badet. So wollte ich auch meinen Film angehen. Das überzeugte sie, dass ich gut vorbereitet war und dass ich weiss was ich tue. 

Aber Cher war immer noch eine harte Nuß. Sie sagte erst ja, dann nein, dann wieder ja und wieder nein. Schließlich hab ich ihr aufgelauert im Sony Studio, wo sie gerade Sprachaufnahmen für "Der Zoowärter" machte. Wir warteten eineinhalb Stunden und als sie herauskam sagte sie nur "Oh, Gott, was willst du ?"  Ich sagte, "Bitte, komm fünf Minuten in mein Büro, bitte, bitte, bitte ! Ich will dir die Welt von "Burlesque zeigen" und sie meinte nur "was soll´s ". Also kam sie mit ihrem Team mit und blieb dann 4 Stunden. Sie war toll, jetzt war sie wirklich interessiert und ich erklärte ihr den Film mit meinen Entwürfen. Ich hatte jede Menge Beispiele, Videoclips und sogar behelfsmäßige Musik, um zu zeigen, welche Art Song sie wann singen sollte, wie ihr Haar aussehen und welche Kleider sie tragen sollte. Ich hatte Entwürfe aus den letzten 100 Jahren zusammengetragen und sogar spezielle Wimpern für sie. Ich war sehr gründlich.

Also sagte sie "O.K, der Typ weiss offenbar was er will" und so stimmte sie zu. Aber am nächsten Tag hat sie wieder abgesagt und das ging noch ein paar mal hin und her, bis sie tatsächlich beim Dreh auftauchte. Ich war enorm dankbar, denn ich hatte schon befürchtet, sie würde nicht kommen.



 


 
 

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