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4 Tage im Mai Interview mit Regisseur Achim von Borries

Regisseur Achim von Borries

MF: War es denn leicht Fördergelder für den Film zu bekommen ?

Achim von Borries: Mit dem Fernsehen war es nicht leicht. Wir hatten ganz tolle Fernsehbeteiligungen, die sind uns leider weggebrochen. Aber die Filmförderung war nicht schwierig. Es war jedoch klar, der "4 Tage Im Mai" darf nicht Millionen kosten, ich musste ihn für einiges weniger machen als ich gerne gehabt hätte aber irgendwo ist eine Beschränkung meist auch ein Vorteil, und im nachhinein bin ich froh, dass wir uns beschränken mussten. Der Film ist auf die Art ganz konzentriert geworden.

MF: Ihr letzter Film "Was Nützt Die Liebe In Gedanken" lief auf dem rennomierten Sundance-Festival. "4 Tage Im Mai" scheint ein bißchen abseits der großen Festivals zu laufen...

Achim von Borries: Nein er lief ganz groß in Locarno auf der Piazza Grande vor 8000 Leuten. Das war eine Riesenpremiere, der Film ist dort auch begeistert aufgenommen worden. Dann war er in Wyburg auf einem Festival in Russland und hat da auch zwei Preise bekommen.

MF: "4 Tage im Mai" ist ihr erster Kinofilm seit langer Zeit, seit "Was nützt die Liebe in Gedanken." Warum kam danach lange nichts mehr ?

Achim von Borries: Ich hatte schon Angebote, aber ich war mir unsicher, was ich machen wollte. Ich bin gleichzeitig Vater geworden. Ich habe irgendwie gemerkt, das ist solch ein Kraftakt, wenn ich ein Buch schreibe und einen Film inszeniere bis er fertig ist. Ein zweites Baby konnte ich da erstmal nicht haben. Ich habe Fernsehfilme gemacht - und das auch gerne, ich habe Drehbücher für andere geschrieben und habe lange gesucht. Vor zwei oder drei Jahren kam Alexej mit dieser Geschichte , letztes Jahr haben wir gedreht. So sind fast sieben Jahre vergangen. Die nächste Pause soll nicht mehr so lang werden, aber ich kann unmöglch jedes Jahr einen Film machen. Zumindest nicht fürs Kino. Alle drei Jahre fände ich nen guten Rhythmus.

MF: Es ist nur immer so schade, wenn man gute Filme sieht, möchte man mehr von dem Regisseur sehen. Im letzten Jahr kamen so wenige gute Filme aus Deutschland, dass die Zuschauerzahlen um 25 Prozent gesunken sind.

Achim von Borries: Aber dann kommen Filme wie "What a Man" oder von Til Schweiger und räumen ab. Meine Stärke liegt im Erzählen in Bildern und Atmosphären und in glaubhaften Charakteren. Plots haben mich bisher nur peripher interessiert. Vielleicht ändere ich das irgendwann auch. Aber es ist in "4 Tage im Mai" auch eine besondere Situation. Wenn die Zeit nicht so stehenbleiben würde in den letzten Kriegstagen und es nicht diese Pattsituation geben würde, hätte ich mich als Autor und Regisseur auch nicht so um diese Figuren kümmern können. Wenn man einem Plot hinterherhechelt, einer Spannungsgeschichte, dann gibt es viele Szenen, die sich von selbst ergeben, da hat man dan kaum mehr Freiraum.

MF: Sie haben auch den hochgelobten Tatort "Wie einst Lily" mit Ulrich Tukur gedreht. Gibts da irgendwann eine Fortsetzung ?

Achim von Borries: Der hatte zehn Millionen Zuschauer. Wenn ich 10 Prozent davon im Kino hätte... Der zweite ist schon gedreht, den hat aber Justus von Dohnanyi gemacht. Ein toller Regisseur. Der hat sicher auch dem Affen ordentlich Zucker gegeben.


MF: Ihr Film basiert auf einer fast unglaublichen und bislang unbekannten Episode zum Ende des zweiten Weltkriegs. Viele Zuschauer würden sicher gerne mehr darüber wissen was damals wirklich passiert ist.

Achim von Borries: Wir hatten eine Quelle in der dieses Gefecht am 8 Mai erwähnt wurde: Eine Aufklärungseinheit, die in einem Kinderheim stationiert war um die Küste zu beobachten bekam anlässlich der Siegesfeier Besuch von betrunkenen Offizieren, die sie rausschmeissen, denn die wollten die Frauen die dort im Haus waren vergewaltigen und verschleppen,. Die Offiziere rekrutierten andere Soldaten, bezeichneten den Trupp im Kinderheim als Überläufer und fingen ein Gefecht an. Deutsche Soldaten, die dort mit einem Schiff auf dem Weg nach Dänemark vorbeikamen wurden vom Gefechtslärm angelockt, weil sie dachten eigene Leute sind in Gefahr und haben sich dem Kampf angeschlossen, als sie erfahren was da passiert. Die Frauen und die Kinder sind dann mit den Schiffen evakuiert worden. Es gab dazu auch noch die Erinnerung eines Feldmarshalls. Von deutscher Seite gab es dagegen keine Berichte. Die gesamte Bevölkerung dort ist komplett ausgetauscht worden. Und über so einen Vorfall wurde natürlich in der DDR nie gesprochen.

MF: Im Film wird nie direkt ausgesprochen wo das alles stattfand.

Achim von Borries: Der Vorfall passierte auf Rügen und dort haben wir auch viel gedreht. Das Gutshaus haben wir in der Nähe von Kiel gedreht, Schloß Bothkamp heißt das, da haben wir das reingebaut in die ehemaligen Stallgebäude oder Speicher. Das Meer haben wir in der Nähe von Rügen gedreht. Es ist fast unmöglich so was zu finden. Entweder ist dort ein Naturschutzgebiet oder Badesaison aber in Rügen gab es auch den Truppenübungsplatz Bug. Der war damals übrigens schon ein Fliegerhorst und Truppenübungsplatz der kaiserlichen Armee schon vor dem ersten Weltkrieg. Das ist ganz altes militärisches Gelände, das seit dem Mauerfall leerstand und zuwächst. Wir waren da allein und ungestört - das war toll.

MF: Aleksej Guskov, einer der Hauptdarsteller hat sie erst auf die Geschichte aufmerksam gemacht. Warum hat er sich ausgerechnet an sie gewandt ?

Achim von Borries: Er hat mich eigentlich erst gefragt ob ich das Buch aus deutscher Sicht umschreiben könnte. Aleksej hatte von Anfang an vor, eine deutsch-russische Koproduktion zu machen. Die Idee fand ich ziemlich verwegen und dann fand ich die Geschichte sehr berührend und das Drehbuch nicht schlecht. Es war nur völlig unmöglich, den Film so zu machen - für mich. Ich hab ihm gesagt ich mache das gerne, inszeniere das auch, muss das Buch aber komplett umschreiben. Ich musste eine deutsche Perspektive durch eine Erzählerstimme hinzufügen. Und ich hab diesen Jungen erfunden und Aleksej musste schon schlucken, als er gesehen dass es jetzt eine andere Hauptrolle gibt. Aber ich habe ihn dann beruhigt und er war sehr vertrauensvoll. Überhaupt haben die Russen, mit denen ich am Anfang gearbeitet habe, mir sehr vertraut, genau wie wir ihnen. Das war gar nicht so leicht. So unterschiedlich die Perspektive auf die Zeit ist, so unterschiedlich sind auch die Mentalitäten. Die unterschiedlichen Sichtweisen auf so ein Thema unter einen Hut zu kriegen, war nicht leicht. Ich habe versucht mich nicht zwischen die Stühle zu setzen, musste das aber ausbalancieren.

MF: Ich stelle mir den Dreh recht schwierig vor. Deutsche Schauspieler verkörpern deutsche Soldaten und sprechen Deutsch, russische Darsteller spielen russische Soldaten und sprechen russisch.

Achim von Borries: Das ist ohnehin wahnsinnig schwierig sobald zwei oder drei Leute gleichzeitig vor der Kamera stehen. Ich hatte das Drehbuch geschrieben und wusste ungefähr was sie sagen - wenn sie sich dran gehalten haben. Ich habe schonmal einen Film in russisch inszeniert,,mein erster Spielfilm "England" aber da konnten alle deutsch oder englisch. Das war diesmal nicht so , darum hatten wir zwei Simultanübersetzer. Das war zum Teil eine babylonische Sprachverwirrung, denn jeder will wissen, was er tun soll in einer Szene, und es sind fast immer sieben oder acht Leute im Bild. Letztlich sind dann aber zwei bis drei aktiv und die anderen in dem Fall Edelkomparserie. Das kann man aber einem Schauspieler nicht sagen. Deshalb musste ich manchmal den Hauptmann zur Seite nehmen und ihm sagen " das sind deine Leute, ruf sie zur Ordnung" und das hat dann manchmal auch geklappt.

MF: Ich finde "4 Tage im Mai" setzt sich deutlich von üblichen Kriegsfilmen ab, ob nun Dokudramen von Guido Knopp oder TV-Dramen mit Veronika Ferres oder anderen. Hatten sie konkrete Vorbilder, was sie machen wollten oder eher das Gegenteil, was sie nicht machen wollten ?

Achim von Borries: Sowohl als auch. Es ist eben keine NS-Geschichte. Es ist ne menschliche Geschichte und es geht um das Kriegsende. Es ist letztlich ein Kriegsfilm.Man muss sich total lösen sowohl von den Vorbildern die man nicht machen will als auch von denen die man gerne selbst gemacht hätte, also etwa "Ivans Kindheit" von Tarkowski, oder "Komm Und Sieh" von Klimow oder "Wenn Die Kraniche Ziehen", ob nun deutsche oder amerikanische Filme - man muss da aufpassen. Ich gucke mir diese Sachen an aber dann vergesse ich es auch wieder, denn sonst lähmt das. Ein Journalist hat gesagt, mein Film sei ein Gegengift zu den anderen Kriegsdramen und das hat mir wahnsinnnig gut gefallen. Es ist nicht Anti-"Anonyma", sondern es ist eine andere Art Film und da spielt auch die Sprache eine Rolle. Es ist wichtig dass es hier zwei Sprachen gibt. Ich habe jetzt ein paar Erfahrungen mit Publikum gemacht und frage immer "wie war´s denn mit der Sprache ?", denn viele kennen das nicht, Untertitel lesen zu müssen. Die Leute sind aber überall und in jeder Generation total begeistert, denn es geht ja auch um das Fremdsein, das Nichtverstehen, und dazu gehören zwei Sprachen. Sonst wirds irgendwann auch banal, wenn alle einander verstehen.

MF: Der Film greift ja viele Themen auf, die Kommunikationsprobleme, die Vater-Sohn-Bezihung zwischen dem Jungen und dem russischen Offizier, die Vorurteile vieler Menschen. War ihnen da ein Aspekt besonders wichtig ?

Achim von Borries: Die gehören alle dazu. Obwohl es ein kleiner Film ist, ist es auch ein epischer Film, der verschiedene Figuren behandelt und versucht verschiedene Seiten zu beleuchten. Ich höre auch immer wieder, dass es für ein deustche Publikum interessant ist zu hören, wie sich ein russischer Soldat fühlt. Und das sind ja keine Rechtfertigungsdialoge. Das ist ja so blöd, wenn man das Thema Vergewaltigung anspricht, sich aber in langen Dialogen erklären lässt was die russischen Soldaten durchgemacht haben und dass man deswegen nicht böse sein könnte. Da werden Filme schnell unspannend und ich finde es muss immer wieder überraschen und ich glaube das tut der Film, in der Art wie er verschiedene Perspektiven einnimmt. Es war nicht leicht, das zu schneiden. 



 


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