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Anonymus Interview mit Roland Emmerich

FILM.TV: Sie haben seit Jahren Filme für weit mehr als 100 Millionen Dollar gedreht - und jetzt einen für 25 Millionen, der aussueht als hätte er 100 Millionen gekostet. Wie kommt das ?

Roland Emmerich: Ich habe schon immer gesagt, das Visual Effects helfen werden Kostümfilme oder historische Filme so zu machen, dass sie riesig aussehen aber wenig kosten. Das ist auch eine Frage der Einstellung. Ich bin bewußt nach Deutschland gekommen. Das Wichtigste für einen Film ist: wie viel "passion" hat deine Crew ? Wieviel "passion" hast du ? Und daraus entsteht dann etwas das auf der Leinwand toll aussieht. Mit Geld kannst du nicht unbedingt große Filme machen. Man sieht selten einen Film wie diesen, wo ein Drittel vor Bluescreen gedreht wurde. Das wird in historischen Filmen normalerweise nicht gemacht. Aber ich hatte vorher "2012" gemacht und auf der ganzen Welt gedreht aber dabei Vancouver nicht verlassen. Ich wusste also wie das geht und wie weit man Sachen im Computer bauen kann, so dass sie absolut photorealistisch aussehen.

FILM.TV: Sie hatten auch in ihreren früheren Filmen tolle Schauspieler, aber die Effekte haben oft ein bißchen davon abgelenkt. In "Anonymus" geraten zum erstenmal die immer noch tollen Effekte in den Hintergrund. Das ist ein richtiger Schauspielerfilm. Haben sie sich beim Dreh auch als Regisseur anders gefühlt ?

Roland Emmerich: Ich habe da mit Joely Richardson drüber geredet. Ich habe mich als Regisseur verändert. Als ich in Amerika angefangen und 1999 mit ihr "The Patriot" gedreht habe da war ich noch nicht so frei mit Schauspielern, da war ich noch ein bißchen "shy" weil auch dachte ich spreche nicht gut genug englisch und ich war auch ein bißchen mehr an der visuellen Seite interessiert. Ich war da noch nicht so richtig bereit. Aber ich habe schon immer gewußt: wenn man gute Schauspieler besetzt, kriegt man gute Performances. Es ging aber schon mit "The Day After Tomorrow" los, dass ich bereit war Schauspielern Tipps zu geben . Aber ich sehe mich mehr als ein Typ der "notes" gibt, ein bißchen flüstert, "encouraged", ich bin keiner der mit dem Megaphon durch die Gegend rennt wie ein paar andere Leute. Ich stehe auf, gehe zum Schauspieler hin, flüstere was und setze mich wieder. Das Gute ist: man nimmt dabei ab. Es ist "cardio" und es hilft dem Schauspieler. Eine "Win-Win-Situation".

FILM.TV: Haben sie selbst schon mal geblufft wie Shakespeare ?

Roland Emmerich: Nee, ich habe aber viel betrogen in der Schule. Ohne zu betrügen hätte ich nie und nimmer das Abitur geschafft.









FILM.TV: Woher kam denn die Idee , Joely Richardson und ihre Mutter Vanessa Redgrave als Queen Elizabeth einzusetzen ?

Roland Emmerich: Mit Joely hatte ich ja schon gedreht. Es ist auch so, dass beide von der Äußerlichkeit und wie ich mir die Elizabeth vorgestellt habe sehr gut gepasst haben. Ich wollte eigentlich auch ein Vater-Sohn-Team, da gabs auch ein paar, aber die haben mir nicht gefallen. Dann hab ich zum Glück zwei Schauspieler gefunden, die sich sehr ähnlich sind, Jamie Campbell-Bower und Rhys Ifans , wenn man die so kennt die sind "both rockers, they rock!"

FILM.TV: Sie mussten sehr kämpfen für den Film. Das ist schon überraschend nach all den Hits die sie hatten. Was hat sie denn so motiviert, durchzuhalten?

Roland Emmerich: Ich fand einfach das Drehbuch toll, ich habe mich total in die Figur hineinversetzen können von diesem Oxford, der viele Emotionen hat, die er aber für sich behalten muss und besessen ist vom Scheiben aber eigentlich nicht schreiben darf. Dann gibt es eine relativ interessante Liebesgeschichte, wo jemand aus politisichen Gründen nicht Mutter werden darf. Alle diese Elemente haben mir sehr gut gefallen. Und es war nicht so dass die Leute gesagt haben "Du kannst das nicht machen". Das erste Drehbuch, das ich 2004 hatte, wurde bei Sony von Amy Pascal sofort "gegreenlighted" wurde - für 40 Millionen Dollar, also 10 mehr als ich dann gebraucht habe. Aber ich bin erst ganz konventionell an die Sache herangegangen, bin nach England gegangen, wollte an Locations drehen, die übliche Nummer und in kürzester Zeit war unser Budget bei 55 Millionen. Und ich hatte Schwierigkeiten Schauspieler zu kriegen, die mir und dem Studio gefallen. Und dann hat Amy von Sony den Stecker ziehen müssen, denn das hat zu nichts geführt und ich war irre traurig aber ich hab mir auch gesagt "Roland, irgendwann wirst du das drehen."

Als ich dann "2012" gedreht hab, wusste ich wie es geht und dass ich es billiger machen musste. Selbst 30 Millionen Dollar sind zuviel für so einen Film, deshalb muss man gucken wie und wo man dreht. Zum Glück gibts in Deutschland ein "tax-rebate-system", man kriegt fast 5 Millionen zurück, dann sind´s noch 25 Millionen und dann gibts noch die "government funds" wo wir 2,5 Millionen bekommen haben und plötzlich waren es nur noch 23 bis 24 Millionen und das macht dann wieder Sinn. Dann kann man sich auch hinstellen und sagen "ich drehe nur mit britischen Schauspielern". Und da werden nicht so berühmte Namen dabei sein. Ich werde nur die crème de la crème der Theaterschauspieler engagieren und da hat auch die Amy Pascal von Sony gesagt "lets do it". Es war aber schwierig, an das Projekt zu denken und sich nicht verunsichern zu lassen von anderen Leuten die sagen "Naja, Shakespeare, ich weiß nicht so richtig". Ich weiß auch, dass der Film nicht sehr viel Geld einspielen wird, da bin ich mir ganz sicher, es ist einfach ein zu schwieriges Thema für die große Masse. Aber ich denke, ich hab mir das verdient !

Roland Emmerich am Set von Anonymus

 


FILM.TV: Sie haben jetzt zum ersten Mal seit über 20 Jahren wieder in Deutschland gedreht. Fühlen sie sich hier überhaupt noch zu Hause ?

Roland Emmerich: Ja schon. Aber für mich ist Heimat eher Stuttgart, das Haus meiner Mutter, wo ich aufgewachsen bin.

FILM.TV: In "Anonymus" machen sie aus dem ehrwürdigen Shakespeare einen mittelmäßigen Schauspieler, einen Trunkenbold, der nicht schreiben kann und all seine Stücke vom Earl of Oxford bekommt. Wie sauer sind denn die Briten deswegen ?

Roland Emmerich: Die sind schon schwer sauer, aber das waren sie schon, als ich "The Patriot" gemacht haben, da habe ich sie ja auch nicht sehr gut aussehen lassen. Die denken wahrscheinlich, ich führe den zweiten Weltkrieg fort. Aber ich hab das erwartet und das hat mich nicht abgehalten, denn wenn man von etwas überzeugt ist, dann muss man das machen. Ich will auch gar nicht so groß drüber nachdenken was der Effekt von etwas ist, dass ich mache, sondern das tun, was ich für richtig halte. Wenn man da zu sehr kalkuliert, dann wird da nichts draus.

FILM.TV: Haben sie Shakespeare für sich nochmal neu entdeckt. ?

Roland Emmerich: Als ich aufgewachsen bin, wurde bei uns in der Schule Shakespeare nicht gelehrt. Das war auch gut so, denn es gibt ja auch noch Goethe , Schiller, Thomas Mann und andere die man lesen sollte, wenn man in Deutschland aufwächst. Meine erste Berührung mit Shakespeare waren die Filme von Kenneth Branagh, die ich richtig klasse fand. Da hab ich plötzlich gedacht "Wow, dieser Shakespeare, der hat ja ganz schön coole Stücke geschrieben". Und Branagh hat das auch superschmissig inszeniert. Da ist mir zum erstenmal klar geworden "Shakespeare is quite something". Als ich dann vor zehn Jahren das Drehbuch gelesen hab, habe ich mich zum ersten Mal ernsthaft mit Shakespeare beschäftigt, allerdings hauptsächlich mit zwei oder drei Stücken, denn man kann nicht in zehn Jahren alles lesen. Es ist ohnehin schwierig, das ist mittelalterliches Englisch, extrem schwierig zu lesen. Ich habe von Schauspielern gelernt, dass man es laut aussprechen muss, dann findet man ganz langsam den Zugang dazu. Rhys Ifans sagt immer es ist eine Frage der Atmung, wie man Shakespeare spricht. In dem Sinne kann man sein ganzes Leben darauf verwenden Shakespeare zu studieren und zu verstehen.



 


 
 

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