VG Wort Zählpixel

Anonymus Interview Rhys Ifans

TS: Gab es im Film viele Aufnahmen vor Green-Screen ? Das ist ja auch eine Art Bluff.

Rhys Ifans: Ein bißchen, aber längst nicht so viel wie man denkt. Das Globe-Theater wurde tatsächlich gebaut. Das war ein sehr lebendiges Erlebnis, die Sätze in einer Arena und mit einer Akustik zu hören die der tatsächlichen Zeit sehr ähnlich war. Es war eine virtuelle Realität der Oberklasse, absolut umwerfend. Schauspieler werden oft gefragt, ob Arbeiten mit Greenscreen schwierig ist. Das ist es nicht, Schauspielern bedeutet nur Spielen, außer dass man dafür bezahlt wird. Es ist ein intellektuelles Spiel. Wenn man einem Kind einen Stock gibt, kann der zum Schwert oder zur Schlange werden, zum Messer oder zum Stift. Und das ist im Grunde dasselbe was man vor der Greenscreen tut. Man nutzt seine Vorstellungskraft. Das ist einfach.

TS: Wie ist es für sie, wenn sie sich selbst auf der Leinwand sehen?

Rhys Ifans: Das ist schrecklich. Das Kino ist leider nicht so gehorsam wie ein Spiegel. Auf der Leinwand bewegt sich das Abbild völlig unabhängig, das ist schon verwirrend, sich selbst zu sehen - und dann auch noch 10 Meter groß mit Surround-Sound. Das ist sehr eindringlich. Aber man gewöhnt sich dran.

TS: Helfen da nicht die Kostüme ?

Rhys Ifans: Ja, besonders in diesem Fall waren die Kostüme entscheidend dabei, den Charakter zu treffen. Die Kostüme aus der Ära von Königin Elisabeth lassen einen anders laufen, wegen ihrer Größe. Man bekommt dadurch eine natürliche Anmut, man atmet anders, weil die Kostüme einen einschnüren und dadurch denkt und spricht man auch anders. Wenn man sich auf Shakespeares Texte vorbereitet, fällt auf, dass ein Gedanke damals eineinhalb mal länger war als ein moderner Gedanke. Also musste man auf eine bestimmte Weise atmen, um den Gedanken aufrechtzuerhalten. Die Menschen dachten damals länger und tiefgründiger als wir heute. Das ist sicher.

TS: Aus heutiger Sicht sagen sicher viele "warum hat der Earl of Oxford auf den Ruhm verzichtet ?"

Rhys Ifans: Als Adeliger und als Mitglied am Hof von Elisabeth konnte er nicht anders. Fürs Theater zu schreiben wäre bestenfalls mißbilligt, schlimmstenfalls als Hochverrat gesehen worden. Und darauf stand der Tod. Wenn man sich die Autoren in totalitären Staaten quer durch die Geschichte anschaut, stellt man fest, dass sie sehr vorsichtig sein mussten. Viele mussten anonym bleiben und wenn sie es nicht machten, wurden sie bestraft und getötet. Als Autor muß man auf den Applaus verzichten und die Anonymität erlaubt einem auch weiter das zu sagen, was gesagt werden muss. Für mich ist das eine sehr greifbare Begründung.









TS: Wenn sie für einen Film so intensiv mit dem Thema befassen, verändert dass den eigenen Blick auf die Geschichte ?

Rhys Ifans: Ich habe lange genug gelebt um zu wissen was wohl auch Napoleon gesagt hat: "Geschichte wird von den Siegern geschrieben". Wir wissen heute, dass damals die Werke von vielen Autoren...die Arbeiten von Francis Bacon wurden verbrannt, weil sie gefährlich waren. Wir hatten es damals mit einem totalitären Staat zu tun, der unter der Kontrolle der Kirche stand, und die Kirche stand unter Kontrolle des Staates. Der einzige Ort an dem damals Gedanken ausgetauscht wurden, war das Theater. Und das geschah durch das gesprochene Wort, weil die größtenteils analphabetische Öffentlichkeit nur das verstand. Darum stellte das Theater damals die gleiche Gefahr dar wie heute das Internet etwa im Mittleren Osten. Es ermächtigt die Menschen. Und diese Theater wurden immer wieder niedergebrannt. Warum wohl ? Weil sie gefährlich waren.

TS: Haben sie durch den Film Shakespeare für sich selbst neu entdeckt ?

Rhys Ifans: Ja, und ich möchte in Zukunft öfter Shakespeare spielen. Ich hoffe der Film ermöglicht das. Ich habe viele Theaterstücke gesehen, bei denen ich lieber ins Kino gegangen wäre. In diesem Fall, so wie die Theaterszenen gedreht wurden, wenn man die Reaktion der Zuschauer sieht und die Direktheit der Worte. Das ist Rock´n Roll - nur ohne Schlagzeug. Das ist sehr aufregend und wenn es insbesondere junge Menschen inspiriert, sich neu für Shakespeare zu interessieren, dann hat der Film mehr erreicht als jeder Gelehrte je könnte.

TS: Was macht für sie die Magie von Shakespeare aus ?

Rhys Ifans: Die Magie von Shakespeare liegt zunächst in den Worten. Wenn man sie hört sind sie wie ein Mantra, ein Herzschlag, ein Galopp, der auf uns reagiert. Egal ob man ein Gelehrter oder ein gewöhnlicher Mensch ist, da passiert etwas physisches mit uns. Auf der Ebene ist er ein großer Gleichmacher. Auf der intellektuellen Ebene hat Shakespeare als Erster über Könige und Königinnen, über Riesen und Helden geschrieben, die dasselbe fühlen wie wir. Sie fühlten Eifersucht, Wut. Er war ein großer Gleichmacher, das ist sein bleibendes Geschenk, er schließt uns alle mit ein, in unserer Schwäche und unserer Erkenntnis, das wir nicht viel Zeit auf der Erde haben.

TS: Waren die Szenen dort ihre Lieblingsszenen ?

Rhys Ifans: Ja, erstens war es spannend die Stücke in dieser Umgebung zu sehen, so authentisch wie noch nie und außerdem hatte ich den Luxus währenddessen so zu tun, als wäre ich der Mann der sie geschrieben hat. Das war fucking amazing!

TS: Welches Stück von Shakespeare würden sie gerne selbst spielen.

Rhys Ifans: Das ändert sich . Im Moment möchte ich gerne alt und grau und stark und weise genug werden um König Lear zu spielen. Das ist noch lange hin, also habe ich viel Zeit mich vorzubereiten.

Rhys Ifans als Earl of Oxford


TS: Hat sie das Projekt von Roland Emmerich überrascht ?

Rhys Ifans: Nein überhaupt nicht. Wenn man Schauspieler ist, insbesondere ein britischer Schauspieler, ist einem bewußt, dass es ein paar Zweifel an der Herkunft von Shakespeares Stücken gibt. Darum ist es gut zu hinterfragen, wer sie geschrieben hat und in unserem Film zeigen wir einen ziemlich überzeugenden Kandidaten dafür.

TS: Haben sie für sich selbst eine Meinung gemacht, ob der Verdacht gegen Shakespeare stimmt ?

Rhys Ifans: Oh ja, natürlich. Tatsächlich kann man nicht sicher beweisen, wer die Stücke geschrieben hat. Darum ist es unsere Pflicht als Schauspieler, Zuschauer, Studenten und Gelehrte sich zu fragen , wer in Frage kommt. Das macht unser Film und damit feiert er auch diese herausragende literarische Leistung der Stücke, neben denen die Bibel wie eine Kindergeschichte wirkt.

TS: Es ist aber auch eine sehr traurige Story...

Rhys Ifans:... das hat mit daran gereizt. Wenn man einen Mann spielt, der in seinem Kopf eine solche Fülle an Geschichten hat, angefüllt mit Figuren, die den Zustand des Menschen beschreiben in all seiner Schwäche und Größe und Komplexität, einen Mann, der dafür keine Anerkennung, keinen Applaus bekommt, das ist eine schwere Bürde. Ich wollte eine Figur mit so einer Last spielen. Jeder Charakter den man spielt, muß ein Geheimnis haben. Das lässt das Publikum teilhaben, lässt es fragen was passiert. Man verrät ihnen ein bißchen, aber nie alles.
In diesem Fall kennen wir das Geheimnis von de Vere, aber niemand sonst kennt es.

TS: Hatte Roland Emmerich sie nicht zunächst für die Rolle von Shakespeare eingeplant ?

Rhys Ifans: Er hatte mich nicht für eine bestimmte Rolle im Sinn. Ich denke Roland wollte damals nur eine große Auswahl britischer Schauspieler treffen. Er fragte mich, welche Rolle mich anspricht. Vermutlich zu seiner Überraschung sagte ich dann "de Vere". Es war schon ein Wechsel für mich, einen Aristokraten zu spielen.

TS: Haben sie dafür viel geprobt ?

Rhys Ifans: Nein, wir haben nicht geprobt, ich denke das verdanken wir Rolands Besetzung. Er fand bei jedem von uns etwas, dass zu seiner Vision des Films passte.

TS: Vermissen sie irgendwelche Figuren die sie mal gespielt haben ?

Rhys Ifans: Nein, ich schaue nicht zurück .

TS: Haben sie jemals geblufft, wie Shakespeare ?

Rhys Ifans: Ich bluffe jedesmal wenn ich zur Arbeit gebe - und werde dafür bezahlt. Ich habe gerade den Mann gespielt, der die größten literarischen Werke der Geschichte verfasst hat. Natürlich bin ich ein Bluffer.

TS: Privat auch ?

Rhys Ifans: Nein.



 


 
 

Surftipps: User, die hier waren, besuchten übrigens auch diese Seiten:

 
 

Meinungen zu "Anonymus Interview Rhys Ifans "