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Blutzbrüdaz: Exklusiv-Interview mit Regisseur Özgür Yildirim

Marcus Fliegel: Bei allen Unterschieden zwischen "Chiko" und "Blutzbrüdaz" gibt es auch Parallelen. Beides sind Geschichten von Underdogs, die aus einer Hochhaussiedlung kommen und Erfolg haben wollen. Hatten sie nicht Befürchtungen, dass die Filme sich zu sehr ähneln ?

Özgür Yildirim: Nein, weil der Tonfall bei "Blutzbrüdaz" ein ganz anderer ist und es auch immer sein sollte. Wenn ich einen ernsthafteren Film gemacht hätte, wie "8 Mile" oder "Chiko", dann hätte ich mich künstlerisch und erzählerisch wiederholt. Die Filme liegen zwar nicht meilenweit voneinander entfernt, aber es sind doch sehr verschiedene Filme. Der eine ist ein Gangsterfilm, der andere eine HIP HOP-Komödie. Das war für mich der Reiz: mich in etwas Anderem auszuprobieren. Es gab Einige die kritisiert haben, dass ich nicht nochmal sowas wie "Chiko" gemacht habe. Das kann ich absolut nicht nachvollziehen. Aber jedem seine Meinung. Ich wollte die Vorurteile und die Erwartungshaltung brechen. Es macht Spaß zu sehen wie die Leute sagen " Moment mal, dass ist ja ganz anders als ich erwartet habe".

Marcus Fliegel: Das ist riskant, viele Leute erwarten einen Film über Sidos Karriere, über das Phänomen von Aggro Berlin, über die umstrittenen Texte.

Özgür Yildirim: Es kann auch sein, dass Aggro-Fans und HIPHOP-Fans enttäuscht sein werden, weil der Film das nicht erzählt. Aber für mich konnte der Film nur so funktionieren.

Marcus Fliegel: Sie haben sich selbst auch mal als Hiphopper versucht...

Özgür Yildirim: Das war nie ernsthaft als Beruf gemeint, sondern als Hobby. Ich hab Texte geschrieben, den letzten vor etwa fünf Jahre, aber auch nur als Gag, weil´s Spaß macht. Ein richtiger Hiphopper würde wohl sagen "Komm, lass es", wenn er das liest. Ich habe deshalb aber ein Gefühl für das Thema und Grundkenntnisse über HIP HOP, ich habe aber auch trotzdem noch viel dazu gelesen, wie HIP HOP in Deutschland entstanden ist, wie er in den 70ern aus der Bronx zu uns schwappte, was die einzelnen Etappen waren. Das ist eine sehr interessante Kultur. Viele aus der jüngeren Generation wissen gar nicht dass HIP HOP schon seit 40 Jahren existiert. Darum haben wir die Geschichte auch im Jahr 2000 angesiedelt. Wir wollten über eine andere Form von HIP HOP erzählen, an die sich viele gar nicht erinnern können wo der HIP HOP-Underground gegen Mainstream-HipHop antritt. Das war für mich die Basis des Films.

Marcus Fliegel: Interessant fand ich, dass der Film zeigt wie die Musik entsteht, wie die Musiker auf ihre Ideen kommen und dann rumprobieren bis etwas entsteht.

Özgür Yildirim: Stimmt, das sieht man selten. Es gibt einen Film"Hustle & Flow", da gibt es eine ähnliche Szene. Das ist einigen auch aufgefallen aber bei uns funktioniert die Szene ganz anders und nur weil´s bei "Hustle & Flow" zu sehen war, heißt es ja nicht, dass es uns verboten ist zu zeigen wie Leute Musik machen.

Marcus Fliegel: Was war ihr Konzept für den Look des Films ?

Özgür Yildirim: Ich mag keine Filme die wie ein Werbeclip oder wie ein Musikvideo aussehen. Regisseur Antoine Fuqua etwa kommt aus der Videobranche und sein Film "Training Day" sieht trotzdem nicht wie ein Videoclip aus, deshalb bewundere ich ihn. Ich finde es grandios wie er seine Geschichte in Bildern erzählt. Andererseits gibt es Jean-Pierre Jeunet, den finde ich visuell grandios aber miserabel in in seinen Filmen. Ich weiß dass der mehr Filme gemacht hat als ich und jetzt komme ich mit meinen zwei Filmen und kritisiere den. Aber ich habe das Recht den zu kritisieren, weil wir den gleichen Job machen. Ich wollte nicht, dass "Blutzbrüdaz" einen Werbefilmlook hat. Der sollte hip sein, der sollte 90er-Jahre-mäßig sein, der sollte bunt, knallig, wild, jung sein. Die Kamera sollte sich aber nicht selbständig machen. Da bin ich froh. dass ich so einen Freund und Kameramann wie Matthias Bollinger habe, der auch so denkt. Der hasst es, etwas einzusetzen wenn es keinen Sinn macht. Ich habe manchmal gesagt "Lass uns einen Kran benutzen" und er er fragte "Warum einen Kran ? Da brauchst du keinen Kran". Wir haben aber schon ein paar Specials eingebaut. Viele merken gar nicht, dass der Film zu über 50 Prozent "gedutcht" ist, also angeschrägt. Wir haben im Vorfeld viele Filme geguckt. Ich glaube es war "Der Einsatz" mt Colin Farrell, da hab ich in den ersten zehn Minuten fast das Kotzen gekriegt, denn der ist nur gedutcht, aber die haben ein paar Sachen nicht gemacht, die wir gemacht haben oder die Danny Boyle in seinen Filmen gemacht hat. Das ist ein minimaler Unterschied, aber das zerstört einfach die Illusion und darum habe ich gesagt, dass darf uns auf keinen Fall passieren.









Marcus Fliegel: Auf FILM.TV gibts ein Video vom Dreh der Rap-Battle mit Sido. Das geht ab, da kommt mächtig viel Stimmung rüber. Waren das alles Fans von Sido oder waren die Komparsen nur toll instruiert ?

Özgür Yildirim: Da kommt alles zusammen. Ich hatte ein wundervolles Team, sehr fleißig, sehr motiviert und sehr harmonisch, auch die Komparsen waren gut drauf. Manchmal dachte ich meine Regieassistentin hat denen was in die Drinks gemischt, aber die hatten einfach Bock drauf, vielleicht auch weil in Deutschland selten solche Filme gemacht werden. Es war auch alles sehr gut organisiert, wir waren gut vorbereitet weil wir viel geprobt haben. Wir wussten alle was wir zu tun haben.

Marcus Fliegel: Im Film wird ein real existierender Musikkonzern ziemlich kräftig gedisst. Warum wurde da nicht wie in anderen Filmen eine Fantasiefirma erfunden, damit man keinem wehtut ?

Özgür Yildirim: Ich war auch erstaunt, aber das stand so von Anfang an im Drehbuch. Ich bin davon ausgegangen, dass die das mit denen vereinbart haben. Das war nicht der Fall, aber das hab ich erst auf der Premiere erfahren. Die wussten davon aber die wirklich Verantwortlichen haben den Film erst dann gesehen. Das war dann auch noch im Sony-Center und ich dachte die drehen uns gleich den Strom ab. Wir haben Fantasienamen ausprobiert, aber das funktionierte nicht. Alle wussten: das ist Mist, das ist nicht konsequent. Aber die Verhandlungen sind auch gut gelaufen. Oliver Berben kennt jemanden von Sony und dadurch war es unproblematischer, als wenn ein unbekannter Filmer bei Sony auftaucht. Es gab tatsächlich Vereinbarungen: wann darf man was nicht sagen. Ich weiß gar nicht ob wir das eingehalten haben - ich glaube nicht. Aber es ist durchgegangen.

Marcus Fliegel: Der Film startet am 29. Dezember - zwischen den Feiertagen. Ist das vielleicht auch Aberglaube, weil Fatih Akin´s Film "Soul Kitchen" zur selben Zeit gestartet ist und dann enorm erfolgreich war ?

Özgür Yildirim: Ich habe da wenig Erfahrung, aber die Leute mit Erfahrung haben mir gesagt das ist der beste Termin im ganzen Jahr, den man ergattern kann. Ich hoffe das ist wahr und wir kriegen viele Zuschauer.

Marcus Fliegel: In einem alten Interview haben sie 2004 gesagt sie wollen in zehn Jahren zehn Filme gedreht haben.

Özgür Yildirim: Ja, ich hab noch was nachzuholen. Ich habe jetzt zwei Filme in acht Jahren gedreht. Ach, ich war damals jung und naiv.

Marcus Fliegel: Gibts schon konkrete Pläne, was als Nächstes kommt ?

Özgür Yildirim: Ich schreibe an einem Boxerfim. Ob das tatsächlich mein dritter Film wird, ist eine andere Frage.

Marcus Fliegel: Sie sind ein ausgesprochener Horrorfilmfan. Da gab es in letzter Zeit ja interessante Beiträge aus Deutschland mit "Wir sind die Nacht, "Hell" oder "Urban Explorer" Wie wäre es damit ?

Özgür Yildirim: Ich will unbedingt einen Horrorfilm machen. Ich habe den spanischen Horrorfilm "Rec" gesehen und war hinterher deprimiert. Warum bin ich nicht auf die Idee gekommen ? So was hätte man ganz locker in Deutschland machen können. Ich verfolge auch was da in Deutschland passiert. Ich respektiere alle sehr, die sich in Deutschland an sowas heran wagen. Das ist eine neue Generation von Filmemachern, das finde ich toll. Ich will sowas auch irgendwann machen aber ich warte auf den richtigen Moment und den richtigen Stoff. Vielleicht habe ich morgen die Idee.

Sido & B-Tight in Blutzbrüdaz


Marcus Fliegel: Sind sie ein bißchen nervös, ob der Film beim Publikum ankommt, so wenige Tage vor dem Start des Films ?

Özgür Yildirim: Ich kann nur beurteilen, was ich von den Premieren kenne, und die sind sehr gut gelaufen. Wir haben in Berlin und in Wien und in Hamburg Premieren gehabt und dann noch vorab ein Testscreening und überall hatten wir sehr gute Resonanz. Man spürt das wenn man im Publikum sitzt: steigen die Leute drauf ein, oder nicht, mögen die das oder langweilen die sich ? In Wien waren sie etwas zurückhaltend aber auch aus Österreich haben wir gute Kritiken bekommen.

Marcus Fliegel: Ich habe mich auch bestens amüsiert und war auch überrascht vom Film. Auf dem Poster sieht man coole Hiphopper in ihrer typischen Pose. Viele Leute rechnen gar nicht damit, wie lustig der Film dann ist.

Özgür Yildirim: Ich habe schon erwartet, dass viele Leute nicht damit rechnen. Das war für mich auch der Reiz daran. Als ich den Film angeboten bekommen habe, habe ich ähnlich reagiert wie viele es wohl würden, wenn sie hören "Film" und "Sido" und "Bio-Pic". Sido ist noch etwas jünger als ich - was soll da ein Biopic ? Als ich dann erfahren habe, dass es eine fiktive Geschichte ist, hat es mich umso mehr gereizt. Dann habe ich das Drehbuch gelesen und verstanden in welche Richtung die Leute denken, die am Projekt beteiligt sind. Ich habe mich viel mit Sido unterhalten um zu erfahren wie er denkt und wo er hin will mit dem Film. Ich hatte immer eine ganz klare Vorstellung wo ich hin will. Und das ist das, was man heute im Film sieht. Ich wollte immer in die komödiantische Richtung. Es gab schon komische Elemente in dem Drehbuch aber es war noch etwas inkonsequent. Für mich war auch klar, wenn ich einen Film über einen Hiphopper mache, dann muss es auch ein Hiphop-Film werden. Es gibt Underground-Filme wie "Status Yo" und "Urban Guerillas". Aber es gab bisher keinen HIP HOP-Film im Mainstreambereich. Der Bushido-Film ("Zeiten Ändern Dich") ist ja kein HIPHOP-Film, der Vergleich ist eigentlich vollkommen sinnlos, auch wenn mir klar ist, woher das kommt. Spätestens wenn man beide Filme gesehen hat, weiss man dass die nichts miteinander zu tun haben. Der erste Reiz war für mich einen HIPHOP-Film zu machen und der zweite Reiz war, das mit einem anderen Genre zu kombinieren, der Komödie.

Marcus Fliegel: "Blutzbrüdaz" ist ihr zweiter Spielfilm, und der erste bei dem sie das Drehbuch nicht selbst geschrieben haben. Was ist das für ein Gefühl, wenn man bei einem Film so spät an Bord kommt ?

Özgür Yildirim: Wir hatten eine Vereinbarung dass wir das Drehbuch nochmal komplett überarbeiten. Das war meine Bedingung. Da danke ich auch (dem Produzenten) Oliver Berben , der war schon zwei Jahre mit seinen Autoren an dem Stoff dran gewesen und der hat das bejaht. Die letzte Fassung des Drehbuchs war erst einen Tag vor Drehstart fertig und auch beim Dreh haben wir noch Sachen geändert. Aber ich bin froh, dass das so war, das hat der Sache gutgetan, vielleicht musste das auch so sein, weil es kein konventioneller Film ist.

Marcus Fliegel: Sido ist einerseits ein erfahrener Performer mit großer Klappe, andererseits ist er als Schauspieler ein Laie. Wie war denn die Arbeit mit ihm ?

Özgür Yildirim: Wir haben zu Beginn einen Tag lang mit Sido, B-Tight und Alpa Gun Szenen aus dem Film geprobt, haben ausprobiert und improvisiert. So wollte ich erfahren wie die Jungs arbeiten. Am Ende des Tages war ich sehr positiv überrascht. Jeder der drei hatte seine Qualitäten und jeder hatte etwas woran ich noch arbeiten musste. Es ist dann aber auch die Frage: liegt es an ihnen ? Liegt es am Stoff ? Liegt es an der Szene oder an dem Dialog ? Und das haben wir bei den Proben in Einklang gebracht. Aber alle haben sehr, sehr viel Potential mitgebracht und ich war mir sicher: mit denen kann man das auf jeden Fall machen.

Marcus Fliegel: Bei "Chiko" haben sie auch eine Hauptrolle mit einem Laien (Volkan Özcan) besetzt. Sehen sie das als ihre Spezialität, aus unerfahrenen Schauspielern Topleistungen rauszuholen ?

Özgür Yildirim: Das hat gar nicht mit professionellen oder nichtprofessionellen Schauspielern zu tun Diese Arbeitsweise bringt mir sehr viel Spaß. Auch mit Profis würde ich so arbeiten, weil das mein Stil ist und ich glaube dass so viele schöne Sachen entstehen. Ich glaube die Schauspieler sind auch glücklich wenn man sie fordert und sie Freiheiten haben. Ich habe versucht beim Casting darauf zu achten, dass die Schauspieler dieses Feingefühl mitbringen. Wenn sie das haben, kann man tolle Sachen machen.



 


 
 

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