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Hotel Lux Interview mit Regisseur Leander Haussmann

TS: Kann, muss oder darf man einen Film über den Totalitarismus heute nur noch als Komödie oder Tragikomödie erzählen?

Leander Haußmann: Ich möchte noch etwas sagen, was noch nicht zur Sprache kam: Es ist nicht umsonst ein Komiker die zentrale Figur. Sie dürfen nicht vergessen wenn eine Diktatur entsteht, wenn die Machtstruktur sich aufbaut, dann sind die Komiker die ersten Opfer. Das ist so, weil man Komiker sehr ernst nimmt in einer Diktatur, weil die Diktatur sich dadurch auszeichnet, dass sie keinen Humor hat. Darin gleichen sich alle Dikataturen, neben der radikalen Gewaltausübung. 1942 wurde noch noch ein Schauspieler, ein ganz unpolitischer, naiver Typ, der in der Kantine einen Witz erzählt hat, der wurde geköpft. Das sind nicht die Helden von denen wir heute reden. Auch das war mir wichtig, zu zeigen, dass es Menschen gab, die keine Helden waren, die nicht dem Widerstand angehörten, aber für die es eine große Sache war, die Individualität und Souveränität rüber zu retten über so ein System. Das ist eine ganz große Leistung, das hat nicht jeder geschafft und da leiden auch viele noch drunter und der Film ist auch ein bißchen eine Hommage an solche Charaktere, von denen es viele gibt und gab.

TS: Die Kommunisten in ihrem Film sind Witzfiguren, die ideologisches Kauderwelsch plappern. Was wollen sie mit dem Film aussagen ?

Leander Haußmann: Was mich wirklich an der Geschichte interessiert hat war die Nähe zwischen Faschismus und Kommunismus. Ich verstehe nicht wie man heute nach all dem was passiert ist in diesen Jahrzehnten, in diesem Jahrhundert noch etwas Gutes darin sehen kann. Das ist mir unbegreiflich und ich würde gerne meinen Teil dazu beitragen, dass man sich nochmal Gedanken darüber macht. Allein dass Stalin dem Hitler zwar nicht persönlich aber zumindest dem Außenminister die Hand gereicht hat, das sagt mir eigentlich, dass die Ziele fast die gleichen waren. Es ist klar, warum das im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verschüttet wurde. Aber wir sind jetzt in der dritten Generation und können da ruhig mal drüber sprechen.
Da kündigt sich eine Form an wie später die Staaten gelenkt wurden, dieses Öde, Traurige und Menschenerachtende, das in dieser Sprache drinsteckt. Man kann sagen, dass in dieser Zeit - und das sage ich voller Verständnis - die Starken, die Aufrechten, die Ehrlichen nicht haben überleben können. Die, die überlebt haben, die sind nicht sauber, zum größten Teil nicht. Das wissen wir von Herbert Wehner, von Ulbricht sowieso, selbst Georgi Dimitrov, der ja ne große Leistung vollbracht hat vor dem Volksgerichtshof, der die Nazis bloßgestellt hat, der wurde in Moskau gebrochen, wurde zu einem der größten Stalinisten der dann in Bulgarien gewütet hat. Auf uns hat man diesen Oberbürokraten Ulbricht losgelassen und später seinen Ziehsohn Honecker. Das konnte nicht funktionieren. Dass das überhaupt bis `89 gehalten hat ist ein Wunder. Und diese Menschenverachtung die muß man gleichsetzen mit den Nazis. Das ist noch nicht passiert und das habe ich jetzt gemacht. Ich komme ja aus der DDR und es ist nicht zu verachten, was da heute noch an Traumata in diesem Volk da ist. Meine Art ist es eben, das unterhaltsam zu zeigen und nicht ernst, damit man Lust hat sich das anzuschauen. Wenn es dann Nachfolger geben sollte, die sich damit ernsthaft auseinandersetzen, als Drama oder Tragödie, darüber wäre ich sehr froh, dann wäre mein Auftrag erfüllt. Vielleicht habe ich dann auch eine Tür dafür geöffnet.

Das Team von Hotel Lux


FILM.TV: Was hat sie an dem Projekt interessiert ?

Leander Haußmann: Ich bin der Meinung, das die Thematiken des Kommunismus noch nicht abgearbeitet sind - im Gegensatz zum Faschismus. Bestimmte Strömungen setze ich ja gleich - Kommunismus, Faschismus, Radikalität, Gewalttätigkeit zum Machterhalt, die Opfer, das ist alles nicht wirklich verarbeitet. In den Gebieten der früheren Sowjetunion ist es auch gefährlich, das Thema anzusprechen oder da zu filmen. Man kann da relativ schnell verhaftet werden wegen Verunglimpfung der Taten im 2. Weltkrieg. Das ist also ein relativ brisanter Stoff und ich weiß auch, dass zu den Nürnberger Prozessen die Alliierten zusammengesessen haben und den Pakt zwischen Russland und Deutschland besprochen haben. Es sind viele Thematiken da drin und ich hoffe mir durch diesen erstmal unterhaltsamen Ansatz, dass er eine Diskussion lostritt. Wenn sich Frau Lötzsch (Parteivorsitzende der Partei "Die Linke") sagen kann, dass sie wieder für Enteignung ist, dann sollte man vielleicht mal drüber sprechen was da für menschliche Schicksale an so einem Wort dranhängen. Ich finde einfach, der Kommunismus ist noch nicht verarbeitet. Das ist ja auch mein Thema und ich finde auch es ist an der Zeit.

FILM.TV: Sie haben auch das Drehbuch geschrieben. Den ersten Entwurf hat jedoch Uwe Timm geschrieben. Haben sie seinen Entwurf mehr auf Komödie gedreht ?

Leander Haußmann: Das war sehr lustig mit dem Uwe Timm.Wir haben ein Jahr lang ein Exposé geschrieben, lange miteinander gesprochen und uns oft getroffen. Irgendwann hat er gesagt "Ich kann nicht mehr, es ist mir zuviel mit deinen Ideen, schreib das Drehbuch selber, ich möchten jetzt meinen Roman schreiben. Hier hast du das Exposé, mach was du willst!" Ich war damit aber überfordert, denn die Hauptproblematik bei einem Film der Hotel Lux heißt sind natürlich die Menschen im Hotel. Es bietet sich ja (...der Film...) "Menschen im Hotel" an, also Episoden die zusammenarbeiten aber das ging irgendwie nicht, das war uninteresant. Wir brauchten einen Plot und den zu erarbeiten hat einige Zeit in Anspruch genommen und so habe ich dann eigentlich ein komplett neues Drehbuch geschrieben, in dem allerdings die Figuren schon von Uwe Timm und Volker Einrauch in der Grundstruktur angelegt waren. Den Hans Zeisig habe ich dann ein bißchen nach meinen Gusto geschrieben und nach meinem und Bully´s Charakter als klar war, dass er ihn spielt.

FILM.TV: Sie sind ein Bewunderer von Ernst Lubitsch. Das merkt man dem Film auch an. Ist es nicht schwer so ein Vorbild zu haben und beim Schreiben gleichzeitig was Eigenes zu schaffen ?

Leander Haußmann: Billy Wilder hatte über seinem Schreibtisch stehen "Wie hätte Lubitsch das gemacht ?" Das habe ich mir zu Herzen genommen. Ich würde mich aber nicht vergleichen wollen, um Gottes Willen. Es gab auch mal ne Szene mit Lubitsch im Film, da trifft Hans Zeisig auf Lubitsch in der US-Botschaft wo er aber nicht unterkommt, weil sie ihn für einen Kommunisten halten. Das war allerdings ein Strang in der Geschichte zu viel, auch Lubitsch habe ich lieber rausgenommen, um diese Vergleiche gar nicht erst von mir aus herzustellen. Wenn man das positiv meint, dann fühle ich mich natürlich sehr geehrt, wenn man Lubitsch hier ins Spiel bringt. Da ist aber schon noch einiges andere drin. Es gibt einige Film von Lubitsch, die sind perfekt. Wenn man einmal im Leben so einen Film machen kann, wäre das toll. Das sind große Meister, Genies. Ich wäre gerne eines (lacht). Die Diskussion "Darf man ein ernstes Thema komödiantisch bearbeiten?" gibts schon seit damals, um die Frage gleich mal vorwegzunehmen. Da ist Lubitsch ein großer Meister in der Eleganz, solche Themen anzufassen. "Sein Oder Nichtsein" (von Lubitsch) wurde aber erst posthum ein Erfolg. Das hoffe ich bei "Hotel Lux" natürlich nicht.

Leander Haussmann und seine Darsteller



 


 
 

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