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Antonia Campbell-Hughes Interview zu 3096 Tage

21.02.13 17:55

Als bekannt wurde, dass die Geschichte von Natascha Kampusch verfilmt werden soll, gab es viele Spekulationen, wie die Besetzung aussehen würde. Letztendlich sorgte gerade die Wahl der Hauptdarstellerin für Überraschungen. Die hierzulande bis dahin kaum bekannte Irin Antonia Campbell-Hughes übernahm die Rolle der 14- bis 18-jährigen Natascha Kampusch. Die Darstellerin wirkt zart und zerbrechlich, anders als Natascha Kampusch heute in Interviews und Dokumentationen zu sehen ist. Allerdings sollte man bedenken, dass Natascha Kampusch nach ihrer Flucht fast dasselbe Gewicht hatte wie als Kind mit zehn Jahren, weil sie vom Täter in den Jahren der Gefangenschaft systematisch ausgehungert wurde. So wertete auch Natascha Kampusch selbst Antonia Campbell-Hughes als richtige Besetzungswahl: „Dank ihrer Physiognomie bringt sie gut das Erfrorene und Verlassene rüber, so wie ich mich in vielen Phasen gefühlt habe.“

Im folgenden Interview spricht die Newcomerin unter anderem über ihre Vorbereitung auf den stark diskutierten Film 3096 Tage (Kinostart: 28.02.2013) und die anstrengenden Dreharbeiten.

Sie spielen Natascha Kampusch im Alter von 14 bis 18 Jahren. Wie lang haben Sie gebraucht, um sich in diese Rolle hineinzufinden?

Antonia Campbell-Hughes: Das war eine lange Reise für mich, weil ich vor Beginn der Dreharbeiten mehrere Monate Zeit hatte, mich vorzubereiten. Je mehr ich mich in den Fall einlas, desto mehr hat mich das alles mitgenommen. Manchmal war ich richtig niedergeschlagen Aber da musste ich durch, damit ich die Rolle so spielen konnte, wie Natascha Kampusch es verdient. Für mich ist sie eine Heldin. Sie hat sich in einer Extremsituation nicht aufgegeben.

Natascha Kampusch schrieb in ihrem Buch, dass sie nicht als Opfer gesehen werden will, sondern als Überlebende. Wird das auch im Film deutlich?

Antonia Campbell-Hughes: Absolut. Ich spiele sie als Jugendliche, die langsam heranreift und sich ihrem Schicksal nicht mehr fügen will. Das Verhältnis zum Entführer ist sehr speziell. Er bedroht und beschützt sie gleichermaßen, er gibt ihr Essen und entzieht es ihr, er quält sie und gibt ihr Zuneigung.

Wie verändert sich im Film das Verhältnis zwischen Wolfgang Priklopil und Natascha Kampusch?

Antonia Campbell-Hughes: Als sie älter wird, erkennt sie ihre Macht als Frau. Sie ist nicht mehr das schüchterne Mädchen, das alles mit sich machen lässt. Sie hat sich durch Bücher, Filme und durch das Radio weitergebildet. Sie ist intelligent, analysiert ihre Situation. Die ursprüngliche Dominanz des Entführers bekommt immer mehr Brüche, als Natascha Kampusch damit beginnt, Forderungen zu stellen.

Wie war die Zusammenarbeit mit Regisseurin Sherry Hormann?

Antonia Campbell-Hughes: Großartig! Um einen emotionsgeladenen Film wie diesen drehen zu können, muss die Chemie zwischen den Darstellern und der Regisseurin stimmen. Ich habe sehr viel Energie investiert, um mich in meine Rolle hineinzufinden. Sherry Hormann hat ebenso viel Energie darauf verwendet, die zentrale Figur dieses Films zu entwickeln.

Was für eine Hauptfigur sehen wir jetzt im Film?

Antonia Campbell-Hughes: Sherry Hormann hat oft betont, dass Natascha überlebt hat, weil sie voller Leben und Hoffnung war. Sie fand sich in einer Extremsituation wieder und hatte keinen Kontakt zur Außenwelt. Doch anstatt zu verzweifeln und sich aufzugeben, schuf sie mit Intelligenz und Phantasie ihre eigene Welt.

Thure Lindhardt spielt Wolfgang Priklopil und wirkt in einigen Szenen extrem brutal. Färbt so etwas auch auf das private Verhältnis am Set ab?

Antonia Campbell-Hughes: Wir haben ganz bewusst vermieden, beste Freunde zu werden. Zu viel Nähe hätte unser Zusammenspiel negativ beeinflussen können. Thure ist ein brillanter Schauspieler und ich habe großen Respekt vor seiner Arbeit, so wie er auch Respekt vor meiner Arbeit hat. Er spielt den Zorn, die Bedrohung, das Finstere mit einer unglaublichen Intensität. Aber die noch größere Leistung besteht darin, von der Rolle des Gewalttäters plötzlich in die Rolle des fürsorglichen Aufpassers zu wechseln. Das sind zwei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, wie bei „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“

Welche Szene war die größte Herausforderung für Sie?

Antonia Campbell-Hughes: Eigentlich waren alle Szenen sehr intensiv. Manchmal ist es sogar leichter, die richtig hart wirkenden Szenen zu spielen, weil man da seinen Gefühlen einfach freien Lauf lassen kann. Das sind Szenen des Hungers, der Einsamkeit, des Schmerzes. Schwieriger sind die Szenen, in denen sich die Gemütslage plötzlich ändern soll. Natascha Kampusch war in ihrer Gefangenschaft wie eine Schauspielerin. Sie hat dem Entführer vieles vorgespielt, um ihre wahren Gefühle zu vertuschen oder ihre Situation für einen Moment zu verbessern. Dieses Spiel im Spiel glaubwürdig darzustellen, war für mich die größte Herausforderung.

Wie haben Sie am Ende eines Drehtages in Ihr normales Leben zurückgefunden?

Antonia Campbell-Hughes: Auch in dieser Hinsicht war Sherry Hormann eine erstklassige Regisseurin. Sie wusste und weiß, dass ich mit meinen Rollen immer eins werde. Deshalb sagte sie mir oft, ich solle in die reale Welt zurückkommen und Licht in mein Leben lassen, so wie auch Natascha Kampusch Licht in ihr Leben ließ, nachdem sie aus ihrer Gefangenschaft fliehen konnte. Der Umstand, dass wir im Studio gedreht haben, war dabei sehr hilfreich. In künstlich geschaffenen Kulissen sind auch Gefühle besser kontrollierbar. Hätten wir in einem echten Haus gedreht, hätte ich die Rolle vermutlich noch sehr viel länger mit mir herumgetragen.

Am 28.02.2013 startet 3096 Tage in den deutschen Kinos.



Autor: Jochen Becker | mit Material von Pure Online


 
 

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