Infos zum Film Die Boxerin

Und Frust gibt es in Eberswalde wahrlich genug. Arbeitslosigkeit, Alkohol, Beziehungskonflikte und immer neue Enttäuschungen, der triste Alltag in der Stadt macht es einem nicht leicht. Auch Joe sieht keinen Silberstreif am Horizont, denn ohne Geld und Freunde, mit einer trinkenden und arbeitslosen Mutter (Manon Straché) und der streunenden kleinen Schwester Kathrin (Karoline Teska) liegt das Glück nicht gleich um die Ecke.

Gut geht es Joe nur, wenn sie im Schuppen hinterm Haus auf ihren Boxsack eindrischt. Am liebsten würde sie Boxerin werden, wie ihr verstorbener Vater. Auch wenn ihre Mutter das alles andere als gern sieht. Als Joe wieder mal völlig demoralisiert ist, fasst sie sich jedoch ein Herz und beginnt, im örtlichen Boxclub zu trainieren. Dabei ist sie so überzeugend, dass Boxclub-Chef Igor (Martin Brambach) Joe unter seine Fittiche nimmt. Doch auch hier sind die Jungs gegen sie. Egal, Joe boxt einfach weiter.

Als ihre beste Freundin Stella (Fanny Staffa), die zehn Jahre in Berlin gelebt hat, zurückkehrt, kommt endlich frischer Wind in Joes Leben. Stella ist wie sie. Endlich ist da jemand, der sie  akzeptiert. Mit ihr im Duett gewinnt Joe sogar den Karaoke-Wettbewerb in einer Disco und spannt noch am selben Abend ihrer Erzfeindin Mandy den Freund aus. Mario (Devid Striesow) schweißt in Eberswalde Cabrios zusammen,  und Joe findet ihn richtig sexy. Seit langem wieder einmal ist sie richtig glücklich.

Dass das nicht so bleiben kann ist natürlich klar. Erst streitet sich Joe heftig mit ihrer Mutter, dann schafft sie es, Mario und Stella zu vergraulen. Und schließlich fasst sie auch noch den Entschluss, das Boxen aufzugeben. Joe hat einfach kein Talent zum Glücklich sein.

Joe steht also wieder mal ganz allein auf weiter Flur, mit nichts in den Händen. Doch da bekommt sie die Chance, bei den Berliner Amateurmeisterschaften anzutreten. Und endlich ist sie bereit, sich zu stellen.

Joe setzt sich aufs Mofa und lässt Eberswalde hinter sich…

 

GESPRÄCH MIT REGISSEURIN CATHARINA DEUS

Sie selbst sind in der Nähe von Hamburg aufgewachsen, beschreiben die Situation, in der sich Joe und ihre Freunde und Familie befinden, aber sehr realistisch. Wie kommt das?

Wir, die Autorin Martina Klein und ich, stammen beide aus Westdeutschland, leben aber seit vielen Jahren in Ostberlin. Vielleicht ist gerade dieser unvoreingenommene und dadurch neugierige Blick gut. Ich hätte wahrscheinlich größere Probleme, einen Film über die Menschen aus meiner Gegend zu machen. Da gibt es nicht den Abstand für eine Geschichte, die eine Allgemeingültigkeit verdient. Ich finde es spannend, etwas über andere Menschen und Lebenswelten zu erfahren. Dieser autobiografische Ansatz, der angeblich für Wahrheit bürgt, interessiert mich nicht so. Als wahr empfindet man doch, was realistisch wirkt – wenn es psychologisch stimmig ist, wenn man es nachvollziehen kann.

 

Wie würden Sie die Hauptfigur Joe beschreiben? Was treibt sie, wohin treibt sie?

Joe ist eine Außenseiterin in ihrem Dorf. Zu ihrem Außenseiterdasein gehört, dass nicht nur die anderen, sondern auch sie selber diese Rolle immer wieder neu füllt. Das ist ein Schema, aus dem sie nicht mehr heraus kommt. Wenn man Joe im Film erlebt, spürt man sehr genau, dass es da eine gegenseitige Entsprechung gibt. Joe provoziert ja auch.

Wenn man außerhalb steht, bedeutet das aber auch, dass man sich woanders hinsehnt, dass man erst noch finden muss, wo man hingehört. Und dies sucht Joe die ganze Zeit, und probiert dabei so viel aus.

 

Dabei wirkt sie auch etwas orientierungslos. Was meinen Sie, ist sie damit exemplarisch für die heutige Zeit, für junge Menschen in ihrem Alter?

Ich maße mir nicht an, zu sagen, die Jugend sei im Allgemeinen heute so oder so ähnlich, und ich glaube, das tut DIE BOXERIN auch nicht. Wichtiger wäre mir zu zeigen, wie schwer es überhaupt für junge Menschen ist, einen Funken Selbstvertrauen zu entwickeln. Orientierungslosigkeit kann sich aus sehr unterschiedlichen Gründen ergeben, bei den einen aus einem „zu viel", aus Grenzenlosigkeit. Bei Anderen aus einer gefühlten Enge heraus, aufgrund von zu wenig Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Dies gilt auch für Joe am Anfang der Geschichte. Als sie dann endlich den Mut fasst, sich im Boxen, in Freundschaft und Liebe auszuprobieren, passiert viel zu viel auf einmal und sie verliert sich darin.

 

Generell besticht der Film durch seinen Realismus. Dennoch überzeichnen Sie bisweilen auch.

Ich begreife Realismus nicht als eine Eins-zu-Eins-Abbildung. Das geht meiner Meinung nach nicht, weil die Wirklichkeit von jedem anders empfunden wird. Eine Überzeichnung muss sich für mich ganz logisch ergeben, wenn es um allgemeingültiges Geschichtenerzählen geht. Dadurch können sich die Zuschauer auf einer anderen Ebene wieder einfinden und identifizieren. Die Überzeichnung, die man in DIE BOXERIN findet, war von vornherein durch die Autorin Martina Klein gesetzt, durch eine Höhe in den Figuren und Situationen und durch stilisierte Dialoge. Was sie nicht wollte, war diese Art von Dialogen, die so tun, als ob sie den Menschen vom Mund abgeschaut wären.

 

Erzählen Sie etwas zur Entstehungsgeschichte des Films.

Ich kenne Martina Klein, die Drehbuchautorin und Ideengeberin des Films, seit dem ersten Studienjahr an der dffb. Vor DIE BOXERIN haben wir schon zwei Kurzfilme – 1/2 8 und Der Freund der Friseuse – in dieser Konstellation zusammen realisiert. Drehbuchschreiben und Inszenieren erfordern sehr unterschiedliche Kräfte, wir ergänzen uns da sehr gut. Nicht nur die Autorin, sondern auch die Kamerafrau Birgit Möller, den Tonmeister Dirk Homann, die Cutterin Svenja Cussler und die Komponistin Cassis kenne ich von den bereits genannten Kurzfilmen. Ich finde, es macht vieles leichter, wenn man in einem festen Team arbeitet. Wir können auf unseren Erfahrungen aufbauen und aus gemachten Fehlern lernen, und wir bleiben auch in den Zeiten, in denen wir nicht drehen, im Austausch. Außerdem macht mir das Arbeiten mit Freunden mehr Spaß.

 

Auf den ersten Blick erinnert DIE BOXERIN an Million Dollar Baby? Die Filme sind aber sicherlich unabhängig voneinander entstanden..?

Ja! Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich im Rahmen der Oscar-Nominierungen von Clint Eastwoods Film hörte und mir ausrechnete, dass wir zur selben Zeit gedreht haben müssen. Mir erschien das als ein gutes Zeichen in dem Sinne, dass Frauenboxen nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat seit die Autorin Martina Klein 1999 die Idee zu DIE BOXERIN hatte. Ich war natürlich sehr gespannt auf Million Dollar Baby. Die beiden Filme sind jedoch grundverschieden – anders als bei Eastwoods Film steht in DIE BOXERIN das Mädchen, Joe, im Zentrum der Geschichte. Und es geht neben den äußeren Widerständen, die Joe zu überwinden hat, vor allem auch um die eigenen inneren Konflikte.

 

Das Ensemble der BOXERIN ist für einen Abschlussfilm beachtlich. Wie kam es dazu?

Das Drehbuch kam bei den Schauspielerinnen und Schauspielern so gut an, dass sie, obwohl wir allen nur eine sehr niedrige Gage anbieten konnten, die Rollen gern übernahmen. Die meisten von ihnen drehten zur selben Zeit aber noch in anderen Filmen, daher war vom Drehplan her alles extrem kompliziert. Die Schauspieler haben dankenswerterweise jedoch große Belastungen auf sich genommen.

 

Wie kamen Sie auf Katharina Wackernagel für die Hauptrolle? Und wie war die Zusammenarbeit mit ihr?

Das Casting dauerte fast ein Jahr. Ich musste erst einmal erkennen, dass ich keine echte Boxerin finden würde, die in der Lage wäre, die Komplexität der Hauptfigur umzusetzen. Zudem war die Rolle der Joe zu diesem Zeitpunkt noch auf das Alter 17 angelegt. Das hieß, ich suchte nach einer jung wirkenden Darstellerin, die gleichzeitig einiges an Lebenserfahrung für die Figur mitbringen sollte. Schließlich erzählte mir Martina Klein, dass sie kurz zuvor Katharina Wackernagel in Hat er Arbeit? von Kai Wessel gesehen hatte und sie sich gut als Joe vorstellen könne. Gleichzeitig überlegte Martina, für Katharina Joes Alter auf 19 umzuschreiben. Zufällig stand ich ein paar Tage später in einem Club und sah plötzlich Katharina Wackernagel auf der Tanzfläche abrocken! Sie tanzte voller Energie und so "joe-mäßig", dass ich die Hauptfigur schon halb vor mir sah. Ich schrieb Katharina am nächsten Tag einen Brief  und schickte ihr das Drehbuch. Und als sie es dann gelesen hatte, wollte sie unbedingt die Rolle der Joe übernehmen. Sie war wirklich von Anfang an vom Buch und der Figur überzeugt. Und wir waren uns schnell einig darüber, wie sie die Figur darstellen würde. Es war einfach ein Glücksfall, eine gute Chemie zwischen uns. Wir haben uns bei den Dreharbeiten gegenseitig zwar sehr viel abverlangt, aber dadurch auch viel Kraft geschöpft. Für mich war es ein Geschenk, mit einer so erfahrenen Schauspielerin zu drehen. Sie ist ja wirklich ein Profi, und ich habe viel von ihr gelernt.

 

Katharina Wackernagel hatte vor dem Film keine Erfahrung mit dem Boxen. Wie hat sie es gelernt?

Katharina musste bei Null anfangen, und es gab keine Sicherheit, dass sie bis Drehbeginn glaubhaft gegen die erfahrene Amateur-Boxerin Thurid Doß bestehen würde. Sie hat etwa fünf Monate vor den Dreharbeiten mit dem Training begonnen, hat sich langsam gesteigert, bis sie am Ende sechs Tage die Woche trainierte. In der letzten Phase hat sie gemeinsam mit Thurid Doß immer wieder die Choreografie des Boxkampfes geprobt. ihr Boxcoach und der Choreograph der Boxszenen war Marc Richter, der in DIE BOXERIN den Boxerjungen Ali spielt.  Auf Grund des Boxens also eine ungewöhnlich lange Vorbereitung, die Katharina aber auch die Möglichkeit gab, sich inhaltlich intensiv auf die Rolle vorzubereiten.

 

Welche Rolle nimmt das Boxen im Film eigentlich ein?

Obwohl das Boxen ganz genre-typisch funktioniert, ist DIE BOXERIN kein reiner Boxfilm. Es ist vielmehr ein Film über ein Mädchen, das mit sich und fast allen um sie herum im Konflikt steht. Ihr immer größer werdender Wunsch zu Boxen verstärkt diese Konflikte. Aber es ist schließlich auch das einzige, was Joe bleibt, und was sie „machen kann, ohne dass ihr das Kotzen kommt".

So wie es häufig bei Boxerinnen passiert, ist Joe über ihren Vater zum Boxsport gekommen. Durch seinen Tod sind sie und ihre Familie in eine Orientierungslosigkeit gefallen, und Joe traut sich nur noch heimlich zu boxen. Wenn sie sich am Ende entscheidet, ihren ersten Amateurkampf zu bestreiten, ist sie ein gutes Stück weiter gekommen in der Erkenntnis darüber, was sie kann und wohin sie will. 

 

In der Jury-Begründung des „German Independence Award" wurde vor allem die „herausragende Qualität der Schauspielführung“ gelobt. Wie arbeiten Sie mit den Schauspielern?

Für mich sind die Schauspieler wirklich das Kernstück des Films, darüber geht nichts. Ich bin nicht Technikversessen, und für mich kann die Kamera in einem Take auch mal nicht so perfekt sein, wenn dafür die Schauspieler gut sind. Letztendlich werden die Zuschauer über das Schauspiel in der Geschichte gehalten, über die glaubwürdige Interpretation einer Figur. Die Schauspieler haben bei den Dreharbeiten für DIE BOXERIN einfach sehr schnell gemerkt, was sie mir bedeuten, und dass ich ihnen wirklich zugucke, und das hat sie beflügelt. Und dann bin ich so offen wie möglich für die Vorschläge und die Angebote der Schauspieler, weil ich das sehr bereichernd finde, und ich schaue gleichzeitig, dass ich als „Spielleiterin" den roten Faden beibehalte.


    
                                                                                                                         112 Min

In ihrem brandenburgischen Heimatort Eberswalde fühlt sich die 19jährige Johanna alias Joe (Katharina Wackernagel) wie eine Außerirdische. Während sich ihre Altersgenossinnen in Minirock und bauchfreien Tops auf todschicken Inline-Skates präsentieren, pflegt sie mit ihrem Mofa, ihrer Jeans und dem Parka eher den schnörkellosen Stil eines Marlon Brando. Klar, die Eberswalder finden das seltsam und nehmen Joe nicht für voll, zumal sie mit ihrer direkten, ruppigen Art oft genug aneckt. Mit Männern und sowieso fast allen Menschen, denen sie begegnet, hat sie nur Ärger.

Keine drei Monate hält sie es für gewöhnlich in ihren sturzlangweiligen Jobs aus, bevor ihr mal wieder die Sicherungen durchbrennen und sie wie zuletzt einer Kundin den Getränkekasten auf die Zehen kippt. So voller Aggressionen Joe oft steckt, so wenig wehrt sie sich, wenn ihre Mitbürger sie als Fußabtreter benutzen und ihren Frust an ihr auslassen.



 


 

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