Ein Perfekter Platz Filmtipp

Mit EIN PERFEKTER PLATZ, ihrem dritten Film, beweist sie erneut ihre Ausnahmeposition unter den französischen Regisseuren: Ihre Filme sind unterhaltsam und fürs große Publikum gedacht, zeichnen sich aber durch ihr hohes Niveau und bemerkenswerte Sensibilität, klugen Humor und tief empfundene Emotionalität aus. Es ist, als setze Danièle Thompson, gewollt oder unbewusst, die Tradition großer Regisseure wie Claude Sautet (DIE DINGE DES LEBENS) und François Truffaut (LIEBE AUF DER FLUCHT) fort, indem sie treffliche Porträts der französischen Bourgeoisie mit ihren kleinen und großen Problemen zeichnet.

In EIN PERFEKTER PLATZ konzentriert sich das Geschehen in den Theatern, Konzertsälen, Hotels und Bistros der vornehmen Pariser Avenue Montaigne. Hier kreuzen sich die Wege von neurotischen Künstlern und bodenständigen Normalos, die einander ihre verpatzten Beziehungen, Enttäuschungen und Verletzlichkeiten offenbaren. Eine mehrstimmige, wunderschöne Komödie über das Theater des Lebens. Elegant fotografiert, romantisch und realistisch zugleich. Mit Menschen, die man in den Arm nehmen möchte. Weil sie echt sind. Und zu Freunden werden.

 

INHALT

Catherine (Valérie Lemercier) ist ein Star im Fernsehen und auf der Bühne, berühmt und vergöttert – doch alles, wovon sie träumt, sind anspruchsvolle Rollen, Autorenfilme und intellektuelle Anerkennung. Abends dreht sie die 100. Folge ihrer Erfolgsserie, tagsüber probt sie in der Comédie des Champs-Élysées ein Lustspiel von Georges Feydeau, und zwischendurch sucht sie verzweifelt Kontakt zu einem berühmten US-Regisseur (Sydney Pollack), der einen Film über Simone de Beauvoir drehen will. Überarbeitet und von Stunde zu Stunde hysterischer, fürchtet sich Catherine vor dem 17. des Monats, dem Abend der Theater-Premiere. Doch obwohl sie viel lieber Sartre spielen würde, muss sie sich zusammenreißen und ihr Bestes geben, wenn sie in der Feydeau-Farce triumphieren will.

Jean-François (Albert Dupontel) ist ein begabter Konzertpianist, international bewundert und auf Jahre hinaus restlos ausgebucht. Am 17. wird er im Konzertsaal nebenan, einem der schönsten weltweit, Beethoven spielen, zusammen mit den besten Musikern, vor einem anspruchsvollen Publikum. Doch alles, wovon Jean-François träumt, sind Einsamkeit, Freiheit und die Chance, vor ganz normalen, unverbildeten Menschen aufzutreten, die seine Musik nicht nur konsumieren, weil es zum guten Ton gehört. Als er seiner Ehefrau (Laura Morante), die zugleich seine Managerin ist, offenbart, dass er den Klassik-Zirkus nicht mehr erträgt, steuert ihre Beziehung in eine schier unlösbare Krise.

Jacques (Claude Brasseur) ist ein Selfmade-Man, der – aus kleinsten Verhältnissen stammend – mit harter Arbeit ein Vermögen angehäuft hat. Daneben interessierte er sich ein Leben lang für die Kunst, suchte und förderte Künstler und plünderte regelmäßig seine Konten, um seine Sammlung wertvoller Kunstschätze zu vervollständigen. Doch am 17. will er alles versteigern lassen, denn er fühlt sein Ende nahen und will nicht, wie er sagt, als „Museumswärter" sterben. Trotzdem blickt er dem Abend, an dem sein Lebenswerk innerhalb weniger Stunden aufgeteilt und in alle Welt versteigert wird, mit gemischten Gefühlen entgegen. Nicht zuletzt deshalb, weil er just in diesen Tagen seinem erwachsenen Sohn (Christopher Thompson) wiederbegegnet, zu dem er nicht das beste Verhältnis hat.

Jessica (Cécile de France) kommt hoffnungsvoll aus der Provinz nach Paris und will ihr Glück in der Hauptstadt machen, inspiriert von ihrer geliebten Großmutter (Suzanne Flon), die ein Leben lang als Toilettenfrau in Pariser Fünf-Sterne-Hotels ihr Geld verdiente und ihrer Enkelin zu sagen pflegt: „Ich konnte es mir nicht leisten, im Luxus zu leben, also habe ich beschlossen, im Luxus zu arbeiten." Doch einen Job und eine Wohnung zu finden, ist schwieriger, als Jessica gedacht hätte. Der Zufall führt sie schließlich in die Bar des Thèatre, ein Bistro, das in unmittelbarer Nähe des Theaters, des Konzertsaals und des Auktionshauses liegt. Da der Patron (François Rollin) weiß, dass am 17. in der Avenue Montaigne aufgrund der verschiedenen Veranstaltungen die Hölle los sein wird und ihm Personal fehlt, stellt er Jessica als Aushilfskellnerin ein, zunächst für ein paar Tage zur Probe.

In seinem Lokal verkehren alle – Schauspielerin, Pianist, Concierge, Kunstsammler, der Sohn des einen und die Frau des anderen – um ihre Neurosen zu pflegen oder bei einer Tasse Kaffee oder einem schnellen Steak mit Pommes frites ihrem oft selbstgemachten Stress zu entfliehen. Jessica freundet sich mit dieser Hand voll Menschen an, die aus einer Welt stammen, die sie bis dahin nicht kannte und die sie stets für geradezu paradiesisch gehalten hat. In den aufregenden, ereignisreichen Tagen bis zum 17. wird Jessica, die ihrer scheinbaren Naivität zum Trotz eine gute Menschenkenntnis besitzt und nicht auf den Kopf gefallen ist, so manche Illusionen verlieren.

Doch sie wird auch etwas für die Zukunft lernen: dass es verdammt schwer ist, den perfekten Platz im Leben zu finden. Damit verhält es sich genauso wie im Theater oder Konzertsaal: zu weit weg, verpasst man die Hälfte der Vorstellung, zu nah dran, und man sieht rein gar nichts mehr...

 

PRODUKTIONSNOTIZEN

Ein Gespräch mit Danièle und Christopher Thompson

DANIÈLE THOMPSON: Für mich ist EIN PERFEKTER PLATZ mit seinem Dutzend Figuren, deren Wege sich in der Avenue Montaigne ständig kreuzen, eindeutig eine Art Nachbarschaftsfilm. Eines Abends stand ich auf dem Bürgersteig der Avenue Montaigne und beobachtete die Menschen, die gleichzeitig aus all diesen Gebäuden auf die Straße drängten: aus der Comédie des Champs-Élysées, aus dem Konzertsaal, aus dem Auktionshaus, aus den Luxushotels und den Boutiquen. Innerhalb dieses kleinen Radius herrschte ein unglaublicher Betrieb. Ich bin mehrmals dorthin zurückgekehrt. Die Leute kommen und gehen, es ist ein Zusammentreffen der unterschiedlichsten Welten. Da gibt es Künstler und Techniker, Kunstliebhaber und Händler – Menschen, die sich anderswo nie begegnen würden. Auf ein und demselben Bürgersteig werden Kostüme, Theaterkulissen, Musikinstrumente und Kunstobjekte angeliefert, außerdem Gemüse und Fisch für das Restaurant, das sich auf dem Dach des Theaters befindet, oder für das Hotel Plaza-Athénée gleich nebenan.

CHRISTOPHER THOMPSON: Es handelt sich um eine Gegend von Paris, die der Show, der Kultur und dem Luxus geweiht ist. Man könnte sagen: dem Überflüssigen. Aber es ist eine Ecke, die zum Träumen verleitet, und wenn man dort länger verweilt, merkt man, dass es hier eine wirkliche gelebte Nachbarschaft gibt. Da es sich um ein Viertel handelt, das von Touristen, Künstlern und Kunden frequentiert wird, sind die erzählerischen Möglichkeiten schier unbegrenzt.

DT: Im Nachhinein bin ich mir bewusst geworden, dass wir in der Anfangsphase eines gemeinsamen Projekts unbewusst immer gleich vorgehen: Wir stecken die Grenzen ab – Ort, Zeit, Figuren – und suchen erst dann nach einer Geschichte. Bei LA BÛCHE war es eine Familie, drei Tage, Weihnachten. Bei JET LAG war es eine romantische Begegnung, ein Flughafen, 24 Stunden. Bei EIN PERFEKTER PLATZ sind es die drei Tage, die einem für alle Personen entscheidenden Abend vorausgehen, vor allem aber ist es ein Stadtviertel.

CT: Mit einem gemeinsamen Treffpunkt: dem Bistro gegenüber.

DT: Die Bar des Théâtres ist, wie ihr Patron sagt, ein Mikrokosmos. Hier begegnet man Straßenkehrern ebenso wie Topmodels, Concierges ebenso wie Gästen aus den Luxushotels. Sie ist sowohl Zufluchtsort als auch eine Insel des Widerstands und erzählt gewissermaßen davon, wie unsere Gesellschaft sich entwickelt. Dieses Bistro ist ein Überlebender des alten Paris und widersetzt sich dem Wandel in einem Viertel, das vom Luxus aufgefressen wird.

CT: Ein ganzer Film, der praktisch an einem einzigen Ort spielt – das war die Herausforderung, der wir uns gestellt haben. Unser Schauplatz bietet zwar den Vorteil einiger außergewöhnlicher Kulissen, trotzdem haben wir uns gefragt, ob uns diese Vorgabe nicht zu sehr einengen würde. Und dann haben wir uns gesagt: Nein, schließlich können wir machen, was wir wollen. Für uns sind die Figuren und ihre Entwicklung das Rückgrat des Drehbuchs. Wir führen uns oft einen Satz von Frank Capra vor Augen: „Was die Zuschauer interessiert, sind Menschen". Ganz abgesehen davon, hat sich die Einheit des Ortes zur Genüge bewährt.

DT: Einmal verlassen wir sogar das Viertel und machen einen Abstecher in ein Krankenhaus.

CT: Und außerdem gleich zu Beginn, in der Szene mit Suzanne Flon. Doch abgesehen davon halten wir uns stets in unmittelbarer Nähe des Théâtre des Champs-Élysées auf. Daraus erwächst natürlich das Problem, wie man die Einheit der Zeit wahrt. Man möchte die Figuren allmählich entdecken und ihre Entwicklung beobachten, auch wenn alles innerhalb kürzester Zeit passiert.

DT: Das ist der Vorteil des Kinos: Man kann die Pausen herausschneiden und all das vermeiden, was unser Leben verlangsamt. Man kann wahrhaftig sein, ohne realistisch sein zu müssen. Man beschleunigt alles: den Rhythmus, die Begegnungen, die Gefühle. In einem Film verlieben sich Menschen, ändern ihre Meinungen oder gar ihr Leben innerhalb weniger Stunden. Diese Intensität macht den Reiz dramatischer Geschichten aus.

CT: Um dahin zu kommen, braucht es allerdings sehr viel Zeit, eine Art Reifezeit. Anfangs hatten wir sehr viel mehr Figuren, und jede hatte ihre eigene Geschichte, die mit den Geschichten der anderen in irgendeinem Zusammenhang stand. Aber man muss den Mut aufbringen, auch Szenen oder Figuren, die einem wichtig sind, zu opfern, wenn sie im Drehbuch, so wie es sich entwickelt, nicht mehr zwingend ihren Platz haben.

DT: Das ist gemeint, wenn in der Schriftstellerei von jenem „jungfräulichen Blatt Papier" die Rede ist: Zunächst gibt es nur ein paar abstrakte Farben, einen Schauplatz, vage Figurenumrisse. Aber natürlich stehen von Anfang an auch ein paar Dinge fest. Ich wusste zum Beispiel, dass es eine Platzanweiserin geben würde, die in Rente geht, gespielt von Dani. Diese Figur spukte mir schon lange im Kopf herum. Die Figur der Schauspielerin auch, die von Valérie Lemercier dargestellt wird. Die restliche Arbeit sind monatelange Diskussionen, in denen manche Figuren geboren werden und andere wiederum sterben.

CT: Solche Fragen beschäftigen uns wirklich bis zum Schluss: Haben wir die Figuren voll ausgeschöpft? Sind es wirklich Wesen aus Fleisch und Blut, die lebendig wirken? Was verbindet sie untereinander? Trotzdem hat dieser Entstehungsprozess auch für uns seine geheimnisvollen Seiten. Es gibt Motivationen und Aspekte mancher Figuren, die wir erst entdecken, wenn der Film beendet ist. Sie bilden sich im Laufe dieser langen Arbeit heraus, ergeben sich aus den unterschiedlichen Ebenen. Selbst uns überrascht das Endresultat manchmal.

DT: Nachdem wir drei Filme zusammen geschrieben haben, wird uns immer bewusster, dass wir stets aus derselben Quelle schöpfen. Wovon wir erzählen möchten, sind Krisenmomente. Unsere Filme haben eines gemeinsam: Es sind Komödien über Menschen, denen es schlecht geht.

CT: Keine der Figuren in EIN PERFEKTER PLATZ ist wirklich zufrieden. Selbst die Reichen, Schönen und Berühmten, die ein scheinbar beneidenswertes Leben führen, spüren, dass ihnen etwas fehlt. Sie sind alle auf der Suche.

DT: Ihre Probleme sind die Antriebsfeder der Geschichte. Wir hätten, ausgehend von denselben Konflikten, eine Tragödie oder ein reines Lustspiel schreiben können. Aber ich pendele gern zwischen diesen beiden Polen, versuche auf einem Drahtseil zu balancieren, das zwischen Emotionen und Humor gespannt ist. Schließlich erlebe ich es täglich selbst, dass unmittelbar auf einen Lachanfall ein Heulkrampf folgt. Trotzdem würde ich EIN PERFEKTER PLATZ letztlich als Komödie bezeichnen...

CT: ...als eine menschliche Komödie.

DT: Nicht umsonst haben wir den Titel EIN PERFEKTER PLATZ (Originaltitel: Fauteuils d’orchestre – „Orchesterplätze") gewählt. Im Leben wie im Theater wünscht man sich doch häufig einen anderen Platz. Man sagt sich, dass man besser sieht, wenn man näher an die Bühne rückt, vielleicht etwas mehr links oder etwas weiter rechts sitzt. Man schaut sich um, man wechselt den Platz, man rückt ganz nach vorne bis zu den ersten Plätzen im Orchester-Rang... und dort merkt man schließlich, dass man doch nicht unbedingt besser sieht als vom alten Platz aus.

CT: Für dich hat dieser Titel auch noch eine familiäre Bedeutung.

DT: Es war eine Redewendung meiner Großmutter Marcelle Oury. Wenn sie in der Öffentlichkeit jemandem etwas Vertrauliches sagte, kam es vor, dass sie plötzlich „Fauteuils d’orchestre" flüsterte. Das war ein Hinweis darauf, dass ein Fremder der Unterhaltung lauschte. Und dann ist da noch dieser Gedanke, der Shakespeare und viele andere inspiriert hat: dass unser Leben wie ein Theater ist.

CT: Dinge, Menschen und Ansichten sind in EIN PERFEKTER PLATZ ständig in Bewegung. Aber da ist auch diese unbeantwortete Frage: Und was, wenn alles vorbei ist? Gerade für den von Claude Brasseur gespielten Kunstsammler ist sie von größter Bedeutung, denn er spürt, dass er am Ende seines Lebens angelangt ist. Was bleibt von uns übrig, was werden wir weitergeben, wenn wir nicht mehr da sind?

DT: Es ist eine Frage, die sich durch den ganzen Film zieht. Buchstäblich verkörpert wird sie von der Figur, die Suzanne Flon spielt, und in dem, was sie an ihre Enkelin weitergibt, nämlich Freude am Leben, Hoffnung, Mut und Abenteuerlust.

CT: Für den Kunstsammler und seinen Sohn findet diese Weitergabe ganz konkret mit Hilfe einer Statue statt. Der eine verkauft sie, der andere kauft sie zurück. Dabei handelt es sich auch um eine Art Machtübergabe, sie symbolisiert das gegenseitige Verständnis, das zwischen beiden erst in diesem Schlüsselmoment ihres Lebens möglich wird. Der eine beginnt Bilanz zu ziehen, der andere wird endlich reif. Und beide brauchen einander, um diesen Moment so gut wie möglich zu durchleben. Durch die symbolträchtige Weitergabe der Statue wird die Vergangenheit fortdauern.

DT: Das Thema der Weitergabe spiegelt sich auch in der Kleidung der Figuren wieder. Meine Kostümbildnerin Catherine Leterrier und ich waren uns einig, dass das Äußere des Sohns seiner Entwicklung im Lauf des Films entsprechen musste. Er ist ein brillanter Intellektueller, doch mit seiner kleinen Tasche und dem alten Regenmantel wirkt er ziemlich fade. Wohingegen sein Vater, der aus kleinen Verhältnissen kommend ein Mann von Welt geworden ist, sich sehr elegant kleidet, mit seinen Cashmere-Pullis und klassischen Mänteln. Am letzten Tag ist es freilich der Sohn, der einen sehr eleganten marineblauen Mantel trägt. Die Weitergabe vollzieht sich hier beinahe durch unbewusste Angleichung.

CT: Bei uns beiden hat sich die Weitergabe der Erfahrungen teilweise durch das Kino und die gemeinsame Arbeit ergeben.

DT: Ich habe jahrelang wie selbstverständlich mit meinem Vater zusammen gearbeitet. Aber mit dir war es nicht so einfach. Ich habe mich dir auf Zehenspitzen genähert.

CT: Und ich habe mich lange gegen die Vorstellung gesperrt, mit dir ein Autoren-Duo zu bilden, so wie du es zuvor mit Gérard getan hattest. Aber dann hat es sich einfach so ergeben. Ich finde, dass man im Rahmen dieser gemeinsamen Arbeit ganz wunderbar miteinander reden und voneinander lernen kann. Das ist eine sehr reichhaltige Beziehung und ein großes Glück. Aber es braucht natürlich gute, nachvollziehbare Gründe, um eine solche Partnerschaft einzugehen.

DT: Ich war von vornherein überzeugt, dass sie interessant sein könnte, und sagte mir: „Auch wenn Christopher mein Sohn ist, kann sie durchaus funktionieren."

CT: Damit ein Autoren-Duo funktioniert, müssen beide aus dem anderen das Beste und das Unerwartete hervorkitzeln können.

DT: Du zeichnest dich vor allem durch eine Qualität aus: Du verhinderst, dass wir uns im Kreis drehen. Natürlich bringst du deine Phantasie und deine Kreativität ein, aber du sagst auch: „Vorsicht, hier schlagen wir einen Weg ein, der zu simpel ist". Diese Wachsamkeit ist sehr wichtig.

CT: Du verbeißt dich gern in Dinge und bist dann gnadenlos: Sind wir der Szene wirklich auf den Grund gegangen, was hat sie zu bedeuten? Letztlich bedeutet das nichts anderes, als sich ständig zu fragen: Warum machen wir diesen Film? Und was wollen wir eigentlich damit erzählen?

DT: Es ist eine Arbeit, die Disziplin und Strenge erfordert. Man darf den roten Faden nie aus den Augen verlieren, ungeachtet der Kaffeepausen, in denen wir uns Klatschgeschichten aus der Familie erzählen.

CT: Es macht Spaß, zu zweit zu arbeiten. Es ist wie bei einem Tennis-Match – der Partner muss den Ball zurückspielen können. Manchmal hat man zwei gute Einzelspieler, und sie schaffen es trotzdem nicht als Team. Darum ist das Wichtigste, dass die Spielweise zueinander passt und dass einem tolle Ballwechsel gelingen.

DIE SCHAUSPIELER

Cécile de France (Jessica)

Die am 17. Juli 1975 im belgischen Namur geborene Cécile de France kommt schon mit 17 Jahren nach Paris, wo sie ihr Glück als Schauspielerin versuchen will. Sie erlernt den Beruf an verschiedenen Schauspielschulen und wird schließlich von dem bekannten Talentsucher und Agenten Dominique Besnehard entdeckt, der u.a. Béatrice Dalle zum Star machte. Cécile de France dreht zunächst einige Kurzfilme und spielt fürs Fernsehen und am Theater kleinere Rollen. Der große Erfolg von L‘AUBERGE ESPAGNOLE – BARCELONA FÜR EIN JAHR von Cédric Klapisch und der César für die beste Nachwuchsdarstellerin, den sie dafür erhält, machen sie weit über Frankreichs Grenzen populär.

Filmografie (Auswahl):

2001 TOUTES LES NUITS

Regie: Eugène Green

2002 L’AUBERGE ESPAGNOLE (L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr)

Regie: Cédric Klapisch

2003 HAUTE TENSION (High Tension)

Regie: Alexandra Aja

AROUND THE WORLD IN 80 DAYS (In 80 Tagen um die Welt)

Regie: Frank Coraci

2004 LA CONFIANCE RÈGNE

Regie: Etienne Chatiliez

2005 LES POUPÉES RUSSES (L’auberge espagnole – Wiedersehen in St. Petersburg)

Regie: Cédric Klapisch

2006 FAUTEUILS D’ORCHESTRE (Ein perfekter Platz)

Regie: Danièle Thompson

Cécile de France über Jessica, die Kellnerin

Jessica kommt mit fast allen Figuren des Films in Berührung. Sie ist der rote Faden der Geschichte und dient als Führerin durch eine Welt des Luxus und der Stars, die sie zur gleichen Zeit entdeckt wie der Zuschauer. Und sie tut es leidenschaftlich. Sie begegnet den Menschen auf die gleiche Art, wie sie nach Paris gekommen ist: als Entdeckungsreisende. Ihre Stärke sind die Frische und Naivität ihrer 20 Jahre. Sie hat noch keine Vorurteile und stürzt sich mit einer gewissen Unschuld ins Leben.

Als ich das Drehbuch las, fand ich meine Figur auf Anhieb ungeheuer sympathisch, richtig niedlich und sehr positiv. Ich wollte, dass das Publikum beim Zuschauen denselben strahlenden Eindruck von ihr hat. Ich musste also darauf achten, dass Jessicas Naivität nicht als Dummheit aufgefasst wird, weil sonst die Identifikation mit dieser Figur darunter leiden könnte. Ich musste mein Spiel sehr präzise ausrichten, und dabei hat mir Danièles Blick entscheidend geholfen. Sie hat mir viele Freiheiten gelassen, aber sie inszeniert mit extremer Präzision. Bei Bedarf änderte sie hier und da ein Detail, und so entstand die Figur der Jessica letztlich aus unserer Zusammenarbeit.

Jessica kommt von Macon nach Paris, die Stadt der Lichter. Alles begeistert sie, vor allem in der Avenue Montaigne, wo sie arbeitet und Menschen begegnet, die ihr alle sehr wichtig und reich erscheinen. Ihre Großmutter hat ihr Paris stets wie einen Traum beschrieben, einen Goldschatz, und sie lebt diese Augenblicke wie eine große Chance. Man ahnt, dass sie kein einfaches Leben hatte, selbst wenn sie, danach gefragt, immer nur sagt „Das ist eine lange Geschichte...". Immerhin erfährt man, dass sie von der Krankenschwestern-Schule geflogen ist, dass ihr Freund sie verlassen hat, dass sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen ist nachdem ihre Eltern gestorben sind. Als sie in Paris eintrifft, hat sie weder Arbeit noch eine Wohnung. Aber das spielt keine große Rolle, da sie ja immerhin dabei ist, ihren Traum zu verwirklichen.

Vielleicht ist es die Liebe ihrer Großmutter (Suzanne Flon), die Jessica hilft, nicht vor die Hunde zu gehen. Gleich zu Beginn des Films spürt man, dass es diese Nähe und Komplizität zwischen beiden ist, die ihr hilft, sich vertrauensvoll in ihr neues Leben zu stürzen. Jessica ist eine Abenteurerin. Sie erinnert mich ein wenig an mich selbst, als ich nach Paris kam. Mit 20 Jahren besitzt man eine unwahrscheinliche Willenskraft, vielleicht weil man sich der Fallstricke nicht so bewusst ist. Man dürstet nach Erfahrungen. Jessica hat noch nicht dieses maskenhafte Gesicht, das Pariser mit der Zeit aufsetzen, um sich vor dem Stress des Lebens zu schützen. Jessica ist unverbraucht und vertrauensselig. Ich war genauso, und ich habe in meiner Erinnerung gekramt, um diesen beinahe sorglosen Zustand wieder zu erlangen. Auf der Straße sprachen mich Obdachlose und Verrückte an, weil ich wohl den Eindruck erweckte, ich würde ihnen zuhören. Etwas Ähnliches vermittelt Jessica im Film. Ihre Art löst Vertrauen aus, in ihrer Gegenwart haben die anderen Figuren kein Problem damit, ihr Herz auszuschütten. Das finde ich so schön an EIN PERFEKTER PLATZ – es ist ein Film, in dem man Menschen begreifen lernt, die zunächst ganz weit weg von einem sind. Es kommt echtes Mitgefühl für alle Figuren auf. Ich mochte schon LA BÛCHE sehr, den Danièle und Christopher zusammen geschrieben hatten. EIN PERFEKTER PLATZ verrät dieselbe Handschrift. Es ist ein menschlicher Film.

 

Valérie Lemercier (Catherine)

Die Tochter wohlhabender Landwirte, geboren am 9. März 1964 in Dieppe, wächst mit drei Schwestern auf. Sie erweist sich schon früh als Familien- und Klassenclown und wagt mit 18 Jahren den Sprung nach Paris, wo sie mit zahlreichen Nebenjobs ihr Schauspielstudium finanziert. 1988 debütiert sie in der erfolgreichen TV-Serie „Palace", der Erfolg ist ihr seitdem treu geblieben. Regie-Legende Louis Malle verschafft ihr 1990 in EINE KOMÖDIE IM MAI ihre erste Filmrolle. Die großbürgerliche, verklemmte Spießerin wird in den folgenden Jahren zu Valérie Lemerciers Spezialität. Doch sie entkommt dem Rollenklischee, indem sie als Sängerin ein Album aufnimmt, vielbeachtete Werbespots inszeniert und mit satirischen One-Woman-Shows auf Tourneen durch Frankreich wahre Triumphe feiert. Schließlich untermauert Valérie Lemercier als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin von drei eigenen Filmen, darunter die vergangenes Jahr sensationell erfolgreiche Adelskomödie PALAIS ROYAL!, ihre Ausnahmestellung im französischen Kino.

Filmgrafie (Auswahl):

1990 MILOU EN MAI (Eine Komödie im Mai)

Regie: Louis Malle

1991 L’OPÉRATION CORNED-BEEF (Operation Corned Beef)

Regie: Jean-Marie Poiré

1993 LES VISITEURS (Die Besucher)

Regie: Jean-Marie Poiré

CASQUE BLEU

Regie: Gérard Jugnot

1995 SABRINA (Sabrina)

Regie: Sydney Pollack

1997 QUADRILLE

Regie: Valérie Lemercier

1999 LE DERRIÈRE

Regie: Valérie Lemercier

2002 VENDREDI SOIR

Regie: Claire Denis

2005 PALAIS ROYAL!

Regie: Valérie Lemercier

2006 FAUTEUILS D’ORCHESTRE (Ein perfekter Platz)

Regie: Danièle Thompson

Valérie Lemercier über Catherine Versen, die Schauspielerin

Diese Frau ist wie ein Tornado. Immer in Bewegung, immer in Aktion, gejagt von der Zeit und sich selbst, weil sie nie mit dem zufrieden ist, was sie erreicht hat, und stets nach vorne strebt. Ihr Leben ist für sie die Schauspielerei, und das unterscheidet sie ein wenig von den anderen Figuren des Films, die immerhin auch Liebes- oder Familienbeziehungen haben. Für Catherine scheint neben der Arbeit nichts von Bedeutung zu sein. Sie ist eine junge Frau, die sich allein durchs Leben schlägt. Aber sie erreicht ihre Ziele, und deshalb ist sie am Ende vielleicht diejenige, die am glücklichsten ist.

Sie hat ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Erfolg. Sie schämt sich fast dafür, bekannt zu sein. Doch die ständige Bewunderung empfindet Catherine nicht als schmeichelhaft, sie ist ihr eher peinlich, und daraus erwächst die Komik. Gerade beginnt eine neue Phase ihrer Karriere, und prompt erinnert man sie an das, was sie am liebsten vergessen würde: ihre Erfolgsserie, deren letzte Folge gerade im Fernsehen gelaufen ist. Wenn man die Hauptrolle in einer TV-Serie spielt, die wöchentlich oder einmal im Monat läuft, wird man schnell Teil des Zuschaueralltags. Das verleiht dem Schauspielerberuf eine gänzlich andere Dimension, als wenn man nur hin und wieder im Kino zu sehen ist, was eine größere Distanz schafft. Hier nutzt Danièle die Gelegenheit, um ihre Meinung zu diesem Thema zu verdeutlichen: Nur weil man berühmt ist, muss man noch lange nicht immer wieder das gleiche tun. Danièle hat das selbst bewiesen. Sie schreibt Filme fürs große Publikum, arbeitet daneben aber ohne weiteres auch mit Autorenfilmern wie Patrice Chéreau.

In EIN PERFEKTER PLATZ spielt Catherine auf der Bühne in einem Stück von Feydeau und versucht gleichzeitig einen berühmten US-Regisseur zu überzeugen, dass sie in seinem Film die perfekte Simone de Beauvoir sein kann. Sie ist eine hoffnungsvolle und sehr anrührende Figur, die sich ständig selbst Knüppel zwischen die Beine wirft, aber immer wieder aufsteht. Ich mag Catherines Willenskraft – diese positive Stärke, die ich in Danièle wiederfinde. Vermutlich erlebt sie wie viele andere auch harte Zeiten beim Schreiben und beim Schneiden, aber einen Film zu drehen, bleibt für sie eine große Freude, die sie mit allen teilt. Man muss Filme keineswegs in einem Klima der Angst und unter Leidensdruck drehen. Bei Danièle herrscht eigentlich immer gute Laune. Wenn ich selber Regie führe, haben Fremde an meinem Set nichts zu suchen. Da trenne ich haarscharf: auf der einen Seite mein Privatleben, auf der anderen die Arbeit. Bei Danièle durchdringt sich beides, sind die Türen stets geöffnet. Freunde schauen vorbei, die Familie auch. Man wird zu ihr nach Hause eingeladen, isst bei ihr zu Abend. So stelle ich mir das wahre Künstlerleben vor. Meine Eltern waren Landwirte, doch Danièle hat das Showgeschäft im Blut. Sie hat mit ihrem Vater gearbeitet, jetzt macht sie Filme mit ihrem Sohn, und bei den Dreharbeiten entwickelt sie eindeutig mütterliche Züge. Wenn Catherine Versen das Feydeau-Stück „Mais n’te promène donc pas toute nue" auf der Bühne spielt, erinnert Danièle damit auch an ihre Mutter Jacqueline Roman, die ebenfalls mit dem Stück aufgetreten ist. Für eine Schauspielerin ist es eine spannende Aufgabe, eine Schauspielerin zu spielen, aber ich fand es zusätzlich sehr amüsant, Danièles Version ihrer Mutter zu spielen. Dieses Band zwischen den Generationen ist ein wichtiges Thema für Danièle, das sie von LA BOUM – DIE FETE über LA BÛCHE bis hin zu EIN PERFEKTER PLATZ immer weiter vertieft.

Catherine ist ein Tollpatsch, aber sie hat durchaus Charme. Sie stöhnt und schimpft, und sie geht den anderen auf die Nerven, aber gerade das gefällt mir sehr. Wenn es mir persönlich schlecht geht, verstumme ich, tauche ab, fresse alles in mich hinein. Catherine sagt immer deutlich, was sie denkt, und hakt so ihre Probleme ab. Ihre Persönlichkeit deckt sich so wenig mit meiner, dass ich sie unbedingt spielen wollte. Wenn man mich etwa vor einem berühmten Regisseur so erniedrigt hätte, wie es Catherine passiert, wäre ich hinterher nicht noch mit ihm essen gegangen, da wäre ich lieber im Erdboden versunken. Wie so manche Figuren im Film hätte man auch Catherine etwas melancholischer und subtiler zeichnen können, aber Danièle hat eine wahrhaft komische Figur aus ihr gemacht, und das hat mich sehr angesprochen. Solche Rollen sind mir am liebsten. An Catherine macht Danièle deutlich, dass man nichts zu ernst nehmen sollte, und mit ihren Filmen zeigt sie das Leben von seiner leichten Seite. Allein dafür möchte ich sie am liebsten küssen.

 

Albert Dupontel (Jean-François)

Albert Dupontel, Jahrgang 1964, studiert am renommierten Théâtre National de Chaillot und spielt Ende der 80er Jahre seine ersten kleinen Filmrollen. Wirklichen Erfolg hat er schließlich mit einer One-Man-Show, die ihn als außergewöhnlich schwarzhumorigen Stand-Up-Komiker ausweist und in ganz Frankreich bekannt macht. Seine Bühnenpopularität ausnutzend, kehrt Dupontel ab 1995 verstärkt zum Film zurück und erspielt sich in Jacques Audiards UN HÉROS TRÈS DISCRET eine César-Nominierung als Bester Nebendarsteller. Nicht nur als gesuchter Mann für komplexe Rollen, auch als Regisseur mit mittlerweile drei eigenen Kinofilmen zählt Albert Dupontel zu den Talenten, die aus der aktuellen französischen Filmszene nicht mehr wegzudenken sind.

Filmografie (Auswahl):

1988 ENCORE

Regie: Paul Vecchiali

1994 GIORGINO

Regie: Laurent Boutonnat

1996 UN HÉROS TRÈS DISCRET (Das Leben: Eine Lüge)

Regie: Jacques Audiard

BERNIE

Regie: Albert Dupontel

1998 SERIAL LOVER (Serial Lover – Die Letzte räumt die Leiche weg)

Regie: James Huth

1999 LA MALADIE DE SACHS

Regie: Michel Deville

LE CRÉATEUR

Regie: Albert Dupontel

2000 LES ACTEURS

Regie: Bertrand Blier

2002 IRRÉVERSIBLE (Irreversibel)

Regie: Gaspard Noé

2004 UN LONG DIMANCHE DE FIANCAILLES (Mathilde – Eine große Liebe)

Regie: Jean-Pierre Jeunet

2004 ENFERMÉ DEHORS

Regie: Albert Dupontel

LE CONVOYEUR (Cash Truck)

Regie: Nikolas Boukhrief

2006 FAUTEUILS D’ORCHESTRE (Ein perfekter Platz)

Regie: Danièle Thompson

Albert Dupontel über Jean-François Lefort, den Pianisten

Ich war wirklich überrascht, als man mir die Rolle eines Pianisten anbot, aber ich habe diese Herausforderung gern angenommen. Danièle war überzeugt, dass ich dieser Pianist sein könnte, und ich habe mich von ihrem Glauben mitziehen lassen.

Wie einige Figuren des Films befindet sich auch Lefort an einem Wendepunkt seines Lebens. Sein beruflicher Erfolg steht im krassen Gegensatz zu seiner inneren Unzufriedenheit. Er wird bewundert und ist trotzdem ein gequälter Mensch. Er ist ein Virtuose, der mit seinem Schicksal unzufrieden ist, und von außen betrachtet, könnte man sein Verhalten zickig finden. Aber der Film stellt den Zuschauer an seine Seite, und plötzlich beginnt man ihn zu verstehen. Meiner Meinung nach zeugt seine Rebellion von großer Weisheit. Er hat erkannt, was für ein eitles Leben er führt, und erträgt es nicht mehr, von seiner Frau angetrieben, dem Erfolg nachzuhetzen. Er hat das Gefühl, dass er mit seiner Musik nicht das erreicht, was er eigentlich will, und seine Reaktion ist reiner Selbstschutz.

Er ist ein Mensch mit blauen Flecken auf der Seele, genau wie François-René Duchâble, bei dem ich während der Rollenvorbereitung Klavierunterricht nahm, und der mir während der Dreharbeiten zur Seite stand. Leforts Lebenskrise spiegelt in gewisser Weise sein Leben wider. Ich glaube, er hat einmal sogar ein Klavier aus einem Hubschrauber in den Lac d‘Annecy geworfen – ein Symbol für das Ende seiner traditionellen Karriere. Jetzt spielt er in Jeans und im roten Hemd. Er trägt keinen Smoking mehr, tritt in Gefängnissen und Hospizen auf. Alles was im Drehbuch passiert, hat er selbst erlebt.

Unzufriedenheit ist ein weit verbreitetes Gefühl unter Künstlern. Sie kann sich in Frustration und Selbstzerstörung verwandeln – oder sie sorgt dafür, dass man sich in Frage stellt. Für das Publikum mag es schwer nachvollziehbar sein, doch es macht intellektuell und psychologisch durchaus Sinn. In der Figur des Jean-François Lefort verbirgt sich vor allem ein Mann, der leidet, und das ist leider universell.

Um 14 Takte aus Beethovens Konzert Nr. 5 spielen zu können, habe ich einen Monat lang gewissenhaft geübt. Tatsächlich sind im Film ein paar Einstellungen zu sehen, in denen wirklich ich es bin, der spielt, und darauf bin ich sehr stolz. Zu den schönen Seiten meines Berufs gehört auch, dass man Einblick in Welten erhält, die man wenig oder gar nicht kennt. Für diesen Film musste ich mich mit klassischer Musik vertraut machen, vor echtem Publikum spielen, von einem echten Dirigenten dirigiert werden – und das alles in der Avenue Montaigne! Danièle hatte wirklich sehr viel Vertrauen in mich gesetzt. Es ist von unschätzbarem Vorteil, dass sie diese Welt sehr gut kennt, denn mit ihrem Drehbuch gelingt es ihr, Gefühle zu erzeugen, die über ihren scheinbar strengen, kalten Rahmen weit hinausweisen. Ich habe mit großer Freude Beethoven entdeckt, speziell das Andante aus dem zweiten Satz des Kaiser-Konzerts, und außerdem Liszts „La Consolation" – lebendige, großzügige Musik, die mir das Verständnis für meine Figur enorm erleichtert hat. Ich hatte keine Ahnung von klassischer Musik und deshalb Vorbehalte – klassische Musik wird ja häufig als kulturelle Bastion missbraucht. Die von mir gespielte Figur zeigt jedoch, dass Musik – die Kunst im allgemeinen – uns allen gehört, und dass Künstler es sich schuldig sind, sie der Allgemeinheit zugängig zu machen.

 

Claude Brasseur (Jacques)

Am 15. Juni 1936 kommt Claude Brasseur zur Welt, schon damals zählen seine Eltern Pierre Brasseur und Odette Joyeux zu den größten Bühnen- und Kinostars Frankreichs. Er nimmt privaten Schauspielunterricht, wechselt ans Konservatorium und übernimmt ab Mitte der 50er Jahre erste Rollen am Theater und beim Film. Nach einer dreijährigen Zäsur als Fallschirmjäger fasst er schnell wieder Fuß im Filmmilieu und erspielt sich mit Erfolgen wie dem Horror-Klassiker AUGEN OHNE GESICHT, in dem er zusammen mit seinem Vater auftritt, rasch einen hervorragenden Ruf. Als Titeldarsteller der Krimi-Fernsehserie „Les nouvelles aventures de Vidocq" macht seine Popularität 1971 nochmals einen Quantensprung. Claude Brasseur dreht mit den wichtigsten Regisseuren seiner Zeit – Jean-Paul Godard, Costa-Gavras und François Truffaut – ist der Filmpartner von Leinwand-Diven wie Romy Schneider und Catherine Deneuve und gewinnt schließlich als Vater von Sophie Marceau in LA BOUM – DIE FETE 1981 einen César als bester Hauptdarsteller.

Filmografie (Auswahl):

1956 LE PAYS D’OÙ JE VIENS (Zum Glück gibt es ihn doch)

Regie: Marcel Carné

1959 LES YEUX SANS VISAGE (Augen ohne Gesicht)

Regie: Georges Franju

1962 LES SEPT PÉCHÉS CAPITAUX (Die Sieben Todsünden)

Regie: Philippe de Broca, Claude Chabrol u.a.

1964 BANDE À PART (Die Außenseiterbande)

Regie: Jean-Luc Godard

1972 UNE BELLE FILLE COMME MOI (Ein schönes Mädchen wie ich)

Regie: François Truffaut

1976 UN ÉLEPHANT CA TROMPE ÉNORMÉMENT (Ein Elefant irrt sich gewaltig)

Regie: Yves Robert

1978 UNE HISTOIRE SIMPLE (Eine einfache Geschichte)

Regie: Claude Sautet

1980 LA BOUM (La boum – Die Fete)

Regie: Claude Pinoteau

1985 LA GITANE (La Gitane – Nichts als Ärger mit den Frauen)

Regie: Philippe de Broca

1986 DESCENTE AUX ENFERS (Abstieg zur Hölle)

Regie: Francis Girod

1990 DANCING MACHINE (Der eiskalte Wolf)

Regie: Gilles Behat

1992 LE SOUPER (Le souper)

Regie: Edouard Molinaro)

1993 UN DEUX TROIS: SOLEIL (Ein, zwei, drei, Sonne)

Regie: Bertrand Blier

1999 LES ACTEURS

Regie: Bertrand Blier

2001 LE LAIT DE LA TENDRESSE (Milch der Zärtlichkeit)

Regie: Dominique Cabrera

2002 CHOUCHOU

Regie: Merzak Allouache

2003 MALABAR PRINCESS

Regie: Gilles Legrand

2006 CAMPING

Regie: Fabien Onteniente

FAUTEUILS D’ORCHESTRE (Ein perfekter Platz)

Regie: Danièle Thompson

 

Claude Brasseur über Jacques Grumberg, den Kunstsammler

Der Film handelt von diesem scheinbaren Paradox, das im übrigen viel häufiger vorkommt, als man denkt: dass Menschen häufig um ihren Erfolg beneidet werden, während sie selbst das Gefühl quält, das Wesentliche nicht erlangt zu haben.

Als ich mir dieser Situation zum ersten Mal bewusst wurde, war ich zusammen mit meinem Vater bei einem bekannten Geschäftsmann zum Abendessen eingeladen. Wir saßen einem trübsinnigen, grüngesichtigen Männlein gegenüber (übrigens der erste grüngesichtige Mensch meines Lebens), und auf dem Heimweg sprachen wir über den Abend. Ich sagte zu meinem Vater: „Na, lustig war der ja nicht", und er antwortete: „Weil er ein Versager ist." – „Wieso denn das? Er ist doch ein großes Tier, reich und mächtig..." – „Ja, aber im Kopf ist er ein Verlierer. Sein Traum ist es, Minister oder ein bedeutender Filmproduzent zu sein, aber er ist weder das eine noch das andere. Alles, was er erreicht hat, zählt nichts im Vergleich zu dem, was er für wichtig erachtet."

Diese Frustration ähnelt der, die viele Figuren in dem Film empfinden. Jacques Grumberg, den ich spiele, fühlt eindeutig so. Er ist ein bekannter Kunstsammler. Seine Kunstschätze sind ein Vermögen wert, aber er weiß, dass er bald sterben wird. Für mich ist es ein Schlüsselsatz, wenn er sagt: „Ich habe als Taxifahrer angefangen und will nicht als Museumswärter enden". Und das eigentliche Thema des Films. Es wird von drei Hauptfiguren verkörpert, auf drei unterschiedliche Arten. Die Partitur von Valérie Lemercier ist komisch, die des Pianisten ist eher romantisch und idealistisch, und die des Sammlers, den ich spiele, ist dramatisch, denn es gibt Spannungen zwischen seinem Sohn und ihm, und der Tod ist nicht mehr weit. Es ist wie ein Konzert mit drei Solisten. Das ist mir bei der Lektüre des Drehbuchs ziemlich schnell aufgefallen: Man lauscht einer Symphonie, und irgendwann hört man die drei Solisten heraus.

Mein Vater sagte immer, es gibt keine großen Schauspieler ohne große Rollen. Die des Jacques Grumberg ist so phantastisch geschrieben, dass sie einem Schauspieler alle Möglichkeiten offen lässt. Ich glaube nicht an die sogenannten Instinkte eines Schauspielers. Na ja, sie machen vielleicht zehn Prozent seiner Leistung aus und kommen auch nur dann zum Tragen, wenn das Spiel auf einer sehr soliden Basis steht, die wiederum viel Nachdenken erfordert. Wenn ich eine Rolle annehme, gehe ich ihr gedanklich auf den Grund. Ich forsche im Drehbuch nach Indizien, die mir verraten können, was die Figur in der Vergangenheit getan hat und warum sie so handelt, wie sie es tut. Ich scheue mich nicht zu sagen, dass Schauspielerei harte Arbeit ist. Ich arbeite viel und gebe mir immer die allergrößte Mühe, trotzdem möchte ich behaupten, dass ich Spaß dabei habe. Bei der Arbeit gebe ich mir gern Mühe, nehme sie aber gleichzeitig nicht zu ernst. Das ist etwas, das Danièle und ich offenbar gemeinsam haben.

Eine ihrer hervorragendsten Qualitäten ist es, sich mit Dingen zu beschäftigen, die sie gut kennt. LA BOUM – DIE FETE beschreibt eine Situation, die sie damals mit ihrer Tochter erlebte, als diese anfing, abends wegzugehen und sich in Jungs zu verlieben. Die Probleme der Mutter Danièle Thompson wurden zu den Themen der Drehbuchautorin Danièle Thompson. Auch EIN PERFEKTER PLATZ spielt in einem Milieu, in dem sie sich bestens auskennt. Schauspielerinnen sind ihr vertraut. Ihre Eltern waren beide Schauspieler. François-René Duchâble, der bei den Dreharbeiten als Coach fungierte, nahm sie als Vorbild für den Pianisten, denn was man sieht, ist seine Geschichte. Und Danièle liebt die Malerei. In den Geschichten, die sie erzählt, steckt immer viel Wahrheit, und die macht die Stärke ihrer Filme aus.

 

Dani (Claudie)

Geboren am 1. Oktober 1945 in Perpignan, zählt die Sängerin und Schauspielerin – richtiger Name Danièle Graule – in Frankreich zu den bekanntesten Originalen des Showgeschäfts. Sie drehte mit namhaften Regisseuren wie François Truffaut und Claude Chabrol. EIN PERFEKTER PLATZ ist ihre erste Zusammenarbeit mit Danièle Thompson.

Filmografie (Auswahl):

1964 LA RONE (Der Reigen)

Regie: Roger Vadim

1972 LA NUIT AMÉRICAINE (Die amerikanische Nacht)

Regie: François Truffaut

1979 L’AMOUR EN FUITE (Liebe auf der Flucht)

Regie: François Truffaut

1983 LA ROBE À CERCEAU

Regie: Claire Denis

1987 UNE AFFAIRE DE FEMMES (Eine Frauensache)

Regie: Claude Chabrol

1994 J’AI PAS SOMMEIL (Ich kann nicht schlafen)

Regie: Claire Denis

1998 à MORT LA MORT

Regie: Romain Goupil

2003 LES CLEFS DE BAGNOLE

Regie: Laurent Baffie

2006 FAUTEUILS D’ORCHESTRE (Ein perfekter Platz)

Regie: Danièle Thompson

Dani über Claudie, die Theater-Concierge

Ich bin voller Bewunderung für Menschen, die einen Film im Kopf haben und alles daran setzen, damit er zustande kommt. Und wenn ich etwas dazu beitragen kann, zögere ich keinen Augenblick.

In Kinofilmen habe ich stets nur als „Gast" mitgewirkt. Auch wenn ich darin immer nur wie auf der Durchreise bin, so doch jedes Mal, weil man mich unbedingt dabei haben wollte. Ich brauche dieses Gefühl von Liebe und Vertrauen, denn was mir am Kino gefällt, ist folgendes: mich restlos der Einbildungskraft eines anderen zu überlassen. Genau das ist mit Danièle passiert: Ich habe in ihrem Blick erkannt, dass ich ihr vertrauen konnte. Sie wusste genau, was sie wollte – alles, restlos alles, was Claudie ausmacht, entspringt Danièles Phantasie – aber sie wollte unbedingt, dass ich sie spiele. Deshalb hatte ich auch keine Bedenken. Sie wollte mich als Rothaarige mit Locken? Aber gerne doch! Für sie habe ich mir zum ersten Mal im Leben die Haare gefärbt, und es war wirklich nicht leicht, jeden Abend mit diesem fremden Kopf nach Hause zu gehen. Aber belohnt wird man durch die Freude zu wissen, dass man Danièles Vorstellungen entspricht, und ihre Befriedigung zu spüren. Wenn ich einen Film drehe, denke ich nie an das Ergebnis, dann gibt es keine Kamera mehr, gar nichts. Nur der Blick von Danièle zählt. Alles andere ist mir egal. Wenn sie mit einer Aufnahme zufrieden ist, bin ich es auch. Ich bin für sie da, und dass sie mir eine Rolle verantwortet hat, ist für mich ein Geschenk des Himmels.

Claudie hält sich an einem strategisch wichtigen Ort auf. In ihrer Hausmeister-Loge nimmt sie die Post, die Blumen... und die intimen Geständnisse der Menschen an, die sie dort aufsuchen. Man vertraut ihr kleine Geheimnisse ebenso an wie die Schlüssel des Theaters. Sie ist eine großzügige Frau, die zuhören kann, und sie lebt im Schatten des Showgeschäfts. Sie war lange Zeit Platzanweiserin im Olympia, und nun flüchtet sie sich in ihre Vergangenheit. Man erfährt, dass sie vermutlich in Bruno Coquatrix, den Besitzer des Olympia, verliebt war, und dass sie Affären mit einigen Sängern hatte. Man sieht, wie sie ihre Hausmeister-Loge mit alten Postern geschmückt hat und ständig ihren Walkman trägt. Im Film gibt es diese wunderbare Szene, in der sie Bécaud über Kopfhörer hört und dabei in die Nähe der Logen des Konzertsaals kommt. Sie nimmt den Kopfhörer ab und hört plötzlich den klassischen Vortrag des Pianisten. Vielleicht entdeckt sie in diesem Augenblick zum ersten Mal eine ihr völlig fremde musikalische Welt, und dieser Moment überwältigt sie. Das ist eine sehr starke Szene, die ich mit der gleichen Intensität wie Claudie erlebt habe. Sie hat mir buchstäblich den Atem geraubt.

Claudie bereitet sich darauf vor, die Welt des Showgeschäfts zu verlassen, eine Welt, die ihr ganzer Lebensinhalt war. Denn Claudie geht in Rente. Sie ist 60 Jahre alt, so wie ich im wahren Leben, aber das macht mir überhaupt nichts aus. Sie ist eine wunderbare Figur – ein anständiger Mensch und immer bereit, anderen zu helfen. Ihre Hausmeister-Loge steht allen offen – sie wird zu einer Art Zufluchtsort. Jessica (Cécile de France) übernachtet hier; die Schauspielerin (Valérie Lemercier) findet hier ihre Ruhe und kann entspannen, weil sie weiß, dass man sie hier nicht finden wird. Diese Situation ist sehr genau beobachtet: Um dem Druck zu entkommen, der auf ihnen lastet, suchen Künstler nach solchen verschwiegenen kleinen Orten, an denen sie auftanken können. An Claudie bewundere ich, dass man jederzeit auf sie zählen kann. Diese Frau urteilt nicht über die Künstler. Sie ist fasziniert von dem, was sie tun, und dankbar dafür, dass sie sie zum Träumen bringen. Deshalb genügt es ihr schon, bloß in ihrer Nähe zu sein. Auch das ist ein Detail, das mir sehr genau beobachtet scheint.

Der Film handelt von den Begegnungen im Leben, und das Künstlermilieu besteht nur aus Begegnungen. Zehn Mal kann es passieren, dass man aneinander vorbei läuft, und dann, eines Tages, ohne zu wissen warum, macht es klick. Die Schauspielerin trifft den US-Regisseur, der Kunstsammler versöhnt sich mit seinem Sohn, der Pianist findet ein neues Publikum, Jessica steht an der Schwelle zum Erwachsensein. Für mich ist EIN PERFEKTER PLATZ eine Komödie über Männer und Frauen, die eine Begegnung mit dem Leben haben.

 

Christopher Thompson (Frédéric)

Der Sohn von Danièle Thompson und Enkel des Erfolgsregisseurs Gérard Oury, Jahrgang 1966, debütiert 1989 in dem aufwändigen Kinospektakel LA RÉVOLUTION FRANÇAISE und hat einigen Erfolg als Darsteller, auch beim Fernsehen. Obwohl er die Schauspielerei nicht missen will, arbeitet er immer häufiger als Drehbuchautor – gemeinsam mit seiner Mutter an den Büchern ihrer drei Filme und zusammen mit dem ehemaligen Filmjournalisten Thierry Klifa an dessen Filmen UNE VIE À T’ATTENDRE und LE HÉROS DE LA FAMILLE. Christopher Thompson, der mit der Schauspielerin Géraldine Pailhas verheiratet ist und zwei Kinder hat, möchte schon bald seinen ersten eigenen Film als Regisseur drehen.

Filmografie (Auswahl):

1989 LA RÉVOLUTION FRANÇAISE

Regie: Robert Enrico, Richard T. Heffron

1990 STANNO TUTTI BENE (Allen geht’s gut)

Regie: Giuseppe Tornatore

1995 JEFFERSON IN PARIS (Jefferson in Paris)

Regie: James Ivory

2000 TOTAL ECLIPSE (Die Affäre von Rimbaud und Verlaine)

Regie: Agnieszka Holland

1998 A LOS QUE AMAN

Regie: Isabel Coixet

1999 LA BÛCHE

Regie: Danièle Thompson

2000 THE LUZHIN DEFENCE (Lushins Verteidigung)

Regie: Marleen Gorris

2006 FAUTEUILS D’ORCHESTRE (Ein perfekter Platz)

Regie: Danièle Thompson

Christopher Thompson über Frédéric Grumberg, den Sohn des Kunstsammlers

Frédéric steht an einem Wendepunkt seines Lebens, denn gerade weil er eine gewisse Reife erreicht, wird er sich bewusst, woran es in seinem Leben mangelt. Dies ist ein Sohn, der eine blinde Wut auf seinen Vater verspürt. Offensichtlich hat es zwischen ihnen nie einen wirklichen Dialog gegeben, und dieses Schweigen hat sich noch verstärkt, seitdem die Mutter nicht mehr da ist. Im Lauf der wenigen Tage, die die Geschichte des Films dauert, wird deutlich, dass die Art und Weise, wie sie wieder Kontakt aufnehmen, ungeschickt und brutal sein mag, aber dass am Ende der Krise, die sie bewältigen, eine Art Frieden steht.

Dies ist eine Vater-Sohn-Beziehung unter Erwachsenen, mit allem, was sie an Rohheit und Rivalität beinhaltet. Im Film vergleicht Jessica sie sehr treffend mit einem Hahnenkampf. Gerade auch in Bezug auf die Frauen in ihrem Leben. Da ist zum einen natürlich die verstorbene Mutter, die nichtsdestotrotz sehr präsent ist, aber man erfährt auch, dass sie sich eine Geliebte geteilt haben. Frédéric, der seine Qualitäten und Talente hat, ist – wie so viele Söhne – nicht mehr er selbst, wenn er seinem Vater gegenübersteht. Es ist, als würde er sich unter Wert verkaufen. Was mich an dieser Figur berührt, ist die Tatsache, dass sich Frédéric in dem Moment, wo er sich seinem Vater stellt, der immer noch eine beeindruckende Figur abgibt, bewusst ist, dass er gleichzeitig am Ende seines Lebens steht. Sein Problem besteht darin, sich seinem Vater gegenüber zu behaupten, ohne ihn dabei zu zerstören. Und zur gleichen Zeit lernt er eine junge Frau kennen, die er unter anderen Umständen vermutlich nicht zu schätzen gewusst hätte. In dem Moment, wo er es endlich schafft, mit seinem Vater zu reden, ist er auch bereit, sich in Jessica zu verlieben.

Ich bin überzeugt, dass eine Figur beim Schreiben durch immer neue Schichten lebendig wird. Aber zu einem Wesen aus Fleisch und Blut wird sie erst durch die Begegnung des Schauspielers mit dem Willen des Autors. Ich war überrascht, dass mir in dem Moment, als ich die Position des Schauspielers einnahm, etwa bei den Kostümproben, ganz viele neue Ideen zu meiner Figur durch den Kopf schossen. Und sie unterschieden sich massiv von denen, die ich als Autor hatte. Ich hatte schon befürchtet, dass ich die Figur erschöpfend abgehandelt hatte, aber man merkt sofort, dass es noch viele andere Seiten zu entdecken gibt, wenn man sich einer Figur physisch nähert. Deshalb denke ich auch, dass Schauspieler eine interessante Herangehensweise an Drehbücher haben. Sie erspüren sie. Danièle und ich stehen uns nahe wie Mutter und Sohn, und auch wie zwei Drehbuchautoren, doch am Set führt uns die Filmarbeit nochmals an einen anderen Ort. Ich ließ mich von ihr leiten, genau wie die anderen Schauspieler. Denn ich habe absolutes Vertrauen, dass ihre Vision die richtige ist.

 

Laura Morante (Valentine)

Die Italienerin, geboren am 21. August 1956, ist ursprünglich Ballett-Tänzerin und debütiert Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre in Filmen der Brüder Giuseppe und Bernardo Bertolucci. Ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Nanni Moretti bei insgesamt drei Filmen, darunter DAS ZIMMER MEINES SOHNES, macht sie auch international bekannt und öffnet ihr die Türen zum europäischen Film.

Filmografie (Auswahl):

1981 LA TRAGEDIA DI UN UOMO RIDICULO (Die Tragödie eines lächerlichen Mannes)

Regie: Bernardo Bertolucci

1982 COLPIRE AL CUORE (Ins Herz getroffen)

Regie: Gianni Amelio

1989 LA FEMME FARDÉE

Regie: José Pinheiro

1992 LA VOIX

Regie: Pierre Granier-Deferre

1998 LA MIRADA DEL OTRO (Der Blick des Anderen)

Regie: Vicente Aranda

1999 LA STANZA DEL FIGLIO (Das Zimmer meines Sohnes)

Regie: Nanni Moretti

2000 THE DANCER UPSTAIRS (Der Obrist und die Tänzerin)

Regie: John Malkovich

2002 UN VIAGGIO CHIAMATO AMORE

Regie: Michele Placido

2006 PETITES PEURS PARTAGÉES

Regie: Alain Resnais

L’EMPIRE DES LOUPS (Das Imperium der Wölfe)

Regie: Chris Nahon

FAUTEUILS D’ORCHESTRE (Ein perfekter Platz)

Regie: Danièle Thompson

Danièle Thompson über Laura Morante als Valentine, die Frau des Pianisten

Valentine ist eine Frau mit zwei Gesichtern. Einerseits ist sie eine liebevolle Gattin, die ihren Mann aufrichtig bewundert. Aber unter dem Vorwand, ihn beschützen zu müssen, organisiert sie sein Leben bis ins letzte Detail und droht ihn damit zu ersticken. Sie koordiniert seine Termine, plant Interviews, hat auf Jahre hinaus seine Konzertdaten im Kopf. Wie viele Künstlerfrauen behauptet sie, ihn nur beschützen zu wollen. Aber ich denke, dass sie vor allem sich selbst schützen will und dass sie ein Leben aus zweiter Hand lebt, im Schatten ihres Mannes. Möglicherweise ist sie sich nicht einmal bewusst, dass sie ihn wie ein Kind behandelt.

Laura Morante verkörpert diese liebevolle und zugleich kastrierende Figur mit einer seltenen Finesse. Auf den ersten Blick ist es keine sehr sympathische Figur, aber ich glaube, dank Laura Morante empfindet man der Figur gegenüber so etwas wie Nachsicht. Laura lässt einen spüren, dass sich in dieser Frau Liebe und die Angst, alles zu verlieren, auf seltsame Weise vermischen. Ihre Verschlossenheit und Strenge weichen sofort einer Verzweiflung, die man gut versteht, als ihr Mann ihre sorgfältig errichtete Fassade ins Wanken bringt.

Beim Schreiben des Drehbuchs stellte ich mir eine Italienerin vor, die Laura Morante ähnelt, unfassbar schön, mit dieser leichten Fiebrigkeit, die sie so umwerfend macht und die mir erstmals aufgefallen war, als ich sie in Nanni Morettis DAS ZIMMER MEINES SOHNES sah. Ich hatte sagenhaftes Glück. Denn ich malte mir eine Schauspielerin wie Laura Morante aus – und wer schließlich am Set erschien, war keine andere als Laura Morante selbst.

 

Sydney Pollack (Brian Sobinski)

Am 1. Juli 1934 in Lafayette, Indiana, geboren, will Sydney Pollack ursprünglich Schauspieler werden. Er studiert in New York am Neighborhood Playhouse, wo er schließlich auch als Lehrer arbeitet. Nach einigem Erfolg als Bühnen- und Fernsehdarsteller wechselt Pollack in den 60er Jahren als Regisseur hinter die Kamera. 1966 beginnt mit DIESES MÄDCHEN IST FÜR ALLE seine Zusammenarbeit mit Robert Redford, die bis heute sieben Filme umfasst, darunter Welterfolge wie JENSEITS VON AFRIKA und DIE DREI TAGE DES CONDOR. Der Allround-Mann – er produziert (nicht nur eigene Filme), schreibt, führt Regie, tritt als Darsteller auf (etwa in SPURWECHSEL und der TV-Serie „Will & Grace") – ist zuletzt mit einem für ihn ungewöhnlichen Projekt an die Öffentlichkeit getreten: dem Dokumentarfilm SKETCHES OF FRANK GEHRY über den Stararchitekten Frank Gehry.

Filmografie als Regisseur (Auswahl):

1965 THE SLENDER THREAT (Stimme am Telefon)

1966 THIS PROPERTY IS CONDEMNED (Dieses Mädchen ist für alle)

1968 THE SCALPHUNTERS (Mit eisernen Fäusten)

1969 CASTLE KEEP (Das Schloss in den Ardennen)

THEY SHOOT ONLY HORSES, DON’T THEY?

(Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss)

1972 JEREMIAH JOHNSON (Jeremiah Johnson)

1973 THE WAY WE WERE (So wie wir waren)

1975 THE YAKUZA (Yakuza)

THREE DAYS OF THE CONDOR (Die drei Tage des Condor)

1977 BOBBY DEERFIELD (Bobby Deerfield)

1979 THE ELECTRIC HORSEMAN (Der elektrische Reiter)

1981 ABSENCE OF MALICE (Die Sensationsreporterin)

1982 TOOTSIE (Tootsie)

1985 OUT OF AFRICA (Jenseits von Afrika)

1990 HAVANA (Havanna)

1993 THE FIRM (Die Firma)

1995 SABRINA (Sabrina)

1999 RANDOM HEARTS (Begegnung des Schicksals)

2005 THE INTERPRETER (Die Dolmetscherin)

SKETCHES OF FRANK GEHRY

 

Danièle Thompson über Sydney Pollack als Sobinski, den US-Regisseur

Die Handlung von EIN PERFEKTER PLATZ spielt nahezu ausschließlich in der Avenue Montaigne. Aber wer kann es sich schon erlauben, in einem der dortigen Luxushotels abzusteigen und das Casting für seinen nächsten Film abzuhalten? Natürlich nur ein ausländischer Regisseur. Wir einigten uns zunächst darauf, dass es sich um einen berühmten spanischen Filmemacher handelt und boten die Rolle José Garcia an, der aber leider zum Drehtermin nicht mehr frei war. Ich machte mir gerade Gedanken über eine Alternative, als ich einen Anruf von Sydney Pollack erhielt. 1986 war ich Jury-Mitglied beim Festival in Cannes, und zwar unter dem Vorsitz von Sydney Pollack. Seit dieser Zeit sind wir Freunde. Jetzt sagte ich mir, dass Sydney der ideale Kandidat für die Rolle des Regisseurs wäre.

Ich fand ihn als Darsteller in seinem eigenen Film TOOTSIE einfach unwiderstehlich. Zwar hatte er schon zuvor Schauspielerunterricht gebeben, war aber selbst nie als Schauspieler aufgetreten. Dustin Hoffman gelang es schließlich, ihn zu überreden, die Rolle seines Agenten zu spielen. Ich erinnere mich an seine Gesichtsausdrücke im Film – einfach unwiderstehlich! Wenn er entdeckt, dass sein Klient Michael und Tootsie ein und dieselbe Person sind, setzt er einen völlig entgeisterten Blick auf, und das war sehr lustig. Ich finde übrigens, dass er den gleichen Gesichtsausdruck zeigt in der „Verführungsszene" mit Valérie Lemercier. In der Vergangenheit war er in einigen Filmen zu sehen, die Freunde von ihm gedreht haben, ernsthafte Dramen wie etwa EHEMÄNNER UND EHEFRAUEN von Woody Allen oder EYES WIDE SHUT von Stanley Kubrick. Seine entspannte Art vor der Kamera war für mich ein echtes Geschenk. Sydney Pollack würde also Sydney Pollack spielen! Als Regisseur hat er mit den größten Stars überhaupt gearbeitet: wiederholt mit Robert Redford, Al Pacino, Tom Cruise, Burt Lancaster, Barbra Streisand, Faye Dunaway, Meryl Streep. Klarer Fall, dass die französische Schauspielerin in EIN PERFEKTER PLATZ um jeden Preis mit einem so renommierten Regisseur arbeiten will. Leider gab es da ein kleines Problem, denn Sydney sagte mir sofort, dass es ihn nicht interessiere, Sydney Pollack zu spielen; wenn er schon als Schauspieler auftrete, dann um des Vergnügens willen, ein anderer zu sein.

Sydney Pollack war schließlich bereit, Sobinski zu spielen, einen berühmten Hollywood-Regisseur mit polnisch klingendem Namen. Der Name ist eine Hommage an einen meiner Lieblingsfilme, SEIN ODER NICHT SEIN von Ernst Lubitsch, in dem Robert Stack einen Piloten namens Sobinski spielt.

Valérie Lemercier, die eine Nebenrolle in SABRINA hatte, einem Film mit Harrison Ford, den Sydney teilweise in Paris drehte, spielte also eine Schauspielerin, die um jeden Preis in einem seiner Filme mitspielen will.

Sie und ich waren gleichermaßen von Sydneys Freundlichkeit und Enthusiasmus angetan. Er war aufmerksam und unglaublich diszipliniert, und ich habe mich nie eingeschüchtert gefühlt, einem so großen Regisseur Anweisungen zu geben. Als das Darstellerensemble vollständig war, fiel mir auf, dass sich unter meinen Schauspielern nicht weniger als vier Regisseure befinden: Valérie und Sydney, aber auch Albert Duponel und Daniel Benoin. Und allen ist es gelungen, mich das vergessen zu machen.

 

Suzanne Flon (Madame Roux)

Am 28. Januar 1918 in Paris als Tochter eines Eisenbahners geboren, galt Suzanne Flon bis zum ihrem Tod im Juni 2005 als eine der beliebtesten Schauspielerinnen Frankreichs. Ihre erfolgreiche Bühnen-, Film- und Fernseh-Karriere währte über fünf Jahrzehnte und nahm ihren Anfang mit der Arbeit als persönliche Assistentin der legendären Chanson-Sängerin Edith Piaf. Bereits in den 40er Jahren machte sie durch ihre enge Zusammenarbeit mit dem bekannten Bühnenautor Jean Anouilh auf sich aufmerksam, trat in Klassikern und Avantgarde-Stücken von Marguerite Duras, Shakespeare, Pirandello oder Molière auf und wurde vielfach ausgezeichnet. Ende der 40er Jahre spielte sie erstmals auch in einem Kinofilm – die Liste der Preise, die sie für ihre Filmarbeit erhielt, ist schier endlos, erwähnt seien nur zwei Césars – für EIN MÖRDERISCHER SOMMER und LA VOUIVRE – sowie 1961 der Darstellerpreis des Filmfestivals in Venedig für das Algerienkrieg-Drama TU NE TUERAS POINT.

Filmografie (Auswahl):

1949 DERNIER AMOUR (Letzte Liebe)

Regie: Jean Stelli

1952 MOULIN ROUGE (Moulin Rouge)

Regie: John Huston

1962 LE PROCÈS (Der Prozess)

Regie: Orson Welles

1964 LE TRAIN (Der Zug)

Regie: John Frankenheimer

1973 LE SILENCIEUX (Ich – Die Nummer Eins)

Regie: Claude Pinoteau

1976 MONSIEUR KLEIN (Monsieur Klein)

Regie: Joseph Losey

1983 L’ÉTÈ MEURTRIER (Ein Mörderischer Sommer)

Regie: Jean Becker

1987 NOYADE INTERDITE (Ertrinken Verboten)

Regie: Pierre Granier-Deferre

1999 LES ENFANTS DU MARAIS (Ein Sommer auf dem Lande)

Regie: Jean Becker

2003 LA FLEUR DU MAL (Die Blume des Bösen)

Regie: Claude Chabrol

2004 LA DEMOISELLE D’HONNEUR (Die Brautjungfer)

Regie: Claude Chabrol

2005 JOYEUX NOËL (Merry Christmas)

Regie: Christian Carion

2006 FAUTEUILS D’ORCHESTRE (Ein perfekter Platz)

Regie: Danièle Thompson

EIN PERFEKTER PLATZ ist Suzanne Flon gewidmet. Kurz nach Drehschluss starb sie am 15. Juni 2005 im Alter von 87 Jahren.

Suzanne Flon als Jessicas Großmutter

Valérie Lemercier:

Während ich am Théâtre de Paris spielte, trat Suzanne Flon auf der anderen Bühne in einem Stück von Loleh Bellon auf, das ich mir häufig ansah. Sie besuchte auch meine Vorstellungen, und eines Tages erzählte sie mir eine Geschichte, die ich hinreißend finde. Vor Jahren hatte sie mal eine Liebesaffäre mit John Huston und trug öfter eine Korallenkette, die Marilyn Monroe an ihr sah und bewunderte. Daraufhin schenkte Suzanne sie ihr spontan. Am nächsten Tag schickte Marilyn ihr wiederum zum Dank ein Diamantencollier. Diese Aufmerksamkeiten zwischen den beiden Frauen finde ich ganz wunderbar. Obwohl Marilyn ein großer Star war, bewunderte sie Suzanne Flon. Man spricht oft von der Rivalität unter Schauspielerinnen, doch es gibt auch gegenseitige Bewunderung. Wenn man an Suzanne denkt, stellt man sich in der Regel eine sehr zurückhaltende Frau vor. Aber sie konnte auch hemmungslos sein. Auf der Bühne trumpfte sie auf und wirkte kolossal, denn sie liebte theatralische Auftritte. Sie war durch und durch eine Bühnenschauspielerin. Allein ihre Präsenz genügte, um den Raum auszufüllen. Das Theater war ihr Leben, und die Schauspielerei ist einer der wenigen Berufe, die man bis zum Schluss ausüben kann. Es hat mich sehr berührt zu sehen, wie sie – trotz ihrer schweren Krankheit – sofort aufblühte, wenn die Kameras liefen.

Claude Brasseur:

Schon als kleines Kind hielt ich mich hinter der Bühne auf, um meinen Vater spielen zu sehen. Wie alle Schauspieler seiner Generation nahm er die Filmarbeit auf die leichte Schulter, sie war für ihn ein Spaß. Das Theater hingegen nahm er sehr ernst. Auch für Suzanne Flon war die Bühne der Lebensinhalt. Und so kam es, dass ich sie sowohl hinter den Kulissen als auch auf der Bühne sah, als sie 1957 zusammen mit meinem Vater in „Der Widerspenstigen Zähmung" auftrat. Sie war ein ungeheuer netter, liebevoller Mensch und übertrug die Anhänglichkeit und Zuneigung, die sie für meinen Vater empfand, auch auf mich, so als würde ich zu ihrer Familie gehören. Eines Abends gingen wir nach der Aufführung in ein Restaurant. Zu jener Zeit war sie mit John Huston liiert, und plötzlich sahen wir einen Cowboy den Saal betreten: Er war groß, schlank, trug einen Stetson und hatte Ähnlichkeit mit Gary Cooper. Neben ihm wirkte sie ganz zart. Er begann eine Flasche Whisky zu leeren, während mein Vater seinerseits einer Flasche Beaujolais zusprach. Ich war fasziniert zu sehen, wie die beiden gemeinsam auf die gleiche Art tranken. Und Suzanne machte keine kritischen Bemerkungen. Sie besaß eine der besten Eigenschaften, die ein Mensch haben kann – Nachsicht. Wenn jemand die beiden kritisierte, während sie tranken, sagte sie nur: „Na und? Wenn Sie dadurch etwas mehr Talent bekämen, sollten Sie genauso trinken wie sie!" Sie war ein guter Mensch. In EIN PERFEKTER PLATZ hat sie nur eine kleine Rolle, aber ich finde, dass sie sehr wichtig ist. Sie setzt die Geschichte in Gang und bringt sie auf den Weg – und zwar auf den besten. In den ersten fünf, sechs Minuten legt sie die Latte sehr hoch, und ihr ist es zu verdanken, dass der Zuschauer sofort von der Geschichte eingenommen wird. Genauso war es, als Danièle vor Drehbeginn alle Schauspieler für eine Drehbuchlesung versammelte. Suzanne las die ersten Zeilen vor und traf auf Anhieb den richtigen Ton, war einfach perfekt. Als wir anderen an der Reihe waren, unsere Dialoge vorzutragen, gab es kein Entrinnen: Sie hatte den Maßstab vorgegeben, und wir mussten genauso gut sein wie sie.

Danièle Thompson:

„Diese Figur ist das genaue Gegenteil von mir – ich spiele sie!" Das sagte mir Suzanne zwei Stunden nach Erhalt des Drehbuchs, das sie sofort gelesen hatte. Jessicas Großmutter eröffnet den Film mit ihren Erinnerungen an die traumhafte Atmosphäre in der Avenue Montaigne. Sie sagt zu ihrer Enkelin: „Ich hatte nicht die Mittel, um im Luxus zu leben, also habe ich beschlossen, im Luxus zu arbeiten." Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl für Leute sein mag, die acht Stunden in einem luxuriösen Umfeld arbeiten und abends in ihr bescheidenes Leben zurückkehren; das sind extreme Gegensätze an einem einzigen Tag. Für mich war Suzanne Flon die Frau schlechthin. Sie hatte es nicht nötig, glamourös zu sein – Oberflächlichkeit war ihr fremd. Sie war ein authentischer Mensch. Das hörte man schon aus ihrer Stimme heraus. Sie klang lebhaft, schelmisch und leidenschaftlich, und sie rief mir all die großartigen Rollen in Erinnerung, die sie auf der Bühne gespielt hatte, besonders in den Stücken von Loleh Bellon. Ich bin überglücklich, dass man in EIN PERFEKTER PLATZ ihre schönen Augen und ihr Lächeln ein letztes Mal sehen kann.

 

 

DIE REGISSEURIN

Danièle Thompson (Regie und Drehbuch)

Die Tochter des Regisseurs Gérard Oury und der Schauspielerin Jacqueline Roman kommt am 3. Januar 1942 in Monaco zur Welt. Von klein auf ist sie in der Welt des Films zu Hause und arbeitet schon 1966, mit 24 Jahren, zum ersten Mal gemeinsam mit ihrem Vater an einem Drehbuch. Auf die Kriegsgroteske DIE GROSSE SAUSE mit den Komikern Louis de Funès und Bourvil folgen einige der größten (Komödien-)Erfolge des französischen Kinos der 70er und 80er Jahre, darunter DIE ABENTEUER DES RABBI JACOB, wieder mit Louis de Funès, und DAS AS DER ASSE mit Jean-Paul Belmondo. Fast ein Dutzend Kinohits, die Gèrard Oury inszeniert, schreiben Danièle Thompson und ihr Vater gemeinsam. 1977 erhält sie, zusammen mit dem Regisseur Jean-Charles Tacchella, für die Familienkomödie COUSIN, COUSINE eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch. Mit LA BOUM – DIE FETE und dessen Sequel LA BOUM 2 – DIE FETE GEHT WEITER, zu denen sie und Regisseur Claude Pinoteau die Bücher schreiben, verschafft sie der jungen Sophie Marceau Anfang der 80er Jahre den Durchbruch als internationaler Kinostar. Erfolgreich und preisgekrönt ist auch Danièle Thompsons Zusammenarbeit mit Patrice Chéreau, für den sie DIE BARTHOLOMÄUSNACHT und WER MICH LIEBT, NIMMT DEN ZUG schreibt. Mit der tragikomischen Familiengeschichte LA BÛCHE inszeniert sie 1999 erstmals ein eigenes Drehbuch. Danièle Thompson, die auch als Dozentin an der Pariser Filmhochschule Fémis unterrichtet, ist mit ihrem dritten eigenen Film erneut ein Kinohit geglückt: In Frankreich haben bislang mehr als zwei Millionen Zuschauer EIN PERFEKTER PLATZ gesehen.

Filmografie als Regisseurin:

1999 LA BÛCHE

2002 DÉCALAGE HORAIRE (Jet Lag oder wo die Liebe hinfliegt)

2006 FAUTEUILS D’ORCHESTRE (Ein perfekter Platz)

 

 

Filmografie als Autorin (Auswahl):

1966 LA GRANDE VADROUILLE (Die große Sause)

Regie: Gérard Oury

1971 LA FOLIE DES GRANDEURS (Die Dummen Streiche der Reichen)

Regie: Gérard Oury

1974 LES AVENTURES DU RABBI JACOB (Die Abenteuer des Rabbi Jacob)

Regie: Gérard Oury

1980 LA BOUM (La boum – Die Fete)

Regie: Claude Pinoteau

1982 L’AS DES AS (Das As der Asse)

Regie: Gérard Oury

1982 LA BOUM 2 (La boum 2 – Die Fete geht weiter)

Regie: Claude Pinoteau)

1985 MALADIE D’AMOUR (Krank vor Liebe)

Regie: Jacques Deray

1987 LÉVY ET GOLIATH (Wer hat dem Rabbi den Koks geklaut?)

Regie: Gérard Oury

1988 L’ÉTUDIANTE (Die Studentin)

Regie: Claude Pinoteau

1994 LA REINE MARGOT (Die Bartholomäusnacht)

Regie: Patrice Chéreau

1998 CEUX QUI M’AIMENT PRENDRONT LE TRAIN (Wer mich liebt, nimmt den Zug)

Regie: Patrice Chéreau

1999 BELLE MAMAN (Meine schöne Mutter)

Regie: Gabriel Aghion

2001 BELPHÉGOR (Belphégor – Das Phantom des Louvre)

Regie: Jean-Paul Salomé

2003 LE COU DE LA GIRAFE

Regie: Safy Nebbou

2006 FAUTEUILS D’ORCHESTRE (Ein perfekter Platz)

Regie: Danièle Thompson

 


    
                                                                                                                         106 Min

Jessica (Cécile de France), eine junge Frau aus der Provinz, zieht spontan nach Paris – quasi auf den Spuren ihrer geliebten Großmutter (Suzanne Flon), die ihr Leben lang als Toilettenfrau in Pariser Luxushotels gearbeitet hat. Jessica ist voller Optimismus, Begeisterung und platzt vor Tatendrang. Doch in der Hauptstadt Arbeit und Unterkunft zu finden, gestaltet sich schwieriger als erwartet. Sie ergattert schließlich einen Job als Aushilfskellnerin in einem kleinen Bistro in der luxuriösen Avenue Montaigne, das in unmittelbarer Nachbarschaft eines Theaters, eines Konzertsaals und eines Auktionshauses liegt.

Dort lernt Jessica in den folgenden Tagen eine Hand voll faszinierender Menschen kennen: eine hysterische Schauspielerin (Valérie Lemercier), die von anspruchsvollen Rollen träumt; einen Konzertpianisten (Albert Dupontel), der des Klassik-Zirkus überdrüssig ist, einen reichen Kunstsammler (Claude Brasseur), der sich von seinen Schätzen trennen will, und dessen Sohn (Christopher Thompson), der mit dem Vater einige Rechnungen offen hat. Und nicht zuletzt eine patente Theater-Concierge (Dani), die kurz vor der Rente steht und die naive, unbekümmerte Provinzlerin unter ihre Fittiche nimmt. Zufallsbegegnungen, die nicht nur Jessicas Leben prägen und verändern werden, sondern auch das Leben der anderen...

 

NOTIZ

„Perfektes Handwerk", „stimmige Dialoge", „unwiderstehliche Momente", „großartige Darsteller", „wunderbar belebend" lobten die französischen Kritiker und beschrieben damit den Film einer Frau, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Mit EIN PERFEKTER PLATZ erreichte Danièle Thompson im Frühjahr 2006 auf Anhieb die Spitze der französischen Kino-Hitparade – eine Position, die sie aus den vergangenen 40 Jahren zur Genüge kennt. Denn seit 1966 schreibt sie Drehbücher, anfangs ausschließlich für ihren Vater, den Erfolgsregisseur Gérard Oury (DIE ABENTEUER DES RABBI JACOB), später auch zusammen mit Autorenfilmern wie Patrice Chéreau (WER MICH LIEBT, NIMMT DEN ZUG). Dass Danièle Thompson einmal auf dem Regiestuhl landen würde, war nur eine Frage der Zeit.



 


 

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