Gabrielle - Liebe meines Lebens Filmtipp

INHALT

Paris um 1912. Ein elegantes Haus, in das die Gäste gerne kommen. Lange Abende voller Gespräche, Gelächter und Beobachtungen, einer sagt etwas, ein anderer antwortet.

Das ist der Vorteil eines Kreises aufeinander eingespielter Menschen: jeder kennt jeden. Ausbrüche von Ehrlichkeit, extreme Geheimnistuereien, Augenblicke des Zweifels und begründeter oder unbegründeter Freude ... All das ist da, zum Entzücken der Gäste und der Gastgeber, deren Leben eine einzige Erfolgsgeschichte ist, um die andere sie beneiden.

Die Gastgeber: Das sind Jean (Pascal Greggory) und Gabrielle Hervey (Isabelle Huppert). Verheiratet seit zehn Jahren, bestens situierte und etablierte Mitglieder der Pariser Gesellschaft, deren Leben nach festen gesellschaftlichen Ritualen verläuft, die sie lieben, die sie aber auch wie in einem goldenen Käfig gefangen halten.

Plötzlich zeigt die leise tickende Uhr die falsche Zeit. Die Frau verlässt eines Tages das Haus. Sie geht zu ihrem Liebhaber, hinterlässt ihrem Mann einen Abschiedsbrief. Aber dann kehrt sie doch zurück, spät. Zu spät? Als die Glocke endlich läutet, hat sich die Welt drastisch verändert. An diesem Tag, in diesem Haus, sehen sich ein Mann und Frau zum ersten Mal so, wie sie wirklich sind. Einer wollte das, der andere nicht. Der Mann will reden, sie nicht. Es ist schwer, im gleichen Haus zu leben, wenn man nicht dieselben Wünsche teilt.



Background


Alles kreist um den zentralen Satz der Frau, die ihren Mann verlassen hat und doch wiederkehrt: „Wenn ich gewusst hätte, dass du mich liebst, wäre ich nie zurückgekommen.“ Die verborgene Leidenschaft und unterdrückte Gewalt in einer Beziehung, in der es nicht um Liebe gehen sollte, darin war man sich einig, sondern um Konventionen: Rituale und Repräsentation statt Gefühle.

Basierend auf der Kurzgeschichte „Die Rückkehr“ von Joseph Conrad, sezieren Patrice Chéreau und seine Co-Drehbuchautorin Anne-Louise Trividic – das Erfolgs-Duo von „Intimacy“, von „Wer mich liebt nimmt den Zug“ und „Sein Bruder“ – ihre Figuren. In den Hauptrollen brillieren Isabelle Huppert und Pascal Greggory mit großer, intensiver Darstellungskraft.

Isabelle Huppert erhielt auf den Filmfestspielen in Venedig 2005 aus Anlass von GABRIELLE – LIEBE MEINES LEBENS im Wettbewerb einen Spezial-Löwen für ihr schauspielerisches Gesamtwerk. Stilistisch mutig, mit eigenwilliger Bildästhetik und einem souveränen Spiel mit Elementen des Theaters und des Kinos, gelingt es Chéreau mit seinen ganz persönlichen „Szenen einer Ehe“, dem unendlichen Thema Liebe tatsächlich eine neue, unerhörte Seite abzugewinnen. Die Frage, die GABRIELLE - LIEBE MEINES LEBENS vorantreibt, ist universell gültig, unabhängig vom sozialen und zeitlichen Kontext der Geschichte: Wie lebt man miteinander, wenn man seine Gefühle nicht ausdrücken kann oder will, und: ist es mutiger zu gehen – oder zu bleiben?




PATRICE CHEREAU:


Ich suchte nach einem Thema für einen Film, ohne wirklich danach zu suchen. Es war eine Zeit des besessenen Lesens. Eine Sammlung Kurzgeschichten von Joseph Conrad, die gerade bei Gallimard erschienen waren, fiel mir in die Hände. Als ich, im Juni 2003, die Geschichte „Die Rückkehr“ las, kam mir kurz in den Sinn, dass es ein gutes Filmthema wäre. Aber man kann nicht immer lesen mit dem Hintergedanken, daraus ein Drehbuch zu machen. Also las ich das Buch zu Ende und vergaß die Idee. Im Dezember 2003 las ich die Geschichte dann zum zweiten Mal und war völlig gepackt. Gepackt von der Beschreibung eines Mannes, der so schrecklich verloren ist, von seinem Verschwinden am Ende, vom Rätsel des weiblichen Charakters, von den wenigen Worten, die sie murmelt, von ihrer Rückkehr, ihrer unbeugsamen Stärke und dem einen Satz: „Hätte ich gewusst, dass du mich liebst, wäre ich nie zurückgekehrt.“ Da erwähnte ich zum ersten Mal das Buch Anne-Louise Trividic gegenüber.

Bald danach rief ich Isabelle Huppert an, um ihr zu sagen, dass ich über eine Rolle für sie nachdenke. Wir waren schon seit einiger Zeit in Kontakt. Zunächst habe ich sie darum gebeten, nicht Conrads Kurzgeschichte zu lesen, in der alles aus männlicher Sicht gesehen wird. Von ihm erzählt, von ihm gefühlt. Isabelle war klug genug, sich zu gedulden, auf ihren Charakter zu warten, bis er Form annahm und im Prozess des Drehbuchschreibens wiedergeboren wurde. In der Zwischenzeit hatte ich Pascal Greggory die Kurzgeschichte zu lesen gegeben.

Anne-Louise und ich haben getrennt gearbeitet. Sie schlug bald vor, dass wir nicht nur den weiblichen Charakter ausleuchten müssten, sondern die ganze Beziehung des Paares neu definieren. Sie wollte auch versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden, die dem gesamten Film zugrunde liegt: Warum kommt die Frau zurück? Es war wie eine Übung in Literatur-Kritik an Conrads Werk. Was sagt es aus über Beziehungen, das heute noch gültig ist? Anne-Louise und ich arbeiten in einer Art Shuttle-Prozess: Sie sendet mir jede Menge Texte, eine Fülle an Material und Ideen, die wir dann nach und nach aussortieren, bis nur noch übrig bleibt, was uns absolut unentbehrlich erscheint und womit ich am meisten verbinden kann. Dann machen wir einen Schnitt und fügen alles zusammen. Nach „Initimacy“ und „Sein Bruder“ ist das der dritte Film, den wir auf diese Weise zusammen geschrieben haben.

Einen Film entstehen zu lassen, ihn sich vorzustellen, zu träumen, ist ein Gemeinschaftsunternehmen. Bei GABRIELLE fing es mit Anne-Louise an, gefolgt von intensiver Arbeit mit Isabelle Huppert und Pascal Greggory und dann Kameramann Eric Gautier, ehe wir in die Produktionsphase gingen und versucht haben, das richtige Licht zu finden. In jeder Etappe ist es, als gäbe man sich die Chance, etwas Neues zu schaffen, in eine neue, überraschendere Richtung vorzustoßen. Es ist eines meiner Arbeitsprinzipien, niemals etwas zweimal zu machen.

Bei GABRIELLE dachte ich, jetzt kann ich es ja zugeben, dass ich an verlorener Front kämpfe. Natürlich hatten wir nach einigen Monaten ein gutes, klar konstruiertes Drehbuch, aber die Dialoge waren paradox, ungewöhnlich substanziell, und vielleicht waren die beiden Schauspieler etwas zu bereit. Ich habe den Film sehr schnell gedreht, ohne weiter darüber nachzudenken, aber mit einem intensiven Gefühl der Panik. Ich musste hineintauchen, den Film ins Wasser werfen wie man eine Flaschenpost in die Wellen wirft.

Meine größte Überraschung war, wie die Schauspieler mir den Ball zurückspielten. Alles an diesem Projekt war paradox. Sehr schnell gedreht mit einer sehr langen Zündschnur. Das bedeutete, dass ich einen Großteil der Zeit nicht an Isabelle herankam, nicht in sie hinein, von ihr wegdriftete. Dann die Szene im Badezimmer, in der sie in großer Offenheit ihrer Dienerin die ganze Situation darlegt. Isabelle kam herüber auf meine Seite, und ich konnte erkunden, was sie durchmachte. Da habe ich eine Ahnung von meinem Film bekommen. Isabelle verfügt über ein breites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten – wie wir alle wissen, wie die perfekte Schauspiel-Maschine. Ich wollte ihr das nicht leicht machen. Gleichzeitig habe ich von Pascal Dinge verlangt, die ich noch nie von ihm verlangt hatte, und er kam mit einigen wunderbaren Einfällen. Ich wurde von Pascal und Isabelle überrascht, und das war sehr erfreulich.

Bei diesem Film konnte ich ganz offen alles einbringen, was mich das Theater gelehrt hat. Von jetzt an fühle ich, dass ich frei bin vom Theater, frei von dem, was man mir üblicherweise erzählt über „Filmemachen, das nichts zu tun hat mit der Bühne“, frei, ein Film- und Theaterregisseur zu sein. Es hat eine Weile gedauert, aber zum ersten Mal hatte ich Spaß daran, mit meinem Theaterbackground zu spielen, in der Lage zu sein, einen kurzen, rigoros formalen Film zu erträumen, den ich mir immer stark stilisiert vorgestellt habe. Einen Film, in dem wir uns detailliert die Bräuche eines exotischen Stammes ausmalen: die Reichen und Mächtigen im Paris um 1912 mit

Mägden und Hausdamen. Ich wollte den unpersönlichen, erdrückenden Luxus des frühen 20. Jahrhunderts spüren, wie ein Grab, das der Mann gegraben hat, um jemanden lebendig zu begraben – seine Frau. Ich wollte mit dem bloßen Auge beobachten – wie ein chemisches Experiment an zwei Prachtexemplaren, mit der Schönheit der Kostüme, ihrer Eleganz und der des Sets, und mit allgegenwärtiger Musik – wenn eine Welt (seine) ins Wanken gerät und zusammenbricht, und eine andere (ihre) schmerzhaft entsteht und wächst. Manchmal viele Worte, oft viel Schweigen.

Ich mag Dialoge im Film. Sie können Situationen geheimnisvoll machen, eher als sie erklären. Ich mag Bergman, natürlich – ich verehre ihn – aber auch große amerikanische Filme wie die von Coppola, Scorsese, Cimino und Leone, die es wagen, sehr gesprächig zu sein. In Frankreich sind wir etwas ängstlich geworden, was die Dialoge betrifft, aus Scheu, zu theatralisch zu wirken, uns zu weit von dem zu entfernen, was „natürlich“ ist. Gar keine Frage, es ist wichtig, nach der Wahrheit zu suchen, aber nicht danach, was natürlich ist.

Ein letztes entscheidendes Element in GABRIELLE war die Kameraarbeit mit Eric Gautier und der Schnitt von Francois Gedigier. Ein Film, der in der Belle Epoque spielt, muss sich dieser besonderen Bezeichnung würdig erweisen. Wir haben uns vorbereitet mit Hilfe zeitgenössischer Fotos und ständig Ideen ausgetauscht. Dann haben wir Proben mit verschiedenen Beleuchtungen am Set durchgeführt. Eric hatte mir vom Licht in den Bildern von Frantin-Latour erzählt, ein Licht, das man im Kino heutzutage nicht mehr oft sieht (alles kommt von Leuchtern an der Decke). Schon sehr früh habe ich ihm gesagt, ich würde gern mit wenigen, stark stilistischen Mitteln experimentieren: den Film in Schwarzweiß beginnen, dann plötzlich in Farbe überwechseln und gelegentlich wieder ins Schwarzweiß zurückgehen. Ich würde auch nicht zögern, spezielle formale Techniken einzusetzen wie Zeitlupe, Standbild oder die Kommentierung des Geschehens durch Zwischentitel auf Tafeln, die auch dazu dienen können, bestimmte Dialogausschnitte hervorzuheben.

All das haben wir mit Francois ausprobiert, und das Resultat ist Kino in seiner reinsten Form, während wir einen Blick hinter die Kulissen gewähren, was mich – in meiner Arbeit an Text und Bild und mit den Schauspielern – zurück zu den Wurzeln von Theater und Tragödie brachte.

Ich würde mir wünschen, dass GABRIELLE nicht als ein Film über eine Frau jener Epoche um 1912 gesehen wird, sondern als einer mit einer universellen Aussage: diese Frau, die in ihr Heim zurückkehrt, weil die Liebe dort nicht wohnt, dieser Mann, der es verlässt, weil es immer ohne Leben gewesen ist. Ich wünsche mir, dass der Film eine Frage beantwortet, die alle Generationen bewegt, etwas einfängt von der Ordnung des Ungreifbaren, des Geheimnisses von Gesichtern und Bewegungen. Die im Rahmen geregelter Umgangsformen erstickte Gewalt dieses Zwei-Personen-Bürgerkriegs zeigen den Goldenen Käfig, in dem zwei Menschen sich entblößen und sich hassen. Indem wir diese Abendgesellschaften, diese saturierte Welt voller Verpflichtungen, Konventionen und sinnlosem Geschwätz mit der Kamera einfangen, verstehen wir, was die Verrücktheit dieses Mannes, die Unabhängigkeit dieser Frau mit uns zu tun haben. Zwei Menschen, nie von der leisesten Empfindung angerührt, die in zehn Ehejahren nie davon geträumt haben, ein Paar zu werden und die vergessen haben, dass sie einen Körper besitzen.



FILMOGRAFIE – als Regisseur/Autor


2004 GABRIELLE (Gabrielle - Liebe meines Lebens)

2003 Son frère (Sein Bruder)

Silberner Berliner Bär 2002 Beste Regie

2001 Intimacy

Goldener Berliner Bär Bester Film und Silberner Bär 2001 Beste Darstellerin

Prix Louis Delluc

1998 Ceux qui m’aiment prendront le train (Wer mich liebt, nimmt den Zug)

Im Wettbewerb in Cannes 1998

Césars Beste Nebendarstellerin, Beste Kamera

1994 La reine Margot (Die Bartholomäusnacht)

Jurypreis und Beste Darstellerin in Cannes 1994

5 Césars 1995: Hauptdarstellerin, Nebendarsteller und –Darstellerin, Kamera, Kostüme

1992 Le temps et la chambre (TV); Buch: Botho Strauß

1987 Hotel de France; Co-Autor, nach dem Stück von Anton Tschechow

1983 L’Homme blessé (Der verführte Mann)

Im Wettbewerb in Cannes 1983

César 1984 Bestes Drehbuch

1978 Judith Therpauve (Die letzte Ausgabe)

1975 La chair de l’orchidée (Das Fleisch der Orchidee);

Co-Autor, nach dem Roman von James Hadley Chase



FILMOGRAFIE – als Schauspieler


2003 Le temps du loup (Wolfzeit); Regie: Michael Haneke

2002 Au plus près du paradis (Dem Paradies ganz nah);

Regie: Tonie Marshall

1997 Lucie Aubrac; Regie: Claude Berri

1992 The Last of the Mohicans (Der letzte Mohikaner);

Regie: Michael Mann

1985 Adieu Bonaparte; Regie: Youssef Chahine

1983 Danton; Regie: Andrzej Wajda



ARBEITEN FÜRS THEATER (seit 1982)


2003 Phaedra von Jean Racine

Drei Molière-Inszenierungen

1991 Le temps et la chambre von Botho Strauß

Kritikerpreis und Prix Dominique 1992

Molière 1992

1989 Le retour du désert von Bernard-Marie Koltès

1988-89 Hamlet von William Shakespeare

Fünf Molières, darunter Beste Regie

1987 Dans la solitude des champs de coton von Bernard-Marie Koltès

Platonov von Anton Tschechow

1986 Quai West von Bernard-Marie Koltès

1985 Quartett von Heiner Müller

La fausse suivante von Marivaux

1983 Combat de nègres et de chiens von Bernard-Marie Koltès

1982-1990 Co-Direktor des Theatre des Amandiers in Nanterre



OPERN-INSZENIERUNGEN


2005 Cosi fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart

1994-96 Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart

1992-98 Wozzeck von Alban Berg

1984-85 Lucio Silla von Wolfgang Amadeus Mozart

1979 Lulu von Alban Berg

1976-80 Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner

1974-80 Hoffmans Erzählungen von Jacques Offenbach

1969 Die Italienerin in Algier von Gioacchino Rossini





ISABELLE HUPPERT:


Am Neujahrstag 2004 sandte mir Patrice Chéreau eine SMS mit seinen Neujahrswünschen und sagte, dass er anfinge, etwas für mich zu schreiben. Kann man sich einen besseren Start ins neue Jahr wünschen? Es hatte Anzeichen und Gelegenheiten gegeben, uns zu sagen, dass wir gern miteinander arbeiten würden. Kurz zuvor hatten wir in Michael Hanekes „Wolfzeit“ zusammen gespielt und waren gut miteinander ausgekommen. Der Wunsch war da, er musste nur Gestalt annehmen. Patrice hat sein Wort gehalten und darüber bin ich sehr glücklich. Er erzählte mir von seiner Idee, eine Kurzgeschichte von Joseph Conrad zu adaptieren – „Die Rückkehr“ – und bat mich, sie nicht vorher zu lesen, weil die weibliche Figur nicht stimmig sei. Sie hatte nur einen Auftritt in dem Stück. Bald danach erhielt ich einen Entwurf, in dem der Charakter Gabrielle viel wichtiger geworden war. Sie hatte angefangen, wirklich zu existieren. Als hätte der Film die Figur für mich erschaffen. Patrice bringt seine Schauspieler näher zu dem Film, bezieht sie in den Entstehungsprozess ein, gibt ihnen Verantwortung. Er selbst befasst sich natürlich intensiv mit Kostümen, Sets und Besetzung. Er fühlte sich sehr zu Hause am Set des Films, der an einige Theaterkonventionen anknüpfte – die virtuelle Einheit von Zeit und Raum, ein Text, mit dem man zu kämpfen hat – während er doch fest im Kino verwurzelt bleibt. Patrices enorme Theatererfahrung war eine große Hilfe.

Als meinen Ehemann Mr. Hervey hatte Patrice von Anfang an Pascal Greggory vorgesehen. Er wollte uns auf der großen Leinwand wieder zusammenbringen: GABRIELLE ist mein dritter Film mit Pascal. Er spielte meinen Bruder in „Die Schwestern Bronte“, einen potenziellen Liebhaber in „Ghost River“ von Olivier Dahan, und jetzt meinen Ehemann. Das deckt so ziemlich das ganze mögliche Spektrum zwischenmenschlicher Beziehungen ab. Pascal ist ein Schauspieler auf konstant hohem Niveau. In diesem Film spielen wir beide ein gut situiertes Paar, das gut zusammen passt in Fragen von Konvention und Leidenschaft.

Patrice hat gar nicht so viel mit mir über den Film gesprochen. Erst beim Dreh wurde mir klar, dass es ein Film über Beziehungen ist. Man glaubt, darüber sei bereits alles gesagt worden. Ich wusste nicht, wie viel es noch zu sagen gibt über Ehe, Trennung, Verlieben und destruktive Leidenschaft, über Wege für ein Ehepaar, weiterzumachen. Was dieser Film uns über das Auseinanderbrechen einer Ehe erzählt, ist noch nie zuvor gesagt worden! Sicher, ein Band ist zerbrochen, aber du kannst es auch zerstören, um mehr über dich selbst zu erfahren und über den anderen. Im Grunde zeigt der Film den Widerstand bei jedem der Beteiligten gegen die Idee, die Beziehung zu beenden, diese zähe Pflanze, die vor sich hin stirbt und versucht wieder zu wachsen, bis sie endgültig eingeht. Das ist die Kraft der sozialen oder individuellen Vereinbarung. Das Erschreckende in dem Film ist Gabrielles Entwicklung, ihre unbewegliche Mobilität – „die Rückkehr“. Gabrielle zwingt ihren Mann, Zeuge dieser neuen Welt zu werden, die sie erkundet. Ihr Wunsch, das Band zwischen ihnen aufrecht zu erhalten, macht ihren Mann zum unfreiwilligen Zuschauer ihres neuen Lebens. Das ist extrem grausam. Als ob die Welt, die sich vor ihr öffnet, so riesig, so unbekannt, so voller Hoffnung und Gefahr wäre, dass sie ihn an ihrer Seite wünscht, wenn sie darin eindringt, auch wenn sie weiß, dass er an einem bestimmten Punkt ausgeschlossen ist.

Als ich das Drehbuch las, fürchtete ich, die Sprache könne ein Problem sein, zu knifflig zum Sprechen. Aber ich irrte mich. Alles war wunderbar sprechbar. Es ist eine Sprache, die misshandelt werden kann, aber Realismus und Stimmigkeit bewahrt.


Patrice Chéreau hat einen außergewöhnlichen, unverwechselbaren Stil zu arbeiten. Mir fiel gleich auf, dass er den Schauspielern sehr nahe ist. Zu sagen, er sei ein großer Schauspieler-Regisseur, ist eine Untertreibung, wenn man sieht, wie er sich in sie hineinversetzt und sie zu besseren Leistungen treibt, indem er sie an einen Punkt bringt, von dem sie nicht wussten, dass sie ihn erreichen können. Aber er tut das auf freundliche, liebevolle, überzeugende Art, so dass keiner der Schauspieler das Gefühl hat, gezwungen zu werden oder eigene persönliche Regeln zu verletzen. Ich hatte Gabrielle nie so gesehen wie er, aus einem Instinkt heraus: Die Heftigkeit ihrer stillen Rebellion, ohne Aggression oder den Wunsch nach Rache, macht alles noch schmerzlicher.

„Killing me softly with your Eyes...“ wurde unsere Lieblingsmelodie am Set. Der große Verdienst des Films ist es, nicht die persönlichen Streitereien eines verheirateten Paares zu zeigen oder ein bürgerliches Melodram. Wir sind hier viel näher bei Strindberg. Es gibt keine Lösung der Probleme. Es ist eine existenzielle Tragödie, in der die Figuren und das Publikum in die Tiefe ihrer Seelen abtauchen müssen. Am Set konnte ich meine Augen nicht von Patrice wenden. Er durchlebte jeden Moment körperlich: die Gefühle, Darstellungen, Situationen – ein sehr sensorischer Weg, dieses Abenteuer zu erfahren. Wie ein Dirigent, der die Musik lebt.

Es gab keine Zusammenstöße mit Pascal. Der Punkt war, dass wir ständig nach einer gemeinsamen Basis suchen mussten. So sehr, dass wir ein Paar wurden, Mann und Frau, und glücklich zwei Monate lang zusammenlebten, anders als im Film. Jeden morgen freute ich mich, ihn zu sehen. Ich diskutiere nicht gern Szenen mit meinen Spielpartnern. Entweder es funkt, oder es funkt nicht.

Wunderbar an dem Film ist, wie er die soziale und häusliche Situation darstellt, und die Art, wie Chéreau das Paar vor dem sehr spezifischen Hintergrund der obersten Gesellschaftsschicht am Wendepunkt zum 20. Jahrhundert zeigt. Darüber hat er mit mir mehr gesprochen als über das Mann-Frau-Thema – ihre sehr feminine, häusliche Umgebung und ihren High-Society-Alltag. Weil sie keine Kinder haben, wird dieser Aspekt ihres Lebens umso wichtiger. Das war sehr präzise dargelegt und choreographiert. Kino ist eine Kunst, die nicht nur von Improvisation und Zufall lebt, sondern auch von äußerster Präzision.

Den Endschnitt habe ich mit dem gleichen Gefühl gesehen, das ich schon beim Drehen hatte. Der Film vereint Intensität und Schönheit und passt perfekt in Patrices filmisches Werk als eine Art natürlicher Fortsetzung von „Intimacy“. Von meinem persönlichen Standpunkt aus hatte ich das Gefühl, ich wurde durchgeschüttelt. Eine Frau, die widersteht, kannte ich bereits. Eine Frau, die sich selbst enthüllt, an der Grenze zwischen großer Sanftheit und extremer Grausamkeit, treffe ich seltener. Die Bekanntschaft mit ihr verdanke ich Patrice Chéreau.



FILMOGRAFIE (Auswahl)


2005 GABRIELLE (GABRIELLE – Liebe meines Lebens); Regie: Patrice Chéreau

2005 La comedie du pouvoir; Regie: Claude Chabrol

2004 Les sœurs fachées (Zwei ungleiche Schwestern); Regie: Alexandra Leclere

I Heart Huckabees; Regie: David O. Russel

2003 Ma mère; Regie: Christophe Honore

2002 Le temps du loup (Wolfzeit); Regie: Michael Haneke

La vie promise (Ghost River); Regie: Olivier Dahan

2001 Deux; Regie: Werner Schroeter

8 femmes (8 Frauen); Regie: François Ozon

2000 La pianiste (Die Klavierspielerin); Regie: Michael Haneke

Comédie de l’innocence; Regie: Raoul Ruiz

Merci pour le chocolat (Süßes Gift); Regie: Claude Chabrol

Les destinées sentimentales; Regie: Olivier Assayas

1999 Saint Cyr (Die Schule der verlorenen Mädchen); Regie: Patricia Mazuy

La fausse suivante; Regie: Benoît Jacquot

La vie moderne; Regie: Laurence Ferreira Barbosa

1998 Pas de scandale; Regie: Benoît Jacquot

L’école de la chair (Schule des Begehrens); Regie: Benoît Jacquot

1997 Rien ne va plus (Das Leben ist ein Spiel); Regie: Claude Chabrol

1996 Les palmes de Monsieur Schutz (Marie Curie – Forscherin mit Leidenschaft); Regie: Claude Pinoteau

Poussières d’amour (Pussières d’amour - Abfallprodukte der Liebe); Regie: Werner Schroeter

1994 Le affinità  elletive (Wahlverwandtschaften); Regie: Paolo & Vittorio Taviani

1994 La cérémonie (Biester); Regie: Claude Chabrol

La séparation (Trennung); Regie: Christian Vincent

1993 Amateur; Regie: Hal Hartley

1993 Navodneniye (Tödliche Fluten – Rettet unsere Kinder); Regie: Igor Minaev

1992 Après l’amour (Nach der Liebe); Regie: Diane Kurys

1991 Madame Bovary; Regie: Claude Chabrol

Malina; Regie: Werner Schroeter

1990 La vengeance d’une femme (Die Rache einer Frau); Regie: Jacques Doillon

1988 Une affaire de femmes (Eine Frauensache); Regie: Claude Chabrol

Migrations; Regie: Alexandar Petrovic

1987 Milan noir (Der schwarze Milan); Regie: Ronald Chammah

Les possédés (Die Dämonen); Regie: Andrzej Wajda

The Bedroom Window (Das Schlafzimmerfenster); Regie: Curtis Hanson

1986 Cactus (Kaktus); Regie: Paul Cox

1985 Signé Charlotte; Regie: Caroline Huppert

1984 Sac de noeuds; Regie: Josiane Balasko

La Garce; Regie: Christine Pascal

1983 La femme de mon pote; Regie: Bertrand Blier

Storia di Piera (Die Geschichte der Piera); Regie: Marco Ferreri

1982 La truite (Eine Frau wie ein Fisch); Regie: Joseph Losey

Passion (Passion); Regie: Jean-Luc Godard

1981 Coup de foudre (Entre nous – Träume von Zärtlichkeit); Regie: Diane Kurys

Eaux profondes (Stille Wasser); Regie: Michel Deville

Coup de torchon (Der Saustall); Regie: Bertrand Tavernier

1980 Les ailes de la colombe; Regie: Benoît Jacquot

1980 La vera storia della signora delle camelie (Die Kameliendame); Regie: Mauro Bolognini

Örökség (Erbinnen); Regie: Marta Meszaros

1980 Heaven’s Gate (Heaven’s Gate); Regie: Michael Cimino

Loulou (Der Loulou); Regie: Maurice Pialat

1979 Les soeurs Brontë (Die Schwestern Bronte); Regie: André Téchiné

Sauve qui peut (la vie) (Rette sich, wer kann (das Leben)); Regie: Jean-Luc Godard

Le retour à  la bien-aimée (Rückkehr zur Geliebten); Regie: Jean-François Adam

1978 Violette Nozière (Violette Nozière); Regie: Claude Chabrol

1977 Les indiens sont encore loin (Die Indianer sind noch fern); Regie: Patricia Moraz

1976 La dentellière (Die Spitzenklöpplerin); Regie: Claude Goretta

Le Petit Marcel; Regie: Jacques Fansten

Je suis Pierre Rivière; Regie: Christine Lipinska

Docteur Francoise Gailland (Dr. med. Francoise Gailland); Regie: J.L. Bertuccelli

1975 Le juge et l’assassin (Der Richter und der Mörder); Regie: Bertrand Tavernier

Dupont-Lajoie (Monsieur Dupont); Regie: Yves Boisset

Le Grand délire (Die große Ekstase); Regie: Dennis Berry

Aloise; Regie: Liliane de Kermadec

Rosebud (Unternehmen Rosebud); Regie: Otto Preminger

1974 Les valseuses (Die Ausgebufften); Regie: Bertrand Blier

L’Ampélopède; Regie: Rachel Weinberg

1972 Le bar de la fourche (Ein charmanter Gauner); Regie: Alain Levent

César et Rosalie (Cesar und Rosalie); Regie: Claude Sautet

Faustine et le bel été; Regie: Nina Companeez



PREISE


1978 Bafta als Beste Newcomerin für Die Spitzenklöpplerin

1979 Beste Schauspielerin beim Festival in Cannes für Violette Nozière

1988 Beste Schauspielerin beim Festival in Venedig für Eine Frauensache

1991 Beste Schauspielerin beim Deutschen Filmpreis für Malina

1991 Beste Schauspielerin beim Festival in Moskau für Madame Bovary

1995 Beste Schauspielerin beim Festival in Venedig für Biester

1996 César als Beste Schauspielerin für Biester

2000 Beste Schauspielerin beim Festival in Montreal für Süßes Gift

2001 Beste Schauspielerin beim Festival in Cannes für Die Klavierspielerin

2001 Beste Europäische Schauspielerin in Die Klavierspielerin bei den European Film Awards

2002 Beste Schauspielerin in einem Ensemble beim Festival in Berlin für 8 Frauen

2002 Beste Schauspielerin beim Festival in Seattle für Die Klavierspielerin

2002 Beste Schauspielerin in einem Ensemble beim Europäischen Filmpreis für 8 Frauen

2002 Golden Taurus der russischen Filmkritiker für 8 Frauen

2003 Film Critics’ Etoile d’or für 8 Frauen

2005 Spezial-Löwe beim Festival in Venedig aus Anlass von GABRIELLE für die schauspielerische Leistung in ihrem Gesamtwerk



THEATER (Auswahl)


On Ne Badine Pas Avec L’amour; Regie: Caroline Huppert (Musset)

Un Mois A La Campagne; Regie: Bernard Murat (Tourgueniev)

Measure for Measure; Regie: Peter Zadek (Shakespeare)

Jeanne Au Bucher; Regie: Claude Regy (Claudel)

Orlando; Regie: Bob Wilson (VirginiaWoolf)

Mary Stuart; Regie: Howard Davies (Schiller)

Medea; Regie: Jacques Lassalle (Euripide)

4.48 Psychosis; Regie: Claude Regy (S. Kane)

Hedda Gabler; Regie: Eric Lacascade (E.Ibsen)





PASCAL GREGGORY:


Diese Rolle war ein Geschenk von Patrice Chéreau, der wollte, dass wir wieder einen Film miteinander drehen. Als Isabelle Huppert für die weibliche Hauptrolle zusagte, dachte er an mich als ihren Ehemann. Isabelle und ich haben bereits zweimal zusammen gespielt, in „Die Schwestern Bronte“ von André Téchiné vor langer Zeit und, nicht allzu lange her, in Olivier Dahans „Ghost River“. Ich kenne sie sehr gut. Die Vorstellung, wieder mit ihr zu arbeiten, gefiel mir, interessierte mich und beunruhigte mich gleichzeitig auch etwas. Isabelle ist eine Schauspielerin, die so unberührbar erscheint, so unnahbar - fast unmöglich, ihr sein Herz zu öffnen, denkt man. Sie als Partnerin zu haben schüchtert einen ein und inspiriert einen zugleich. So lange man sich selbst nicht einschüchtern lässt, kann ihr Talent und ihr Perfektionismus das eigene Spiel nur besser machen.

Rein äußerlich passten Isabelle und ich sehr gut zueinander. Sie mit ihrer fast maskulinen Strenge und ich bringe meine rigorose, protestantische Seite in das Paar ein, zusammen mit einer gewissen Zärtlichkeit. Die Figur war ideal für mich: leicht steif, ein Mann, der nicht wirklich versteht, was mit ihm passiert. In dieser Hinsicht ist er mir nicht unähnlich. Als er uns in einem frühen Stadium zusammen sah, sagt Patrice gerade heraus: „Euch verbindet etwas. Ihr gebt ein sehr dramatisches Paar ab.“

Es ist ein seltsames Paar, fast kann man sagen „steril“, denn es gibt keinen Sex in ihrer Ehe und keine Kinder. Aber sie sind miteinander verbunden durch einen Bund, den sie als ausreichend angesehen haben für ein Leben miteinander. Die Konventionen der Welt, der sie angehören, haben sie zusammengeführt und binden sie zehn Jahre lang aneinander. Konventionen, keine anderen gemeinsamen Erfahrungen. Das scheint die Summe ihrer Beziehung zu sein am Anfang des Films. Jean und Gabrielle Hervey scheinen nie darüber nachgedacht zu haben, was sie begehren. Sie haben ein Leben ohne Leidenschaft geführt.

Bis zu dem Tag, an dem die Lust Gabrielle zu einem anderen Mann führt, in eine andere Welt, ein anderes Leben ... Und genau dann, als ihre Beziehung zerstört ist, erkennt Jean Hervey, was ihn an seine Frau bindet über die Konventionen hinaus: Etwas, was fast Leidenschaft sein könnte, das er aber zu spät entdeckt.

Ich hatte Conrads Kurzgeschichte „Die Rückkehr“ vor langer Zeit gelesen. Nachdem Patrice mir die Rolle im Januar 2004 angeboten hatte, kam der Film sehr schnell zustande. Patrices Begeisterung und das Projekt selbst übermannten uns. Im Wesentlichen ein Drehort und zwei Darsteller, das schien sehr einfach, aber es gab kein Gefühl von Dringlichkeit oder Konflikt. Es war wirkte alles sehr natürlich, mit dem angenehmen Gefühl, verwöhnt zu werden.

Patrice schützt die Menschen um sich herum. Er ist so etwas wie das Familienoberhaupt. Mit der Zeit hat er mich kennen gelernt mit meinen Stärken und Schwächen, besser als jeder andere. Ich kenne ihn auch sehr gut. Er sagt zu allem, was ich vorschlage, „nein“, dabei möchte er im Grunde zustimmen, und das setzt sich manchmal durch. Also habe ich nicht aufgehört, Vorschläge zu unterbreiten. Es wurde eine Art Spiel zwischen uns. Am Set hat Patrice eine unglaubliche Energie, was dazu führt, dass man sich angewöhnt, nicht weniger von sich selbst zu erwarten. Man wird von dem Wunsch getrieben, zu zeigen, dass man gut genug ist, sich würdig erweist. Es war eine dreifache Konfrontation – die eine stabile Persönlichkeit erfordert, denn es waren drei sehr starke Egos unterwegs!

Jean Hervey, meine Rolle, ist äußerst etabliert und sich seiner selbst und seiner Stellung in der Welt sicher. Als er herausfindet, dass seine Frau ihn verlassen hat, bricht für ihn die Welt, in der er immer gelebt hat, zusammen. Und wenn sie zurückkehrt, verfallen die Ruinen zu Staub. Jean Hervey verliert jeglichen Bezugspunkt. Zunächst klammert er sich an alles, was greifbar scheint, dann lockert er den Griff. Er löst sich auf, verschwindet. Mit Gabrielle passiert das Gegenteil: Sie hat ihren Zusammenbruch am Anfang, durch Verzweiflung, Langeweile und Scham, dann reißt sie sich zusammen und nimmt ihr Schicksal in die Hand.

Der Titel des Films ist GABRIELLE. Trotzdem ist es meine Figur, die die Geschichte erzählt. Wie bei allen Beziehungen geht es um Kompromisse, inklusive der Kompromisse zwischen dem, was man zeigt, und dem, was man andere Menschen glauben macht.

Es ist ein leidenschaftlicher Film mit wunderschönen Dialogen, der eine universelle Geschichte erzählt, die in jeder sozialen Umgebung, zu jeder anderen Zeit stattfinden könnte. Eine Art Duell wird ausgetragen, innerhalb der Fesseln der untadelig disziplinierten häuslichen und sozialen Arrangements. Auf der einen Seite glitzernde Empfänge, auf der anderen die Dienstboten. Und im Zentrum von allem diese seltsame Leidenschaft.



FILMOGRAFIE (Auswahl)


2005 GABRIELLE (GABRIELLE – Liebe meines Lebens); Regie: Patrice Chéreau

2004 Arsène Lupin; Regie: Jean-Paul Salomé

2003 Raja; Regie: Jacques Doillon

2002 24 heures de la vie d’une femme (24 Stunden aus dem Leben einer Frau); Regie: Laurent Bouhnik

La vie promise; Regie:Olivier Dahan

Nid de guèpes (Das tödliche Wespennest); Regie: Florent Siri

2001 Un Ange; Regie: Miguel Courtois

2000 La confusion des gendres (Man liebt es unentschieden); Regie: Ilan Duran-Cohen

Pourquoi se marier le jour de la fin du monde?; Regie: Harry Cleven

La fidélité; Regie: Andrzej Zulawski

1999 The Messenger: The Story of Joan of Arc (Johanna von Orleans); Regie: Luc Besson

Le temps retrouvé (Die wiedergefundene Zeit); Regie: Raoul Ruiz

1998 Zonzon; Regie: Laurent Bouhnik

Ceux qui m’aiment prendront le train (Wer mich liebt, nimmt den Zug); Regie: Patrice Chéreau

1997 Lucie Aubrac; Regie: Claude Berri

1994 La reine Margot (Die Bartholomäusnacht); Regie: Patrice Chéreau

1993 La soif de l’or; Regie: Gérard Oury

L’arbre, le maire et la médiathèque (Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek); Regie: Eric Rohmer

1992 Villa Mauresque; Regie: Patrick Mimouni

Le temps et la chambre, TV; Regie: Patrice Chéreau

1988 La couleur du vent; Regie: Pierre Granier-Deferre

1988 Les Pyramides bleues; Regie: Arielle Dombasle

1983 Pauline à  la plage (Pauline am Strand); Regie: Eric Rohmer

Grenouilles; Regie: Adolfo Arrieta

1982 Le beau mariage (Die schöne Hochzeit); Regie: Eric Rohmer

Chassé-Croisé; Regie: Arielle Dombasle

1979 Les soeurs Bronte (Die Schwestern Bronte); Regie: André Téchiné

1978 Flammes; Regie: Adolfo Arrieta

1977 Madame Claude (Madame Claude und ihre Gazellen); Regie: Just Jaeckin

1975 Docteur Francoise Gailland (Dr. med. Francoise Gailland); Regie: Jean-Louis Bertucelli



OPER


Die Zauberflöte; Inszenierung: La Fura Del Baus / Jaume Plensa



THEATER (Auswahl)


Madame Marguerite; Regie: Jorge Lavelli

Hotel du Lac; Regie: Andréas Voutsinas

La Guerre Civile; Regie: Régis Santon

Catherine de Heilbronn; Regie: Eric Rohmer

La Derniere Classe; Regie: Jean-Claude Amyl

Emilie Jolie; Regie: Robert Fortune

Le Trio En Mi-Bemol; Regie: Eric Rohmer

Hamlet; Regie: Patrice Chéreau

Liebelei; Regie: Gabriel Aghion

Le Temps et La Chambre; Regie: Patrice Chéreau

Dans la solitude des champs de coton; Regie: Patrice Chéreau

Il ne faut pas jouer avec le feu; Regie: Luc Bondy

Aneantis; Regie: Louis do de Lencquensaing

Phaedra: Regie: Patrice Chéreau







ANNE-LOUISE TRIVIDIC:


Patrice Chéreau rief mich im Januar 2004 an, um mit mir über die Kurzgeschichte „Die Rückkehr“ von Joseph Conrad zu reden und bat mich, sie zu lesen. Ich kannte sie nicht und war sehr überrascht: Ein schöner Text, ungefähr vierzig Seiten lang, der wirkt wie ein Hammerschlag, durchzogen von einer sehr seltsamen Art von Gewalt. Das kompromisslose Porträt eines eitlen und erfolgreichen Mannes ist eine Kampfansage an eine Lebensart, die im Grunde jede reelle, klare autonome Existenz verleugnet – ein eigenes Leben. Die beiden Hauptfiguren sind Gefangene und Opfer dieses Lebensstils und, in einem weiteren Sinn, Gefangene ihres Hauses. Die Handlung kann zusammengefasst werden als Eingang (sie kehrt zurück) und Ausgang (er verlässt das Haus). Eine Tür öffnet sich und eine geht zu.

Conrad hat seinen Augenmerk ganz auf den männlichen Charakter gerichtet und ihn genau untersucht, mit einem entomologischen Auge fürs Detail. Alles an dem Mann legt er offen, vom kleinsten Flickern einer Emotion bis zur Summe seiner Urteile.

Es ist ein vernichtendes Porträt. Ohne jede Spur von maskuliner Solidarität gibt ihm Conrad einfach genug Seil, um sich aufzuhängen. Es liegt etwas sehr Klinisches in der Art, wie er ihn seziert, bis nichts mehr von ihm da ist. Doch während wir alles über die männliche Figur erfahren, bleibt die Frau auf der anderen Seite in dem Buch beinahe abstrakt. Sie hat nur eine Handvoll Sätze, darunter den bedeutungsvollen: „Hätte ich gewusst, dass du mich liebst, wäre ich nie zurückgekommen.“ Es ist, als würde Conrad zu sich selbst sagen: „Lass uns einen so und so beschaffenen Mann nehmen und ihn in eine so und so beschaffene Situation bringen – und sehen wir uns an, was dabei heraus kommt.“ Fast wie ein Labor-Experiment, in dem die Frau als Katalysator fungiert, ist sie Teil der Demonstration.

Der Prozess des Schreibens musste rasch vonstatten gehen und erforderte grundsätzliche Entscheidungen wie die, sich von der Studie eines Individuums zu entfernen, um dafür eine genuine Konfrontation zu erschaffen. Die Erkundung eines Charakters zurückzustellen und statt dessen eine spezifische Dynamik in den Mittelpunkt zu rücken, nämlich die eines Paares. Das Porträt eines einzigen Lebens zu vernachlässigen zugunsten einer Reise ins Herz einer Beziehung.

Kurz gesagt, es ging um beide Figuren zusammen, beide aktiv und mit gleicher Aufmerksamkeit beim Erzählen der Geschichte bedacht, was uns gereizt hat und den Wunsch weckte, sie näher kennen zu lernen. Sich ihr Verhalten vorstellen, sie beobachten, ihnen folgen – das war es, was uns vorangetrieben hat.

Also mussten wir einen weiblichen Charakter aus dem Nichts erschaffen. Wer ist diese Frau, die fortgeht und dann zurückkommt? Wir mussten die abstrakte Figur hinter uns lassen, um sie Fleisch werden zu lassen, den halbfertigen Charakter des Buches vergessen, um sie als echte Person mit einem gleichwertigen Status zu ihrem Partner erstehen zu lassen. Seine Hauptmerkmale übernahmen wir: Er ist ein Mann von Prinzipien, mit vielen Überzeugungen und nicht unbedingt der Typ Mann, mit dem man sich anfreunden möchte. Es stellte sich bald heraus, dass wir unserer Imagination in Bezug auf ihren Charakter freien Lauf lassen mussten, um die Beziehung zwischen ihnen in den Griff zu bekommen. Während der Arbeit haben wir ihre Charakterzüge gefunden. Wir ließen ihre Besonderheit, ihren Hintergrund, Motive und Geheimnisse auf uns wirken. Daraus resultiert v. a. die lange Szene, in der sie sich ihrer Magd Yvonne anvertraut und dabei eine Erklärung für ihr Handeln liefert. Natürlich wusste ich, dass Isabelle Huppert Gabrielle spielen würde, und daraus entstanden viele Ideen und Notwendigkeiten. Als wir erst einmal ein mentales Bild von ihr hatten, haben wir sie mit ihrem Ehemann Jean konfrontiert, in einer Reihe von Kämpfen in einer notwendigerweise gekürzten Zeitskala: Eröffnung in der Gegenwart, Flashback, dann das Herz der Handlung.

Die Dinnerparty, die wir in der Rückblende am Anfang des Films sehen, entstand aus der Idee heraus, den Leuten einen Eindruck davon zu vermitteln, wer sie war, bevor alles begann. Der Figur einen Hintergrund geben zur gleichen Zeit, wenn man einen Einblick in ihre Welt erhält. Wir mussten etwas erfahren über diese Frau, bevor sie geht und wieder kommt. Sonst fragt man sich: Wer kommt da zurück?

Gabrielle ist eine starke Frau, die wagt, aus ihren Begierden heraus zu leben zu einer Zeit, wo das sehr frustrierend für eine Frau sein konnte. Er, andererseits, hat das immer noch nicht kapiert. Dennoch erzeugt seine Figur mit sehr viel Emotion. Er ist derjenige, der sich verändert. Der sie auf seine eigene Art liebt, ohne zu verstehen und dann handelt. Was Jean Hervey angeht, war meine Aufgabe, ihn mitfühlend und glaubwürdig zu machen selbst in so unvorteilhaften Umständen, die darunter liegende Leidenschaft zu zeigen, während die Hauptcharaktereigenschaften vom Anfang erhalten bleiben: sein Schock, die Überraschung, wenn das wirkliche Leben hereinbricht und Verwirrung anrichtet.

Wenn man an einem Paar arbeitet, ist das Faszinierende natürlich, herauszufinden, was sie antreibt. Auch wenn das Buch Distanz zwischen ihnen zeigt, war es sehr interessant, zu schauen, warum sie einander überhaupt einmal ausgewählt haben und wo Übereinstimmung herrscht, auch wenn die Krise um sie herum tobt. Der Film vermittelt uns das Gefühl, dass diese beiden wirklich füreinander bestimmt waren, und es ist aufregend zu sehen, dass es auch plötzlich Momente der Harmonie mitten im Kampfgetümmel gibt. Diese seltsamen Augenblicke des Friedens, wenn sie miteinander synchron sind, erlauben uns, die erbitterten Feinde in einem widersprüchlichen Licht zu sehen, in dem das, was sie verbindet, aufscheint.

Gabrielle und Jean Hervey sind sehr unterschiedliche Menschen, aber zu einem gewissen Grad sind sie zwei Soldaten in der gleichen Armee, die in den Kampf ziehen. In der gleichen Armee, aber in verschiedenen Abteilungen, könnte man sagen. Es war wichtig, dass sie auch zusammen passen, auch wenn sie sich in Intensität und Tiefe unterscheiden.

Das ist sehr beängstigend, was uns nicht klar war, als wir das Drehbuch schrieben. Ihre Konfrontation ist von einem Gefühl des Terrors durchzogen, erzeugt von der Beziehung zwischen diesen beiden Individuen und ihren Implikationen. Wir erleben sie in Gesellschaft anderer und dann von Angesicht zu Angesicht, sehen also ihre öffentlichen und privaten Seiten. Es war uns sehr wichtig, zwischen ihrem privaten und ihrem sozialen Leben mit den Abendgesellschaften hin und her zu wechseln. So sehen wir nicht nur den Konflikt, sondern auch die verschiedenen Gesichter der beiden Protagonisten.

Es ist verlockend, sich vorzustellen, was beide am Ende des Films tun werden. Ich glaube, diese gleiche Verlockung gab es auch am Ende von „Intimacy“. In einem bestimmten Sinn hat Gabrielle gewonnen, oder zumindest hat sie ihr wirkliches Selbst offenbart und bis zu einem gewissen Punkt ist der Ausgang irrelevant. Bei Jean sind wir nicht sicher, doch er verschwindet in den Malstrom des Lebens und nicht in die Dunkelheit des Hauses. Es ist eine eigentümliche Umkehrung ihrer Rollen.


FILMOGRAFIE (Drehbuch)


2006 La pluie des prunes (TV); Regie: Frédéric Fisbach

2005 GABRIELLE (GABRIELLE – Liebe meines Lebens); Regie: Patrice Chéreau, nach einer Kurzgeschichte von Joseph Conrad

2003 Son frère (Sein Bruder); Regie und Co-Autor: Patrice Chéreau, nach einem Roman von Philippe Besson

Silberner Bär, Berlin 2003

2002 Au plus près du paradis (Dem Paradies ganz nah); Regie und Co-Autor: Tonie Marshall

2001 Intimacy; Regie und Co-Autor: Patrice Chéreau

nach Geschichten von Hanif Kureishi

Silberner Bär, Berlin 2001

Silberner Bär für die Beste Schauspielerin

Blauer Engel, Berlin 2001; Prix Louis Delluc 2001

1999 Le Cas Howard Phillips Lovecraft; Regie und Co-Autor: Pierre Trividic und Patrick-Mario Bernard in der Serie „A Century Of Writers On France 3“ (Un siècle d’écrivains).

Gold Fipa für Beste Dokumentation, Biarritz 1999

Silver Spire, San Francisco, 1999

1995 L’age des possibles, TV; Regie und Co-Autor: Pascale Ferran

Bester Film in Belfort, Entrevues, 1995

Silver Fipa Biarritz 1996

7 D’or als Bestes TV Movie

Bestes TV Movie, 7 D’or für Beste Regie 1997



      

KURZINHALT


Paris um 1912. In der prächtigen Kulisse ihrer Stadtvilla hat sich ein vermögendes Ehepaar (Isabelle Huppert, Pascal Greggory) in seiner Beziehung eingerichtet - ohne tiefe Gefühle, dafür mit vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen und glänzenden Empfängen. Das geht solange gut, bis die Frau eines Tages beschließt, ihren Mann für einen Liebhaber zu verlassen – und dann, nur wenige Stunden später, diese Entscheidung revidiert und zurückkehrt. Der Mann ist fassungslos, die Frau bleibt scheinbar kühl. Es beginnt ein intimes Duell der Körper, der Herzen und der Seelen, mit dem Patrice Chéreau ähnlich provozierend die gesellschaftlichen Konventionen dieser Zeit beleuchtet, wie er vor einigen Jahren in seinem erfolgreichen Film „Intimacy“ den Bereich der Sexualität auslotete.



 


 

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