Die Legende Von Beowulf Filmkritik von Florian Hösch


 

FSK: 12

Laufzeit: 115 Minuten

Originaltitel: Beowulf

Schauspieler: Ray Winstone, Angelina Jolie, Anthony Hopkins, John Malkovich, Brendan Gleeson, Crispin Glover

Dänemark im 5. Jahrhundert n. Chr. : König Hrothgar, Herrscher der Dänen, steht endlich vor der fertiggestellten Trinkhalle Heorot, ein Saal gedacht für exzessive Lustbarkeiten. Trotz goldenem Met, der in Strömen fließt, steuert das freudige Einweihungsfest einem üblen Ende entgegen: Durch die lärmende Hallenfeier in seiner Ruhe gestört, zerschmettert das trollische Ungeheuer Grendel die Tore der Halle und metzelt die Mehrzahl der feiernden Krieger nieder. Nacht für Nacht scheitern vermeintliche Helden kläglich bei dem Versuch, dem Unhold den garaus zu machen. Blutige Spuren sind morgens das einzige, was an ihre Anwesenheit erinnert. Grendel entwickelt sich zu einem unerbittlichen Fluch für König Hrothgar, der die Halle notgedrungen verriegeln lässt. Doch als jede Hoffnung auf Erlösung schwindet, kommt auf der stürmischen See ein Gautenschiff geritten. Beowulf und seine 14 Kampfgefährten haben von Hrothgars Unglück Kunde erhalten und stellen sich dem Ungeheuer nun mutig zum Kampf...

Storyline:  80%

Eine Geschichte von tapferen Helden, gnadenlosen Unholden und ruhmreichen Taten - typisch für ein Heldengedicht wie den "Beowulf". Auf diesem altenglischen Heldenepos basiert dieser Film nämlich und gewährt damit einen eher modern dargestellten Einblick in die Sagenwelt zu Zeiten der Wikinger. In Strömen fließender Met und Bitten an nordische Götter wie Odin und Heimdall waren schon in der ca. 1300 Jahre alten Buchvorlage enthalten.

Zur "Legende Von Beowulf" kann man hierbei mit Fug und Recht sagen, dass der Sagenstoff eine sehr kinotaugliche Umsetzung gefunden hat. Das heißt jetzt nicht, dass der Film 1:1 die Inhalte des Buches wiedergibt, es wurde in der Tat einiges verändert. Bis zum Besuch in Grendels Höhle geht die Handlung ziemlich genau den gleichen Gang wie im Epos, ab dem Treffen mit Grendels Mutter entfernt sich die Filmhandlung jedoch weitgehend vom genauen überlieferten Hergang. Das macht hier jedoch wirklich Sinn, egal was Zweifler sagen mögen. Ein stures Festhalten an die Vorlage hätte eine Heldentat nach der anderen zur Folge gehabt, bis der Held Beowulf schließlich gestorben wäre. Für modernes Kino nicht besonders angemessen. Zumindest wäre ein relativ geistloser Film herausgekommen, der sich wohl nur auf Bildgewalt hätte stützen können während er Station um Station abarbeitet.

Das ist hier aber zum Glück nicht so. Die Abwendung vom Vorbild verleiht dem Film sogar einen gewissen Tiefgang. Vor allem zeigt er - besser als das Heldenepos - die menschliche Seite eines Helden und seine Schwächen: Besonders die Schwäche von Männern, wenn es um Frauen geht. Diese Schwäche entpuppt sich als wiederkehrender Fluch für den Betroffenen und wird dem aufmerksamen Zuschauer wohl schnell als Leitmotiv auffallen.

Soweit sich "Die Legende Von Beowulf" auch vom Buch unterscheiden mag, schadet es doch nicht, sich vor dem Kinobesuch etwas mit dem eigentlichen Epos zu beschäftigen. Das meiste ist zwar gut erklärt und sollte auch ohne Vorkenntnisse verständlich sein, das maximale Feeling kommt aber sicher erst mit Kenntnis der betroffenen Sagenwelt auf. Die Schwimmepisode, aus dem Heldengedicht mit kleinen Unterschieden übernommen, ist hierfür ein Beispiel: Die wirkliche Bedeutung wird mit Kennen der wahren Geschichte klarer.

Insgesamt ist die Story also durchaus positiv zu bewerten. Das open end ist hierbei noch ein weiterer Pluspunkt - jeder kann sich das Ende selbst ausmalen.

Action/Fesselfaktor:  70%

Action bietet sich an etlichen Stellen. Der erste Überfall Grendels, der Kampf Beowulfs gegen Grendel und der finale Kampf gegen den Drachen stechen hier jedoch besonders hervor. Es geht schon richtig unverblümt zur Sache, fliegende Körperteile, aufgespießte Krieger oder abgebissene Köpfe sind keine Seltenheit. Es gibt natürlich auch jede Menge animiertes Blut, für ganz schwache Gemüter ist der Film also nicht so ohne weiteres zu empfehlen.

Spannung wird hier etwa in einem mittleren Maße erzeugt. Von einem ständigen Zusammenzucken sollte man also nicht ausgehen, obwohl schon an mindestens zwei Stellen ein Schreckpotential vorhanden ist.

Im ersten Teil, als noch der Weg des jungen Beowulf beleuchtet wird, ist die Spannung vor allem vom Typ "Ruhe vor dem Sturm". Man denke da ans anfängliche Auftauchen von und das Warten auf Grendel oder Beowulfs Eindringen in die Wasserhöhle, wo man eigentlich jeden Moment mit einem Angriff rechnet.

Wenn sich die Story im zweiten Teil dem gealterten König Beowulf zuwendet, gibt es mehr Actionspannung. Speziell im Kampf gegen den Drachen, in dem Beowulf scheinbar deutlich unterlegen ist, kann man ohne weiteres mitfiebern. Hier ist die Spannung definitiv am höchsten und das anschließende open end entlässt den Zuschauer ebenfalls mit einem Gefühl der Ungewissheit.

Animationen/Technische Umsetzung:  85%

Die größte Besonderheit des Filmes. Es handelt sich nicht um einen Realfilm, auch wenn man das eigentlich bei einer Eposumsetzung erwartet hätte. Alles ist mit der "Digital cinema"-Technik animiert, jeder Grashalm und jeder Stein entspringen dem Computer. Lediglich Schauspieler wie Angelina Jolie, Anthony Hopkins oder Ray Winstone mussten in natura Modell stehen, bevor sie eindrucksvoll in Pixel umgesetzt werden konnten.

Was dabei herausgekommen ist, ist wirklich beeindruckend. Trotz Animationen erwecken sowohl Umgebung als auch Personen einen Eindruck von erstaunlicher Echtheit. Bei manchen Personen glaubt man den Schauspieler ohne digitale Umwege auf der Leinwand vor sich zu sehen. Den Charakteren kann man im übrigen sowieso immer den zugehörigen Menschen zuordnen, allein die Nahaufnahmen der Gesichter schließen schon jede Verwechslung aus und beeindrucken mit überraschend echter Mimik.

Grendel findet auch eine ziemlich stark animierte Umsetzung, wobei hier der Schauspieler nicht mehr kenntlich ist. Die Krone der Animation erhält jedoch mit Abstand der Drache am Ende. Allein sein echt wirkendes Aussehen ist schon unglaublich. Zusammen mit seinen feurigen Flugbewegungen sind die Drachenanimationen - man kann es nicht anders sagen - die Härte.

Computerspielgrafik ist hier wirklich nichts dagegen, auch wenn zugegeben nicht alles perfekt ist. Bisweilen fühlt man sich in der ein oder anderen Szene doch sehr an eine Spielegrafik erinnert, auch wenn das eher die Ausnahme ist. Verschiedene Bewegungsabläufe erscheinen jedoch nicht immer wie im echten Leben. So bewegen sich die Charaktere manchmal etwas ungewöhnlich für Menschen und die Pferde wirken auch nicht unbedingt wie lebende Exemplare.

Davon abgesehen ergibt sich ein durchwegs harmonisches Animationsbild des Filmes, das einen nach einiger Zeit schonmal vergessen lässt, dass der Film gar nicht in real gedreht wurde.

Besetzung: 75%

Da es sich hier um einen Animationsfilm handelt, kann man eigentlich nicht von einer Besetzung im gewöhnlichen Sinne sprechen. Da aber reale Schauspieler vor ihrer Umsetzung im Computer Modell standen, kann man auch nicht wirklich von Figuren reden. Ob hier eine schauspielerische Leistung ermessen werden kann, bleibt wohl eine offene Frage.

Die Charaktertiefe lässt sich aber auf alle Fälle bestimmen. Diese ist jedoch etwas ungewöhnlich, was an sich wiederrum ja nichts Ungewöhnliches für "Die Legende Von Beowulf" ist.

Der Charakter des Beowulf wirkt von Anfang an etwas undurchschaubar. Außer mit "Ich bin Beowulf!" und "Ich werde euer Monster töten!" gibt er von sich selbst nicht übermäßig viel preis. Alles was man über seinen Charakter zu wissen glaubt, muss man sich von außen erschließen. Mimik und Gestik spielen hier vor allem zu Beginn eine wesentlich wichtigere Rolle als explizite Aussagen. So gewinnt man schließlich den Eindruck eines etwas arroganten, geheimnisvollen Helden, der eine versteckte Schwäche für Frauen hat. Erst als alter König fängt er an aussagekräftigere Dialoge zu führen und sich selbst etwas mehr zu öffnen.

Diese Charakterdarstellung gilt nicht nur speziell für Beowulf, aber auch für die meisten anderen Figuren bzw. Darsteller. Diese machen teilweise jedoch schon früher explizite Eigenaussagen über sich. Wirkliche Tiefeinblicke in die Personen sind jedoch nicht unbedingt gegeben.

Also eine etwas besondere Art der Charaktertiefe und der Besetzung, die nicht unbedingt jedem zusagt. Sie hat aber auch einiges für sich. So muss man sich als Kinobesucher zur Abwechslung selbst etwas mehr anstrengen, sich ein Bild von den Charakteren zu machen. Zusammen mit dem open end spielt das der Vorstellungskraft des Zuschauers in die Hände, der sich hier in einem gewissen Maße selbst kreativ betätigen kann.

Funfaktor:  55%

Die Welt der Wikinger ist rau! Entsprechend wurden hier die Witze vordergründig sehr anzüglich und sexuell angelegt. Ob das in Wirklichkeit so war oder ob hier nur ein gängiges Klischee weiterverwendet wurde, kann man wohl nicht mit Sicherheit sagen. Tatsache ist jedoch, dass sich eigentlich 100% des Humors auf versaute Witze gründen. Die Inhalte von gegrölten Liedern drehen sich zumindest selten um andere Themen als diverse Lusterlebnisse.

Aber besonders die männlichen Geschlechtsteilen haben es dem Film angetan. Ob nun beim Beinahe-Sturz auf eine Turmspitze oder beim unfreiwilligen Flug durch Wintergeäst - stets wird auf die verletztlichste Stelle des Mannes angespielt.

Freiwillig oder unfreiwillig komisch erscheint in diesem Zusammenhang speziell der Kampf Beowulfs gegen Grendel. Dieser tritt nämlich völlig nackt gegen das Ungeheuer an und es wird jede nur erdenkliche Möglichkeit ergriffen, seine Männlichkeit vor dem Zuschauer zu verbergen. Das gehört wohl zu den komischsten Szenen des Filmes. Ständig wird sein bestes Stück von Rauchschwaden, Schwertern oder Kerzenständern verdeckt. Eine sehr kreative Methode den FSK 12 zu rechtfertigen und noch dazu eine, die das Lachen vorprogrammiert.

Alles in allem durchaus witzig, wenn man über derartige versautes und die Frage nach der Fortpflanzung eines Grendel lachen kann.

Taschentuchquote:  45%

Mit Emotionalität in der ersten Hälfte des Filmes sieht es eher schlecht aus. Außer einigen Kämpfen und sterbenden Kriegern bleibt da nur noch das Treffen auf Grendels Mutter, was aber sicher nicht auf die Tränendrüsen drückt. Es gibt eben auch einfach wenige Personen, die sich nennenswert emotional äußern würden. So erscheint Hrothgars Tod nur halb so tragisch, wie er eigentlich erscheinen könnte.

Im zweiten Teil fängt Beowulf wie gesagt vermehrt damit an, gefühlsbedingt zu sprechen. Seine emotionale Zerrissenheit und seine Verzweiflung und Einsicht führen letztlich zu einer gewissen Sympathie für den betagten Helden. Bei seinem finalen Schicksal ist dann also auch der Höhepunkt der Emotionalität im Film erreicht, sodass man ihn sogar betrauern kann.

Nicht der tiefgehenste Film in dieser Hinsicht, aber an manchen Stellen kann das geneigte Gemüt schonmal einem kleinen Tränenfluss erliegen.

Soundkulisse:  75%

Die Umsetzung eines altenglischen Heldengedichts muss atmosphärisch natürlich entsprechend in Szene gesetzt werden. Das hat Regisseur Robert Zemeckis recht gelungen gemeistert. Die Wahl der verwendeten Musik war auf jeden Fall kein Fehltritt.

Das Intro gibt eigentlich schon den Musikcharakter wieder: Episch, wie es einem Heldenepos gebührt! Am ehesten kann man hier wohl einen Vergleich mit dem "Herr Der Ringe" Soundtrack ziehen. Die monumental klingenden Chöre verfließen mit der epischen Musik und zusammen ergibt sich eine fast schon altehrwürdige Atmosphäre, wie sie legendären Helden angemessen ist. Charakteristisch für die Wikingerzeit klingt das Harfenspiel der Königin in der Trinkhalle und das allgemeine Metgegröle der zechenden Krieger, was eine wahrhafte Festhallenstimmung erzeugt.

Auch wenn nicht immer Musik präsent ist: Eine überaus zufriedenstellende Soundkulisse!

Ähnliche Filme

Von der Beowulf-Thematik her betrachtet, ergibt sich relativ leicht eine Empfehlung für "Beowulf & Grendel", einem 2005 erschienenen Film. Hier orientiert man sich noch strenger an der Vorlage und die Drachenepisode fällt völlig heraus.

Der Beowulf in "Beowulf & Grendel", Gerard Butler, ist vor allem durch seine Rolle in "300" bekannt, was sich auch in gewissem Maße mit "Die Legende Von Beowulf" vergleichen lässt. Dort sind allerdings mehr blutige Schlachten geboten. Dennoch erinnert "300" an diesen Film hier, schon allein wegen der Parallelität von "Das ist Sparta!" und "Ich bin Beowulf!".

Wer gerne noch weiter in die Welt der Wikinger entführt wird, kann sich sicher auch mit "Der 13te Krieger" anfreunden, der vor allem den Kampf nordischer Krieger zum Thema hat.

Vom Animationstechnischen her bietet sich ein Vergleich zu "Der Polarexpress", ebenfalls ein Werk von Robert Zemeckis. Dort wurde auch die gleiche "Digital Camera" Technik verwendet wie in "Die Legende Von Beowulf".

Fazit

Ein Heldenepos erwacht zum Leben: "Die Legende Von Beowulf" lässt die leicht veränderten Abenteuer des Gautenkönigs Beowulf in animierter Form auf der Leinwand neu erstehen. Mittels beeindruckender Technik halten Schauspieler wie Angelina Jolie, John Malkovich und Anthony Hopkins Einzug in der Welt der Pixel und wirken dabei fast so echt wie in der Realität. Wie schon im Heldengedicht ist auch hier im Film einiges an ruhmreichen Kämpfen geboten, auch wenn man nicht davon ausgehen sollte, dass sich Spannung und Action ohne Unterbrechung durch das Filmganze ziehen. Trotz gewaltiger Animationskunst ist jedoch nicht jede Animation perfekt gelungen. Einige wenige Bewegungen oder Szeneneinstellungen wirken nicht sehr realitätsnah, darüber kann man aber angesichts der Gesamtleistung hinwegsehen. Die Darstellung der Charaktere ist hier etwas eigentümlich. Darum ist es von Vorteil, wenn man genau hinschaut und sich nicht blind auf die Aussagekraft der Dialoge verlässt. Die Selbst- und Weitergestaltung der Geschichte ist dank offenem Ende jedoch ohne weiteres möglich. Wer auf anzüglichen Humor steht wird auch hier bestens bedient werden: Die Wikinger lassen ihren Gedanken freien Lauf. Vermutlich unfreiwillig oder zumindest selbstironisch wird hier die Penis-Verdeck-Szene zum Ausgangspunkt der Mehrzahl der Lacher.

Der Gesamteindruck von "Die Legende Von Beowulf" ist vielleicht nicht legendär, dank Soundkulisse aber auf jeden Fall episch. Ein Werk, das für Interessierte uneingeschränkt, für alle anderen wohl zu 80% empfehlbar ist.

 

Florian Hösch

 

Die Meinung des Autors ist nicht zwingend identisch mit der des Herausgebers

 



 


 
 

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