Die Welle Filmkritik von Florian Hösch


FSK: 12

Laufzeit: 107 Minuten

Originaltitel: Die Welle

Schauspieler: Jürgen Vogel, Frederick Lau, Max Riemelt, Jennifer Ulrich, Christiane Paul

"Eine Dikatur in Deutschland?" fragt sich der aufgeklärte Deutsche. "Sowas ist heute doch gar nicht mehr möglich." Diese landläufige Meinung vertreten auch die meisten Schüler des Gymnasiallehrers Rainer Wenger. Also beschließt der Pädagoge, den Autokratiekurs der Projektwoche unter einen anderen Stern zu stellen. Macht durch Disziplin, Macht durch Gemeinschaft, Macht durch Handeln. Mit diesem einfachen Motto gelingt es ihm, seine Schüler zum Teil eines Experiments zu machen. In weniger als einer Woche schafft er es, eine kursübergreifende Bewegung entstehen zu lassen. Dank ihrem starken Gemeinschaftsgefühl beginnt "Die Welle" die ganze Stadt zu überrollen. Als es zu Ausgrenzungen von Andersdenkenden kommt und die ersten Gewaltakte folgen, beginnt der selbsternannte Führer zu zweifeln. Das Projekt ist außer Kontrolle geraten.

Storyline:  70%

Der Filmtitel sagt es bereits: "Die Welle" ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Morton Rhue. Eine Standardschullektüre in der Mittelstufe, die sich mit der erschreckend einfachen Entstehung von Diktaturen beschäftigt. Auf einer wahren Begebenheit beruhend, spielt das Buch an einer Schule in den USA. "Die Welle" als Film überträgt die Handlung allerdings von einer amerikanischen Highschool an ein deutsches Gymnasium.

Dementsprechend frei ist die Umsetzung. Neben völlig anderen Namen, entfernt sich auch die Handlung mehr oder minder weit von der Buchvorlage: Die Motivationen von Lehrern und Schülern sind teilweise geändert. Es wurden Handlungsstränge hinzugefügt und der genaue Ablauf der Woche wurde von Regisseur Dennis Gansel seinen Vorstellungen entsprechend angepasst.

Dennoch folgt der Film in bedächtiger Distanz im Wesentlichen der Grundhandlung des Buches. Schlüsselszenen wird man  wiedererkennen. Markante Charaktere des Buches finden sich unter anderem Namen und mit anderer Geschichte wieder. Die Story unterscheidet sich also nur oberflächlich und vermittelt weitgehend die Stimmung, wie sie im Buch erzeugt wird.

Doch der Film weiß auch zu überraschen. Denkt man im Mittelteil, das Buch sei wesentlich extremer gewesen, wird das letzte Drittel für einen Meinungsumschwung sorgen. Die Dramatik steigt unerwartet zum Ende hin an und erreicht im Finale ihren Höhepunkt. Ein netter Überraschungseffekt, der Gansel trotz Entfernung zur Buchvorlage zugute gehalten werden muss.

Die Dialoge sind dem Handlungsort angemessen und insgesamt recht simpel gehalten. An einem Gymnasium, das Schüler aus verschiedensten Schichten zusammenbringt, kann man kaum philosophische Gespräche erwarten. Das Problem an der sonst sehr soliden Story ist jedoch, dass so manches übertrieben wirkt. Man denke an die graffitilastige Ausbreitung der Welle auf die ganze Stadt. Dann weiß man, was gemeint ist. Ansonsten aber eine sehr zufriedenstellende Storyumsetzung!

Action/Fesselfaktor:   60%

Das verwirklichte Ziel von "Die Welle" ist es, aufzurütteln und die Leichtigkeit der Entstehung faschistischer Systeme klar zu machen. Action spielt hier nur eine sekundäre Rolle. Deshalb nimmt der "Hau-drauf-Faktor" in den ersten zwei Dritteln des Filmes auch nur einen untergeordneten Stellenwert ein. Abgesehen von der steigenden Gewaltbereitschaft und den zunehmenden Eskalationen passiert recht wenig actionreiches. Geduld wird jedoch belohnt: Das Versäumte wird am Ende des Films nachgeholt.

Die Spannungskurve setzt zunächst sehr behutsam an. Bis zur Filmmitte wird eigentlich weitgehend durch Dialog und Witz unterhalten. Bevor die Ahnung einer laschen Umsetzung die Oberhand gewinnen kann, zieht der Fesselfaktor jedoch kräftig an. Der Höhepunkt ist schließlich im Finale erreicht, das relativ unerwartet alle Befürchtungen entkräftet. "Die Welle" trägt den Zuschauer vielleicht nicht auf den Spannungsolymp, beinhaltet aber doch eine gesunde Portion Spannung.

Specialeffects/Technische Umsetzung:   25% 

Spezialeffekte in Hollywoodmanier wird man hier vermissen. Diesbezüglich weist "Die Welle" ziemlich geglättete Wogen auf. Aber zurecht. Effekthascherei wäre komplett fehl am Platz und mit der Handlung unvereinbar gewesen.

Die Kameraführung zeigt dagegen eine recht feste Konsistenz. Das Wesentliche wird so vermittelt, wie es vermittelt werden soll. Die wenigen kleinen Schwächen fallen hierbei kaum ins Gewicht. Durchschnittlich, aber effektiv.

Besetzung:   60%

Jürgen Vogel ist wohl das markanteste Gesicht des Filmes. Und das aus gutem Grund. Als wahrscheinlich erfahrenster Schauspieler bringt er das Charisma und gleichzeitig die schauspielerische Tiefe mit, die Rainer Wenger den nötigen Charakter verleihen. Den freundlichen Lehrer, der sich zum Oberhaupt einer Bewegung aufschwingt und zunehmend an der Macht kleben bleibt, verkörpert er jedenfalls sehr gelungen.

Aus den übrigen, durchwegs jungen Schauspielern, ragen vor allem die beiden Hauptdarsteller hervor: Max Riemelt und Jennifer Ulrich als Marco und Karo. Sie spielen ihren Part souverän und wissen zu überzeugen. Weiterhin hervorstechend ist Frederick Lau, der den Außenseiter Tim verkörpert. Auch wenn er scheinbar übertrieben agiert, entspricht er doch damit genau den Erwartungen, die an ihn gestellt werden. Die anfänglichen Lacher über seine Begeisterung für die Welle verklingen spätestens im letzten Drittel des Filmes.

Die restlichen Darsteller spielen relativ überzeugend, auch wenn mangels Erfahrung nicht unbedingt jeder eine Glanzleistung vollbringt.

Funfaktor:   55%

Wie erwähnt, erweist sich der erste Teil von "Die Welle" als recht spannungskarg. Hierbei ist es der Funfaktor, der für die ausgleichende Unterhaltung sorgt. Der im Grunde so ernste Film präsentiert sich zunächst witziger als erwartet. Durch die verschiedenen Jugendkulturen und die weitgehend authentisch übernommene Jugendsprache wird der Film über große Teile aufgepeppt. Dabei gehen einige Lacher unter anderem auf die Rechnung der übertriebenen Reaktionen der Figuren - unbewusst oder bewusst. Nicht alle geplanten Gags sind jedoch so erfolgreich wie vielleicht gedacht. 

Der Witz beißt sich zwar augenscheinlich mit dem ernsten Thema des Filmes. Er passt sich aber recht stimmig in die Gesamthandlung mit ein und sorgt für die nötige Unterhaltung. Am Ende versiegt der Gagfluss jedoch zunehmend - der angebrachte Ernst übernimmt die Führung. 

Taschentuchquote:   65%

Als erschreckende Aufklärung geplant, erfüllt der Film seinen Zweck durchaus. Der Anfang mag ja noch relativ gemächlich und harmlos daherkommen. Aber zum Ende hin steigert sich die emotionale Eingebundenheit des Zuschauers zunehmend. Er beobachtet, wie das Gemeinschaftsgefühl der Welle-Mitglieder immer stärker wird. Er sieht Beziehungen und Freundschaften daran zerbrechen. Er fühlt einen Sturm heraufziehen. Und schließlich wird er Zeuge eines dramatischen und plötzlichen Untergangs des ganzen. Die Resignation und Enttäuschung auf der Leinwand befallen seine Gefühlsbahnen und lassen ihn letztlich nicht unberührt. Und wenn er nur zum Nachdenken angeregt wird: Der Film hat defintiv seine Wirkung auf den Zuschauer.

Soundkulisse:   70%

Die multikulturelle Situation der Jugendlichen spiegelt sich auch in der Musikwahl wider. Jede Jugendsubkultur wird im Laufe des Films mit der zugehörigen Musik belohnt: Rock, Pop, Punk, House - fast alles ist dabei. Eine Vollständigkeit der weitgefächerten Musikgeschmäcker wird allerdings nicht erreicht.

Der Sound verleiht dem Film einen modernen und aktuellen Anschein. Zusammen mit dem Jugendslang gibt er das Bild der gegenwärtigen Gesellschaft wieder. Selbst hier wird also mahnend der Zeigefinger erhoben: Auch in der heutigen Gesellschaft ist eine Diktatur kein Ding der Unmöglichkeit.

Die Soundkulisse überzeugt und hätte wirklich schlechter gewählt werden können.

Ähnliche Filme

Das hier ist nicht der erste "Welle"-Film, der bisher gedreht wurde. Wer von der Geschichte begeistert ist, kann sich unbeschadet zurück auf die 80er besinnen. Der '81 gedrehte Film "The Wave" ist zwar wesentlich kürzer, orientiert sich dafür aber direkt am Buch. Er zeigt die Geschehnisse an einer Highschool und damit im original amerikanischen Sprachraum.

Wessen Wissensdurst immer noch ungestillt ist, dem sei angeraten, "The Third Wave" (dt.: "Die Welle") von Morton Rhue zu lesen. Die Buchvorlage ist der wahren Begebenheit nachempfunden und zeigt relativ unverfälscht die Abgründe der menschlichen Seele wenn es um Gehorsam geht.

Fans von Dennis Gansel und seinen Filmen, sei ein Blick auf "Napola - Elite Für Den Führer" empfohlen. Hier taucht man vielleicht noch spezieller in die kritische Thematik des Nationalsozialismus ein.

Fazit

"Die Welle". Ein Jugendbuch, das fast schon zur Pflichtlektüre eines jeden Schülers gehört. Jetzt schwappt sie auch in die deutschen Kinos über. Und sie weiß durchaus zu begeistern. Ohne große Spezialeffekte und Action präsentiert sie eine zum Nachdenken anregende Story. Die Handlung ist dabei vollkommen auf eine deutsche Schule umgemünst. Aus dem Buch bekannte Charaktere wird man namentlich nicht wiederfinden. Viele Personen haben jedoch ihre Entsprechungen und trotz teilweise recht großer Entfernung zur Buchvorlage wird die Schlüsselhandlung beibehalten. Die mit Abstrichen fähige Schauspielerriege vermag besonders gegen Ende große Gefühle zu vermitteln. Etwas kontrovers ist die nicht unbeträchtliche Neigung zu jugendlichem Humor. Angesichts des ernsten Themas wirkt dies manchmal unangebracht, auch wenn damit der ein oder andere spannungsarme Momente überbrückt wird. Das Ende ist jedoch von jeglichem Witz befreit und steht angemessen ernst im Raum.

Wenn man zu all dem noch die abwechslungsreiche und nicht unüberlegte Soundkulisse dazunimmt, ergibt sich ein Film, dem eine Empfehlung von mindestens 70% nicht Unrecht tut. 

Florian Hösch

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Die Meinung des Autors ist nicht zwingend identisch mit der des Herausgebers



 


 
 

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