No Country For Old Men Filmkritik von Florian Hösch


FSK: 16

Laufzeit: 122 Minuten

Originaltitel: No Country For Old Men

Schauspieler: Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly MacDonald

Die Zeit der Cowboys ist lange vorbei. Das Grenzland zwischen Texas und Mexico ist aber keineswegs zur Ruhe gekommen. Statt Viehherden ziehen nun Verbrechen und Gewalt über das Land. Drogenhandel ist so ziemlich das Einzige, das in der texanischen Einöde noch zu florieren scheint. Die Zeit der Sheriffs neigt sich ihrem Ende zu, das merkt auch Sternträger Ed Tom Bell. Der Zahn der Zeit macht sich bemerkbar und hinterlässt gemeinsam mit der eskalierenden Gewalt nur einen demoralisierten Gesetzeshüter. Die guten alten Zeiten sind vorbei. Das erkennt auch der arbeitslose Freizeit-Cowboy Llewelyn Moss. Doch statt ordentliches Wild vor die Flinte zu kriegen, trifft er nur auf einen festgefahrenen Fahrzeug-Konvoi. Zwischen all den Leichen gibt es kaum etwas Wertvolles - bis Llewelyn schließlich auf eine Tasche mit einigen Millionen Dollar stößt. Ein geplatzter Drogendeal. Nichtsahnend macht er sich zum neuen Besitzer der Millionen. Der größte Fehler seines Lebens...

Storyline:   85%

"No Country For Old Men" ist ein treffender Titel für den Film und seinen Inhalt. Die texanisch-mexikanische Grenze ist tatsächlich kein Landstrich, in dem Menschen besonders alt werden. So fiktional die Geschichte, die übrigens auf einem Buch von Cormac McCarthy beruht, auch ist: Die Anspielung auf ein gewalttätiges Amerika und seine brutalen Grenzgebiete ist schwer zu übersehen. 

Die Story inszeniert im Grunde einen Western, der in den 1980er Jahren spielt: Der in eher ärmlichen Verhältnissen lebende Neuzeit-Cowboy Llewelyn Moss findet in der Prärie einen Batzen Geld aus einem geplatzten Drogendeal. Die eigentlichen Besitzer sind aber alles andere als erfreut darüber und hetzen ihm Mexikaner und den psychotischen Killer Anton Chigurh auf den Hals. Es beginnt eine gnadenlose Jagd, in dessen Verlauf die Ordnungshüter angesichts der Unzahl an Leichen vor ein Rätsel gestellt werden.

Die Story setzt sich im Großen und Ganzen aus 3 Haupthandlungssträngen zusammen: dem Weg des ratlosen, oft philosophierenden Sheriff Ed Tom Bell, der Flucht von Llewelyn Moss und der gleichzeitigen Jagd des Psychopaten Anton Chigurh nach Llewelyn.

Insgesamt kommt die Story recht linear daher und es ist auch nicht schwer, den Überblick zu behalten. Dennoch ist sie keineswegs langweilig, sondern weist versteckte Tiefen auf. Die Inszenierung ist es, die der Geschichte ihre Klasse verleiht. Die interessanten wenn auch abgestumpft wirkenden Charaktere, die in kurzen Dialogen ohne pathetische Reden zu schwingen die Handlung vorantreiben. Und der fließende Übergang von Ernst zu Groteske.

Es gibt hier wenig zu bemängeln. Lediglich das sehr offene Ende lässt viel Raum für Interpretationen. Für den Geschmack der Meisten wahrscheinlich zu viel. Abgesehen vom eher unbefriedigenden Schluss aber eine Glanzleistung der Drehbuchautoren und Regisseure!

Action/Fesselfaktor:   90%

Knallharte Action im Stil von "Das Bourne Ultimatum"? Eine Verfolgungsjagd nach der anderen, die kaum zur Ruhe kommen lässt? Wer solche Erwartungen hegt, wird sein Tempo zwangsläufig herunterschrauben müssen. In "No Country For Old Men" geht es eher behäbig und gemächlich zu - was aber nicht heißt, dass keine Action geboten wird. Sie ist nur nicht ständig präsent, sondern wird dosiert und nacheinander zugeführt. Wenn es dann mal zur Sache geht, wächst am Schauplatz aber kein Gras mehr, ohne, dass extrem exzessive Gewalt praktiziert würde.

Langeweile kommt in den stets trügerischen Erholungsphasen nie auf, die Spannung wird immer auf einem relativ konstanten Niveau gehalten. Die Erwartung allein, dass der psychisch gestörte Chigurh auf der Spur von Moss endlich sein Ziel erreicht, hebt die Spannungskurve schon auf einen ordentlichen Wert.

Action und Spannung sind hier in nahezu perfekter Harmonie zu einer Einheit verwoben und sorgen mit einer angemessenen Menge Blut für ein äußerst kurzweiliges Kinoerlebnis.

Specialeffects/Technische Umsetzung:   80% 

Wie schon im Bereich der Action geht es auch in Sachen Spezialeffekte eher bedächtig zu. Explosionstrommelfeuer wird man vergeblich suchen. Der Film ist von jeglichem übertriebenen und unrealistischen Effektzauber befreit und steht auf eigenständigen, sicheren Füßen. Die Brüder Coen haben sich hier auf das Wesentliche beschränkt und können durch ihr gut überlegtes Haushalten punkten. Weniger ist eben doch manchmal mehr.

Daneben stehen interessante Requisiten, wie die stets präsente Druckluftflasche des psychotischen Killers, der gut und gerne auch mal mit seiner Schrotflinte mit Schalldämpfer seinem Handwerk nachgeht.

Die Kameraführung passt sich all dem an: Ohne übertriebenes Tempo zeigt sie das Essentielle übersichtlich und gekonnt und weiß durch die Panoramablicke auf die Steppenlandschaften auch das ästhetische Auge anzusprechen. Den Oscar für die beste Kameraführung hat "No Country For Old Men" mit Sicherheit nicht zu Unrecht erhalten.

Besetzung:   85%

Eine weitere große Stärke des Filmes liegt in der fähigen Schauspielerriege. Die drei Hauptdarsteller Tommy Lee Jones, Javier Bardem und Josh Brolin verleihen ihren Rollen als Ed Tom Bell, Anton Chigurh und Llewelyn Moss einen Charakter, der Lust auf mehr macht.

Tommy Lee Jones als alteingesessenes Kino Urgestein weiß, wie man einen überforderten, zweifelnden und gleichzeitig abgebrühten Sheriff darstellt. Wenn der Cowboy jemandem auf den Leib geschneidert ist, dann Josh Brolin. Auch er entspricht voll seiner Rolle als gejagter aber dennoch gelassener Llewelyn Moss, der mit Cowboystiefeln und Jeans eine Art Sympathieträger darstellt.

Besonders hervor sticht jedoch der oscarprämierte Javier Bardem, der in seiner Rolle als Psychokiller so aufgeht, dass es einem schon fast Angst macht. Mit seinem irren Blick, seiner langsamen und ruhigen Art zu sprechen und seiner Gleichgültigkeit bezüglich Leben oder Tod mimt er den seelenlosen Killer perfekt.

Funfaktor:   75%

Eine Kunst von "No Country For Old Men" ist der fließende Übergang von todernsten Situationen in groteske Situationskomik. Der Humor ist so trocken wie die texanische Wüste und nicht jedermanns Sache. Kaum ein Ausläufer des schwarzen Humors wirkt jedoch gekünstelt oder gar lächerlich oder zu dick aufgetragen. Die Gags sind trotz der Zahl der Todesfälle recht lebensnahe und tragen zu mancher Auflockerung des Filmes bei.

Ob in einer der Erholungsphasen oder mitten im Gefecht: "No Country For Old Men" hat einen einfachen, aber wirkungsvollen Humor im Repertoire, der die Kurzweiligkeit des Filmes die volle Laufzeit über unterstützt.

Taschentuchquote:   10%

Geweint wird woanders, mit großer Wahrscheinlichkeit jedoch nicht hier. Die Tränendrüse zu stimulieren lag wohl am wenigsten im Interesse der Coel Brüder. Die eher harten Charaktere lassen für sich selbst wie auch für die Zuschauer keine Tränen zu. Morden ist hier ein Geschäft, ein Leben nur von begrenztem Wert. Emotionalität ist in "No Country For Old Men" wenn überhaupt dann nur priesenweise zu finden.

Soundkulisse:   80%

Wie kann man die Soundkulisse hier nur mit 80% bewerten? Es gibt doch gar keine Musik...

Das ist wahr, denn Musik findet man im Film nur leise an einer einzigen Stelle und im Abspann. Der Rest der 122 Minuten kommt völlig ohne Musikuntermalung aus. Das gnadenlos als Minuspunkt zu verbuchen wäre jedoch übereilt und unbedacht. Denn Tatsache ist, dass das Fehlen von Musik eine äußerst stimmige Atmosphäre erzeugt. Unterwegs irgendwo in der Prärie, nur das Knacken der Steine unter den Schuhen...das schafft schon ein atmosphärisches Gefühl, das "No Country For Old Men" unter anderem so auszeichnet. 

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Wer an diesem Film Gefallen gefunden hat, wird vermutlich auch einige andere Werke der Brüder Ethan und Joel Coen ansprechend finden. Hier wären zum Beispiel das Erstlingswerk der beiden, "Blood Simple", zu nennen, das ebenfalls in Texas situiert ist oder "Fargo", ein ebenfalls großer Erfolg der beiden aus dem Jahr 1996.

Entfernte Ähnlichkeit weist "No Country For Old Men" auch zu "Pulp Fiction" auf und wenn nur wegen den nicht aus der Ruhe zu bringenden Charakteren.

Fazit

Die Brüder Coen haben mal wieder zugeschlagen. "No Country For Old Men" ist nicht umsonst oscarprämiert: Eine interessant erzählte Story mit tieferem Sinn paart sich hier mit dem trockenen Witz eines Neuzeitwesterns. Dabei wird eine unglaublich dichte Atmosphäre aufgebaut, die der Geschichte eine sehr große Stimmigkeit verleiht. Ohne Musikverfremdung wird dem Zuschauer zu klug gewählten Zeitpunkten je eine Dosis Action zugeführt. Trotz der eher langsamen Geschwindigkeit, mit der sich die erzählte Geschichte von Texas bis nach Mexico schlängelt, kommt nie Langeweile auf: Spannung und Sorge, wann Chigurh mit seiner Druckluftflasche das nächste mal auftaucht, sind stets mit von der Partie. Die gewandten Darsteller, allen voran Javier Bardem, runden schließlich das Filmganze ab.

Ein atmosphärischer, lustiger und actionreicher Film mit wenigen Macken, der eine 90% Wertung verdient hat.

 

Florian Hösch

 

Die Meinung des Autors ist nicht zwingend identisch mit der des Herausgebers



 


 
 

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