Splice-Interview-Vincenzo-Natali

Könnten Sie noch etwas mehr über die Beziehung zwischen Dren, Clive und Elsa erzählen? Denn es scheinen viele zwiespältige Emotionen involviert zu sein...

Die Dreiecksgeschichte treibt den Film an, ist sein raison d'être, seine Daseinsberechtigung. Oberflächlich gesehen ist die Beziehung zwischen Clive und Elsa, und ihre Beziehung zu Dren rein wissenschaftlich. Sie wollen die Wissenschaft vorantreiben und sehen Dren als Mittel, um neue Medikamente und Behandlungsmethoden zu erforschen. Aber die tiefere Motivation hinter der wissenschaftlichen Neugier ist eine komplexere und sehr persönliche. Bei Elsa liegen die Ursachen in der unglücklichen Kindheit und in der schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter, die sie misshandelte. Das hindert sie daran, ein Kind mit Clive zu bekommen. Indem sie Dren kreiert, findet sie einen neuen Weg, ihre Mutterinstinkte zu befriedigen. Wie es ihr Clive einmal sagt: "Du wolltest nie ein Kind, aber ein Experiment ist nicht dasselbe." Clive, auf der anderen Seite, sieht Dren nicht als seine Tochter an. Umso weiter sie sich entwickelt, umso mehr zeigt sich eine exotische Schönheit und vor allem, eine latent perverse Sexualität.

SPLICE ist so sehr Dreiecksliebesgeschichte wie es ein Familiendrama ist. Es ist inzestös, ödipal und absolut schrecklich... Und wir entdecken, dass Menschen sich ungeheurer benehmen können als die Monster selbst. Das unterscheidet SPLICE von anderen Monsterfilmen.

Wie kann man eine Kreatur erzeugen, die uns erst berührt und dann erschreckt?

Es ist ein schmaler Grat. Ich wollte keinen E.T., auch wenn ich zugeben muss, dass auch ein bisschen E.T. in Dren steckt. Ich wollte eine moralisch komplexe Kreatur. Sie kann sehr nett sein, aber auch gefährlich und rachsüchtig. Außerdem war mir wichtig, dass Clive und Elsa eine Kreatur erschaffen, die sich immer weiterentwickelt, sodass man niemals weiß, was am Ende aus ihr wird.

Wie viele Special Effects wurden auf Dren verwendet?

Dren ist eine Mischung aus Mensch, digitalen Effekten und Prothetik. Wir mussten unheimlich viele Entscheidungen treffen. Zum Beispiel, wie soll sie laufen? Auf ihren Füßen oder auf Stelzen? Wie weit sollen wir gehen? Wir entschieden uns für eher subtile Eingriffe. In den meisten Filmen wird mit einem Menschen begonnen, der dann durch eine Vielzahl an Effekten stark verändert wird. Wir fanden es spannender, eher ein paar Aspekte verschwinden zu lassen oder umzuwandeln. Eine subtile Veränderung im menschlichen Gesicht, kann schockierender wirken als ein großartiger Wandel. Diese Einschätzung wurde die Basis für unsere Arbeit.

Im Gegensatz zu Ihrem ersten Film CUBE hat sich Ihr Budget fast verhundertfacht ( 300,000 für CUBE gegenüber 27 Mio. Dollar für SPLICE). Hat das Ihren Stil zu Arbeiten verändert?

Es hat sich gar nichts verändert, weil SPLICE 100mal so groß und so anstrengend war. Wir konnten nicht lügen. Ridley Scott, mit all seiner Genialität, zeigt das Alien immer nur für wenige Sekunden, ein bisschen wie es auch Steven Spielberg mit dem weißen Hai gemacht hat. Das ist eine klassische Technik. Aber Dren kann man nicht in einer dunklen Ecke verbergen. Sie ist von der 20. bis zur 110. Minute ein einziger Special Effect. Als wir den Film begonnen haben, wussten wir ehrlich gesagt noch nicht, wie wir ihn mit den vorhandenen Mitteln zu Ende bringen sollten.

Ich sollte das nicht sagen, aber Einschränkungen zwingen mich, kreativ zu sein und das verbessert die Geschichte. Die ganzen technischen Rückschläge sind unwichtig im Gegensatz zu dem, was letzten Endes auf dem Bildschirm erscheint. Es sind die Geschichte und die Charaktere, die wichtig sind. Das entscheidet, ob der Film ein Publikum findet.


Regisseur Vincenzo Natali
Vincenzo Natali ©Universum Film GmbH

SPLICE war eigentlich bereits in den späten 1990er Jahren als Projekt angedacht...

Das stimmt. Ich habe diesen Film tatsächlich über 10 Jahre immer wieder vertagt. Im Jahr 2000 war es fast soweit, direkt nach CUBE. Ich habe wie verrückt ein ganzes Jahr daran gearbeitet, am Design, am Storyboard, aber in der letzten Minute war dem Produzenten das Projekt zu teuer. Keiner macht einen Film, nur weil das Drehbuch gut ist. Das kann einer der Gründe sein, aber nie DER Grund! (lacht) Ich glaube, das Glück von SPLICE war, dass die Drehbuchautoren kurz vor einem Streik standen. So gab es nur zwei Möglichkeiten: Den Film entweder sofort oder nie zu machen.

SPLICE war irgendwie dazu bestimmt, in der heutigen Zeit gedreht zu werden. Wäre der Film vor zehn Jahren entstanden, wäre die Technik längst nicht so weit gewesen und ich noch nicht in der Lage, als Regisseur mit dem Thema adäquat umzugehen. Und, was am allerwichtigsten ist: Die Forschung wäre nicht so weit gewesen. Die Konzepte in unserem Drehbuch waren eher Science Fiction als Fakt. Aber die Genforschung hat sich immens weiterentwickelt und hat meine Geschichte inzwischen aufgeholt. Das Thema Genmanipulation ist aktueller als je zuvor.

"Elevated", Ihr Kurzfilm, CUBE und SPLICE haben alle ein Thema gemeinsam: Die Möglichkeit, dass ein Mensch zum Monster wird...

Ich bin einfach fasziniert von diesem Monster, das in jedem von uns ruht. In gewisser Weise ist dieses Monster viel angsteinflößender als alles, was man sich in einem Horrorfilm vorstellen kann. In SPLICE werden diejenigen, die diese Kreatur erschaffen haben, am Ende beängstigender als die Kreatur selbst. Das wird dadurch verstärkt, dass sie nette, anständige und bescheidene Leute zu sein scheinen. Deshalb habe ich Adrien Brody und Sarah Polley ausgewählt: Man mag sie irgendwie, egal was sie tun.

Was macht einen guten Monsterfilm aus?

Es gibt viele Arten von Monsterfilmen. Einer meiner Lieblingsfilme ist Ridley Scotts ALIEN, der ist fast perfekt. Aber SPLICE ist eine andere Art Film. In ALIEN ist das Monster eine versteckte Gefahr. In meinem Film ist das Monster allgegenwärtig, es ist einfach ein weiterer Charakter. SPLICE ist ein Kammerspiel, es gibt nur fünf Sprechrollen. Und außerdem ist es eine Dreiecksliebesgeschichte. Umso weiter sich die Geschichte entwickelt, umso bedeutender wird die emotionale Ebene... Einer der Gründe, warum ich den Film direkt im Anschluss an CUBE drehen wollte, war, dass CUBE die Geschichte einer Gruppe unschuldiger Menschen erzählt. In SPLICE entsteht die Geschichte durch die aktiven Entscheidungen der Charaktere. Sie sind direkt für ihr Schicksal verantwortlich. Das Monster wird durch Elsas Wunsch nach einem Kind geschaffen. Letzten Endes geht es in SPLICE eher darum zu zeigen, wie jemand ein Monster erschafft, als ein herumwütendes Monster einfach nur darzustellen.



 


 
 

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