Tausende private Kinderfotos auf Kinderpornografie-Seiten aufgetaucht - ARD-Magazin enthüllt

 
 

Harmlose Alltagsfotos von Kindern in den Sozialen Medien stehen verstärkt im Fokus von Pädosexuellen. Das hat eine umfangreiche Recherche des ARD-Politikmagazins "Panorama" und des investigativen Reportageformats "STRG_F" (NDR für funk) ergeben.

Demnach klauen die Täter massenhaft Aufnahmen aus privaten Social-Media-Profilen, um sie anschließend in Foren hochzuladen, in denen auch Fotos getauscht werden, die schweren Kindesmissbrauch zeigen. Allein auf einer der größten illegalen Foto-Plattformen für Pädosexuelle stammt mindestens jedes vierte Bild ursprünglich von Facebook oder Instagram. Häufig werden die Aufnahmen obszön kommentiert, manchmal nennen die Täter auch Namen und Alter des Kindes und verlinken sogar die ursprünglichen Social-Media-Profile.

Ermittlungsbehörden und Kinderschutz-Organisationen appellieren deshalb seit Jahren, keine Kinderfotos zu teilen. Doch wie groß das Interesse von Pädosexuellen an solchen harmlosen Bildern von Mädchen und Jungen etwa beim Sport oder am Strand ist, das war bisher unbekannt. Dem Recherche-Team von "Panorama" und "STRG_F" ist es nun erstmals gelungen, die Herkunft von zahlreichen Aufnahmen auf einschlägigen Plattformen zu klären. Dafür hat es automatisiert - und mit rechtlicher Beratung - mehrere Millionen Fotos untersucht. In hunderttausenden Fällen entdeckte es den Nachweis, dass die Fotos von Facebook- und Instagram-Accounts stammen. Beide Dienste speichern in den sogenannten Metadaten einer jeden Bilddatei einen eindeutigen Hinweis. Dieser Hinweis bleibt bestehen, wenn das Bild an anderer Stelle unverändert hochgeladen wird. In vielen Foren fanden sich auch Anhaltspunkte auf YouTube, TikTok und WhatsApp als Quelle der gestohlenen Bilder.

Ein Beispiel ist die Plattform "Cutie Garden" (deutsch etwa: "Garten der Süßen"), auf der sich auch Pädosexuelle treffen. Auf diesem sogenannten Imageboard können User anonym Fotos von Kindern posten und kommentieren. Das "Panorama"-Team analysierte 142.381 Fotos und fand bei rund 23,5 Prozent den eindeutigen Hinweis, dass das Foto von Facebook oder Instagram stammt. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen, weil manche User die Hinweise in den Metadaten gezielt verwischen.

Auch in einschlägigen Kinderpornografie-Foren im sogenannten Darknet entdeckte das Recherche-Team zahlreiche Alltagsbilder von Kindern. Dort werden sie in besondere Kategorien wie "Non Nude" ("nicht nackt") hochgeladen. Die Reporterinnen und Reporter konnten gleich mehrere Fälle deutscher Kinder identifizieren, deren Aufnahmen ursprünglich von Instagram oder YouTube stammten. Darunter ein Video, das zwei Jungen beim harmlosen Versteckspiel zeigt. In den Kommentaren fantasierten User über Analverkehr mit den Kindern, einer schrieb: "Und dann mache ich sie zu meinen Sex-Sklaven." Die jeweils betroffenen Eltern, konfrontiert mit den Rechercheergebnissen, zeigten sich erschüttert und löschten teilweise ihre Social-Media-Profile.

Den "Panorama"-Recherchen zufolge helfen Eltern und Jugendliche den Pädosexuellen mit ihren vielen harmlosen Aufnahmen sogar unfreiwillig dabei, an neue Missbrauchsfotos zu kommen: Denn wer als User neue Bilder in den Kinderpornografie-Foren postet, zum Beispiel, nachdem er sie in sozialen Netzwerken geklaut hat, erhält mehr Anerkennung und mehr Bilder von anderen Usern. User zahlen in den Foren nicht mit Geld, sondern mit Fotos und Videos, die sie anderen wiederum zur Verfügung stellen.

Ein besonderer Fall ist die russische Foto-Plattform "imgsrc.ru", die über das gewöhnliche Internet erreichbar ist - und augenscheinlich von Pädosexuellen für ihre Zwecke genutzt wird. Dort identifizierten die Reporterinnen und Reporter in der Kategorie "Kids" über drei Millionen Aufnahmen, die meisten davon offensichtlich geklaut. Den Ergebnissen der "Panorama"-Analyse nach wurden sie schon über 14 Milliardenmal geklickt, häufiger als die Bilder aller anderen Kategorien wie etwa Natur-, Auto- und Städtefotos zusammen. Auffallend viele User kommentieren die Fotos auf Deutsch. So schrieb ein Nutzer unter ein Bild, das von der Seite eines sächsischen Sportvereins gezogen wurde und ein junges Mädchen bei einer Turnübung zeigt: "Diesen Blick hat sie auch, wenn ich ihn ihr bis zum Anschlag reinschieben würde."

"Pädosexuelle sind Jäger und Sammler, die gezielt solche Alltagsbilder suchen. Und wenn Eltern und Jugendliche diese Fotos im Internet posten, dann machen sie es den Tätern oft sehr einfach, diese für ihre Zwecke zu nutzen", warnt Andreas Link von jugendschutz.net, dem gemeinsamen Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für Jugendschutz im Internet. "Einmal im Netz sind sie dort für immer verfügbar." Panorama entdeckte einige Fälle, in denen Bilder sogar von Social Media-Profilen kopiert wurden, die gar nicht öffentlich einsehbar sind.

Facebook und Instagram verwiesen auf "Panorama"-Nachfrage auf die angebotenen Privatsphäre-Einstellungen: "Wir unterstützen Eltern dabei zu entscheiden, mit wem sie ihre Alltagsbilder teilen möchten." Das Herunterladen von Userdaten verstoße generell gegen die Richtlinien. Man verfüge darüber hinaus über Technologie, die proaktiv Nacktheit und ausbeuterische Inhalte von Kindern beim Hochladen erkenne. YouTube teilte mit, dass man stark in Technologie investiere, die Kindern und Familien den bestmöglichen Schutz biete.

Den Ermittlungsbehörden ist der Diebstahl von Alltagsfotos von Kindern aus sozialen Medien bekannt: "Es ist erschreckend, wie häufig solche Alltagsbilder missbraucht und gegen den Willen der Abgebildeten verwendet werden", sagt Staatsanwältin Julia Bussweiler von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) im Interview mit "Panorama". Dennoch würden die Behörden nur in den seltensten Fällen aktiv, wenn sie Alltagsbilder in Kinderpornografie-Foren entdecken. Denn die Aufnahmen an sich sind nicht strafbar; strafrechtlich relevant sind hingegen die Kommentare, die etwa eine sexuelle Handlung beschreiben. Darüber hinaus könnte jeder Abgebildete das Recht am eigenen Bild geltend machen. "Dafür bräuchte es eine Anzeige der Eltern, aber die wissen zumeist gar nicht, dass ihre Fotos geklaut und in entsprechende Plattformen hochgeladen wurden. Das ist ein Problem", erklärt Bussweiler. Der sicherste Schutz für Kinder und Jugendliche sei es deshalb, gar keine Bilder offen ins Netz zu stellen.

PANORAMA (Das Erste), Donnerstag, 22. April 2021, 21.45 Uhr.

 

 
 

 

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Autor: Florian Ulrich | Gesprächswert: 95% | mit Material von OTS