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Cowboys und Aliens Interview mit Jon Favreau

TS: Das Studio hat sie gedrängt, in 3D zu drehen. Warum haben es nicht gemacht ?

JF: Alle großen Studios verlangen das zur Zeit. Aber Dreamworks wird von einem Filmemacher geleitet und der weiss, dass es auf die Story ankommt. Ich finde ja, der beste Spezialeffekt ist immer noch eine Nahaufnahme, wie bei den blauen Augen von Daniel Craig Wir haben zwei Tage Testaufnahmen in 3D gemacht, denn nachträglich auf 3D umzurechnen wollte ich nicht. Es sah toll aus, ich liebe 3D und kann kaum abwarten damit zu arbeiten. Aber 3D ist im Grunde Video, und dies schien mir die letzte Gelegenheit etwas in dem Maßstab auf Film aufzunehmen. Filme ohne 3D können immer noch erfolgreich sein und 3D-Filme können auch versagen. Man kriegt nicht automatisch 20 Prozent mehr Einnahmen - so funktioniert das nicht. Nach Avatar haben alle gesagt, wenn man in 3D dreht verdient man eine Milliarde. Dann wurde Kampf der Titanen zu 3D konvertiert - und nicht mal besonders gut, aber der machte auch viel Geld. Hollywood erwartete den nächsten Goldrausch, wie beim Tonfilm. DVD verschwinden immer mehr durch Online-Diebstahl, also muß alles im Kino verdient werden. Darum will man so viel für ein Ticket nehmen wie es geht und 3D war eine Gelegenheit dazu. Bei mir hat es jedoch der Story nicht geholfen. Und durch den Erfolg der Iron-Man-Filme konnte ich sagen, ich will den Film so machen. Wenn ich das nicht wage und eine Risiko eingehe, wer denn dann ?

TS: Ist die Zeit von kleinen Filmen wie "Swingers" für sie vorbei ?

JF: Nein überhaupt nicht. Kleine Sachen würde ich aber fürs Fernsehen machen. Die besten Arbeiten für Erwachsene entstehen beim Fernsehen, bei HBO, AMC und Showtime. Das ist gerade eine goldene Ära.

TS: Haben sie Pläne in der Richtung ?

Nein, ich habe gerade drei Filme hintereinander gedreht. Aber wenn ich nach Hause komme, kann ich kaum erwarten, was auf meinem Rekorder ist. Ich will "Game of Thrones" sehen, "Mad Men", "Boardwalk Empire", dutzende Serien, aber auch kleinere Sachen wie "Rescue Me" oder Comedy, da kriege ich Abwechslung geboten. Und wenn ich ins Kino gehe nehme ich meine Kinder mit.
Das Kino wird derzeit nicht von Regisseuren definiert, noch nicht einmal von Geschichten. Es gibt auch nur wenige Stars die einen Film stützen können. Sie werden von Marken und Serien getragen. Man muß sich gegen die Konkurrenz durchsetzen und das geht am Besten durch eine Marke, die die Leute wiedererkennen. Und bei wenigen Filmserien bleiben die Regisseure an Bord. "Harry Potter" und "Twilight" verbindet man nicht mit einem einzelnen Regisseur. Die Marvel-Filme haben immer unterschiedliche Regisseure. Die einzige Ausnahme ist Christopher Nolan mit den Batman-Filmen für Warner Brothers

TS: Oder Sam Raimi bei Spider Man...

JF: Das ist Vergangenheit ! Den nächsten dreht er nicht. Aber ich will mich gar nicht beschweren, man muß es nur berücksichtigen, so ist die Realität. Man muß seine Ressourcen in einem Bereich konzentrieren und das sind nicht die Stars oder die Regisseure sondern die Marken und die Effekte.
In den achtzigern drehte sich alles um die Stars. Harrison Ford war Indiana Jones, er war Han Solo, er war Jack Ryan, es ging um ihn und man fragte "wen spielt er als nächstes". Bei Komödien ist das immer noch so und wenn man seinen James Bond-Darsteller erstmal hat, bleibt man dabei , aber die Marke hält länger durch als die Darsteller. Heutzutage wird Spider Man von einem anderen gespielt, Darsteller werden immer wieder umbesetzt. Es würde mich nicht wundern wenn sie in ein paar Jahren Harry Potter neu verfilmen. Es gibt Reboots und Remakes. Das Kino setzt auf das Kurzzeitgedächtnis, weil das Publikum so jung ist. Die gehen Freitagabend ins Kino und das muss man mit seinem Film berücksichtigen.

TS: Wer ist ihr Lieblingsstar ?

JF: Schwere Frage. Von denen, die noch arbeiten ist es wohl Harrison. Ich bin ein Geek. Jack Nicholson ist auch toll, ich habe auch mit ihm gearbeiet. Aber seine Filme haben mich in der Jugend nicht so beeinflusst. Harrison ist ein Held meiner Kindheit.Ich war Platzanweiser in Queens in New York als er mit "Die Rückkkehr der Jedi" und "Indiana Jones und der Tempel des Todes" im Kino war. Ich hab ihn immer und immer wieder auf der Leinwand gesehen. Mit ihm zu arbeiten...wenn man ihn trifft ist er sehr distanziert, und wenn man sich dann befreundet, hat man das Gefühl etwas es sich wirklich verdient zu haben. Ihn und Ron Howard und Steven Spielberg zu treffen, im Schnittraum über eine Szene zu diskutieren... Ich dachte eigentlich meine Lehrzeit wäre vorbei, die Zeit für einen Mentor. Für mich ist ein Traum wahr geworden, über den Film hinaus.

Harrison Ford, Jon Favreau, Daniel Craig

TS: Sie haben Indiana Jones und den aktuellen James Bond auf der Leinwand zusammengebracht.

JF: Ich hoffe das bringt noch mehr Leute ins Kino. Ich habe weltweit große Wertschätzung für Harrison Ford und für Daniel Craig gesehen. Das finde ich toll, mit ihnen zu reisen und festzustellen, dass sie das Leben so vieler Menschen berührt haben.
Ich habe mit Peter Falk ("Inspektor Columbo") gearbeitet und egal wo er hingeht, Lateinamerika oder sonstwo auf der Welt kannten und liebten die Leute ihn. Dabei scheint er ein so ur-amerikanische Charakter zu sein. Aber irgendwas an seiner Menschlichkeit ist einfach universell, so daß ihn selbst Leute in Indonesien kenne. Das ist die Magie an unserer Arbeit. Darum darf man nie auf Nummer sicher gehen. Man hat die Chance, Menschen zu bewegen zum Nachdenken anzuregen. Es darf nicht auf simplen Kommerz reduziert werden. Man muß natürlich verantwortlich mit den Mitteln umgehen, die andere einem geben, und das Geld wieder einzuspielen, aber man muß auch die Grenzen ausloten, wenn man kann. Und ich war in der Lage durch den Erfolg der letzten Jahre, Risiken einzugehen. Ich habe so viele Jahre gebraucht, die Karriereleiter hochzuklettern um hier anzukommen. Wovor sollte ich jetzt Angst haben ? Ich habe meine Familie, meine Autos sind bezahlt, solange ich nicht versuche ein Flugzeug zu kaufen, gehts mit gut.

TS: Harrison Ford könnte ihnen Flugstunden geben. Sind sie mal mit ihm geflogen ?

JF: Oh, Ja ! er war mit einem Hubschrauber da. Wir waren in der Wüste und mussten manchmal 2 Stunden zum Drehort fahren. Er flog da in zwanzig Minuten hin. Und später fragte er dann "wer will mit mir zurückfliegen ?" Wir dachten uns "in den Filmen siehts immer so aus als ob er fliegen könnte", also sind wir eingestiegen und er ist ein sehr guter Pilot. Sehr ernst, sehr diszipliniert .
So waren wir viel früher zu Hause, hatten noch Zeit, also gingen wir noch was essen, und danach noch in die Bar auf einen Drink. Wir waren also früher da und kamen doch nicht vor 1 Uhr morgens ins Bett. Das einzige Problem ist , ein Pilot darf acht Stunden vor dem Flug nichts trinken "8 hours bottle to throttle" heißt das. Harrsison ist da sehr gewissenhaft, guckte immer auf die Uhr und meinte dann: "O.k., einer geht noch."

Jon Favreau


TS: Es war angeblich nicht ganz leicht, Harrison Ford von dem Film zu überzeugen...

JF: Das hab ich erst im Nachhinein herausgefunden. Als wir mit der Besetzung anfingen, stand er erst gar nicht auf der Liste. Steven (Spielberg, Produzent des Films) kennt ihn natürlich und meinte, das Genre würde ihn nicht interessieren, und er würde keine Nebenrolle spielen wollen. Wenn man so einen großen Film macht ist man vorsichtig, wem man was anbietet, denn wenn viele ablehnen, schadet das dem Ruf des Films. Man fragt niemanden, ob er mit einem zum Abschlussball geht, wenn man sich nicht sicher ist, dass es klappt.
Dann meinte jemand, der für uns beide arbeitet, Harrison hätte gesagt, er würde gerne mit mir arbeiten, oder generell in solchen Filmen oder Filmen mit großem Publikum. Ich erklärte seinem Agenten das Projekt und der meinte er würde Harrison das Drehbuch geben und bis zum Wochenende würde ich Bescheid kriegen.
Als nächstes erfuhr ich, dass ich einen Termin mit ihm habe. Ich hatte aber auch gehört, er hätte das Drehbuch an die Wand geworfen, er würde es nicht mögen. Er übertreibt da gerne etwas und gibt sich eine rauere Erscheinung, eigentlich ist er ein sehr sanfter Typ.
Aber wenn man ihn trifft gibt er sich keine große Mühe, die Atmosphäre zu entspannen. Er hat es gerne ein bißchen ungemütlich zu Anfang. So ist er einfach.
Er kam in mein Büro und ich hatte an den Wänden Konzeptzeichnungen. Das hab ich schon bei Iron Man gemacht, weil das Drehbuch nie auf dem aktuellen Stand war. Stattdessen hatte ich für jede Szene Zeichnungen über die Beleuchtung, die Stimmung, die Kostüme und Ausstattung, ähnlich wie ein Storyboard. Er sah sich das an, besonders die Szene nach dem Absturz des Aliens-Speeders - die dunkle Stadt, die Menschen mit Laternen, Lichter in den Fenstern, es ist dunkel und unheimlich. Das überzeugte ihn wohl, dass ich den Cowboy-Aspekt ernst nahm. Der Film ist zu mehr der Hälfte ein Cowboy-Film. Western werden heute nicht mehr in dem Maßstab gedreht. Das größte ist sowas wie "True Grit", der hatet ein kleines Budget und eventuell setzt sich so ein Film auch durch. Trotzdem sieht ihn nur ein bestimmter Zuschauerkreis.
Uns macht es Spaß einen Film für alle zu machen, er soll zum Mainstream unserer Kultur gehören, so daß Väter ihre Kinder mitnehmen, und dass die Kinder ihn sehen wollen. Wir haben also die Aliens und die großen aufregenden Bilder aber eigentlich sehen sie eine sehr disziplinierte Western-Erzählung. Ich habe beim Western festgestellt, dass es keine große Abwechslung gibt. Die Stories sind ähnlich, die Figuren sind immer ähnlich, von den Stumfilmen über "Höllenfahrt nach Santa Fé" bis zu dem was wir gemacht haben . Jede Generation gibt dem Western eine eigene Note, die jedoch sehr dezent ist. Es war mir auch sehr wichtig, Teil dieser Tradition zu sein.

TS: "Wild Wild West" hat auch schon Western mit Computertricks gemischt. Hat ihnen der Mißerfolg des Films Sorgen gemacht ?

JF: Darum haben wir nicht auf Gags gesetzt. Ich bin eigentlich ein witziger Kerl. In Iron Man gabs viel Platz für Humor. Das brauchte die Figur, das brauchte die Story, das ist eine schwere Figur, charakterlich und wortwörtlich, und Robert Downey Jr. mit seiner ganz eigenen Vergangenheit traf den richtigen Ton beim Humor, der die Gefahr der Geschichte nicht ausblendete. Der Humor entstand aus der Lächerlichkeit der Umstände und dem Zusammenspiel der Figuren, durfte aber nie augenzwinkernd sein. Wenn man es zu spaßig macht, fühlt es sich wie "Jonah Hex".
Ich denke, dies unsere Version ist die beste, die man bei einem Titel wie "Cowboys & Aliens" machen kann.
Steven Spielberg und Ron Howard haben das Konzept entwickelt. Was uns verband ist unsere Liebe für den Western, und dies war unsere Chance, die Ärmel hochzukrempeln und eine Wild-West-Geschichte in einem Maßstab zu erzählen, wie es ihn seit den 50ern nicht mehr gab, oder seit John Ford die Popcorn-Filme seiner Generation gedreht hat. Der Western war der Popcorn-Film seiner Zeit. Heute ist es eher ein Arthouse-Film.
Es war ein Vorteil für uns einen anderen Feind als die Indianer zu haben. Seit Vietnam wissen wir zuviel über Ureinwohner, die Eroberung des Westens wird heute anders gesehen, die Western wurden so konfliktbeladener. In den alten Western ging es um Gut gegen Böse, der Feind wurde entmenschlicht. Als Kind war ich auf Seiten den Indianer. Durch die Aliens können wir jedoch zum alten Erzählstil zurückkehren.

TS: Die Serie "Firefly" und der Film "Serenity" haben schon Western und Sci-Fi-Elemente gemischt. Haben sie mit dem Regisseur Joss Whedon über seine Erfahrungen gesprochen ?

JF: Nein, aber das wäre interessant, denn er dreht ja auch gerade "The Avengers". Er darf also in meinem Sandkasten spielen - und ich durfte in seinem spielen. Ich mochte "Firefly" und den Film "Serenity". Es war wie einer Kochshow, wo man die einzelen Zutaten nimmt und zu einem neuen Gericht verwendet. Er nahm die Mittel des Western und verpflanzte sie in die Zukunft. Das ist eine Variante von dem was George Lucas mit "Star Wars" gemacht hat. Ich hab´s umgekehrt gemacht, einen richtigen Western genommen und die neuen Elemente dort eingebaut. Und ich wollte auch dass die Actionszenen zum Maßstab eines Western passen. Mit CGI hätte ich die Dinge so groß machen können wie ich wollte. Es sollte sich aber nie größer anfühlen als die Schlacht von Alamo. Die größte Herausforderung war, dass der dritte Akt sich nicht in ein ganz anderes Genre verwandelt, in dem nur zufällig Cowboyhüte getragen werden. Es sollte wie ein Western enden.
In einer Kinosaison in der die meisten Filme Fortsetzungen sind oder auf Spielzeugen basieren, konnte ich etwas machen das ganz anders und sehr ehrgeizig ist. Und hoffentlich bietet es immer noch den Thrill eines Popcorn-Films für das Mainstreampublikum und zieht gleichzeitig Kinofans an, die sehen, dass hier viel Sorgfalt aufgewendet wurde.

TS: Olivia Wilde hat gesagt, beim Dreh gab es viel mehr Kussszenen als im fertigen Film. Warum wurden die rausgeschnitten ?

JF: Beim Dreh probiert man vieles aus. Aber dann muss man sich das Gesamtbild angucken.
Bei einem Titel wie "Cowboy & Aliens" sollte sich der Film auch wie ein Popcorn-Movie anfühlen und mehr als zwei Stunden Länge fühlten sich einfach nicht richtig an. Ich habe die geschnittenen Szenen in die Extended Version gepackt. Es gibt eine Filmfassung die zwanzig Minuten länger und komplexer ist. Ich denke, wer den Film mag und das gut findet was wir versuchen, der hat dann später die Möglichkeit weiter einzutauchen, wenn er auf Video rauskommt.

Jon Favreau in Berlin



 


 
 

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