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Florian Henckel von Donnersmarck im Interview

15.12.2010 19:46

Wer als Deutscher einen Oscar abräumt, dem stehen alle Türen offen. Auch die zur Traumfabrik. Da wundert es kaum, dass Florian Henckel von Donnersmarck nach seinem fulminanten Spielfilm-Debüt, dem oscargekrönten Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ die Gelegenheit beim Schopf ergriff und auf die andere Seite des Atlantiks übersiedelte. Drei Jahre später präsentiert der deutsche Export nun mit „The Tourist“ (Kinostart: 16. Dezember) seinen ersten Hollywood-Streifen. Der spielt aber keinesfalls in den USA, sondern vor der malerischen Kulisse Venedigs. Und als wäre das nicht schon schön genug, bringt von Donnersmarck mit Angelina Jolie und Johnny Depp das aufregendste Filmpaar der letzten Jahre auf die Leinwand. Wir haben ihn getroffen und mit ihm über seinen neuen Film gesprochen.

Es war kaum zu überhören, dass Sie ein großer Fan von Angelina Jolie sind…
von Donnersmarck: (lacht) Auf jeden Fall.
 
Wie war es, mit den beiden zu drehen – die ja erstaunlicherweise zum ersten Mal zusammen vor der Kamera standen – und wie viel Druck war das auf der anderen Seite vielleicht auch?
von Donnersmarck: Ich glaube, wenn man am Set mit solchen Schauspielern zusammen ist, dann sind sie nicht die Superstars als die man sie von außen betrachtet sehen muss, sondern ganz normale Schauspieler. Sehr gute  Schauspieler, aber eben Schauspieler. Die Tatsache, dass sie wahnsinnig berühmt und gefeiert sind, hat eher auf die Drehbedingungen Auswirkungen, weil selbst bei einer intimen Szene 70.000 Leute herumstehen und „Angie“ und „Johnny“ schreien. Währenddessen ist die Arbeit genau wie sie eben mit Sebastian Koch und Martina Gedeck ist. Aber in dem Moment wo man „Cut“ sagt, wird der Unterschied wieder sehr deutlich, weil die Menge wieder beginnt zu tosen und „Angie“ und „Johnny“ zu schreien. Die Leute hinter den Absperrungen – das ist der entscheidende Unterschied.
 
Allein wenn man an Venedig denkt, denkt man schon an Massen. Warum Venedig, was zeichnet das Set aus?
von Donnersmarck: Venedig ist einfach die schönste Stadt der Welt. Es gibt keinen anderen Ort, der so viel Zauber hat. Manchmal hab ich mich einfach nur auf meinen Balkon gestellt und mir die Leute angeschaut, die den Canale Grande entlang schweben auf ihren Gondeln, und alle sehen einfach nur wunderschön und glücklich aus. Man wird dort schön, weil man so glücklich ist. Weil einen diese Stadt beseelt. Und diese Eigenschaft wollte ich sehr gerne für meinen Film haben. Ich wollte dieses Glück auf den Gesichtern meiner Schauspieler sehen und dadurch Angelina und Johnny noch berückender machen als sie es sowieso schon sind.
 
Wie war es, dort zu drehen? Rein technisch, organisatorisch. Immerhin ist Venedig eine Touristenstadt…
von Donnersmarck: Organisatorisch war es eine Herausforderung, aber ich hab eigentlich die Erfahrung gemacht, dass Filmfans und Schauspielerfans Leute sind, mit denen man sprechen kann. Manchmal hatte ich das Gefühl, als wäre ich dauerhaft auf einem Rock-Konzert von Muse oder einer wahnsinnig heißen Band. Aber anders als beim Rockkonzert konnte man den Leuten dann eben sagen, „Bitte Leute, seid jetzt einfach mal einen Moment lang ganz ruhig“. Man muss einfach nur lernen das auszublenden und sich ganz auf die Szene zu konzentrieren. Aber ich hab mir gedacht, „wenn das Angelina und Johnny können, dann muss ich das auch lernen“ und hab mir das von ihnen auch etwas angeeignet.
 
An dem ganzen Drumherum, dem Ensemble und dem Starkult darum merkt man schon: Das ist eine andere Größenordnung als „Das Leben der Anderen“. Was war eine Herausforderung für Sie, was hat Sie aber definitiv auch gereizt, so eine Art von Film zu machen?
von Donnersmarck: Es ist halt ein sehr viel größeres Team, was man da hat. Bei „Das Leben der Anderen“ hatte ich maximal vielleicht 70 Leute am Set – abgesehen von Statisten – und hier waren es viele 100. Letztendlich macht es das Leben natürlich leichter. Man kann manchmal schneller und genauer arbeiten mit einem größeren Team. Für diese Art von Film war es natürlich entscheidend ein Hollywood-Budget zu haben, weil da wirklich jedes Kostüm stimmen musste. Jeder Statist musste so elegant sein, wie es noch nicht mal meine Hauptdarsteller bei „Das Leben der Anderen“ waren, und ich brauchte Kranfahrten und Hubschrauberflüge und all diese Sachen.
 
Sie haben schon gesagt, dass Einen solch ein Budget in die Lage versetzt, bestimmte Punkte wirklich so zu machen, wie man das gerne möchte. Wie wichtig ist es für den Film, dass der Look und das gesamte Drumherum so ist wie es ist, und was zeichnet diesen Look aus?
von Donnersmarck: Schon bei dem ersten Treffen mit Angelina hab ich ihr gesagt, „Eine Sache, die für mich absolut entscheidend ist, ist dass wir lange und wirklich sorgfältig an den Kostümen arbeiten.“ Das klingt jetzt vielleicht sehr weiblich und oberflächlich von mir, aber es gab verschiedene Hauptdarsteller in diesem Film: Es gab die Schauspieler, dann gab es die Kostüme, dann gab es Venedig. All diese Sachen mussten stimmen. Der Look, das Aussehen, die Ästhetik, die perfekte Form war für diesen Film einfach sehr, sehr wichtig, weil er Einen auf eine ästhetische, abenteuerliche Entdeckungsreise mitnehmen sollte, wo man einfach kontinuierlich die schönsten Sachen sieht, die unsere Welt zu bieten hat – sowohl an Menschen als auch an Schauplätzen als auch an Kostümen. Manchmal sagte ich plötzlich: „Oh nein, halt. Wir können doch noch nicht losdrehen. Dieser Statist dort in der 13. Reihe – sie hat den falschen Lippenstift.“ Diese Dinge waren plötzlich entscheidend.
 
Das hört sich an als wäre das ein absolutes Traumprojekt für Sie gewesen…
von Donnersmarck: Ich wollte einen Film machen, den man so nur innerhalb des Hollywood-Systems machen kann und zu Hollywood-Budget-Konditionen. Das hätte entweder ein Film mit Monstern und Spezialeffekten und vielen Explosionen sein müssen – das ist nicht so mein Interessensgebiet – oder eben ein glamouröses Schwelgen in Abenteuerästhetik und Lebensfreude. Das interessiert mich schon eher. In die Richtung hab ich versucht, den Film zu treiben und das hat mir natürlich auch sehr viel Freude gemacht.


Hier gibt's den Trailer und alle Infos zu The Tourist



 


 
 

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