Günther Wallraff im Interview zum Film Selbstgespräche

16.06.2008 09:18

Herr Wallraff, Sie spielen in André Erkaus „Selbstgespräche“ eine kleine, gut getarnte Rolle. Was hat Sie dazu bewogen?

Die Tatsache, dass sich ein Spielfilm mit dem Alltag in der Arbeitswelt befasst, hat mir sehr gut gefallen. Ich selbst recherchiere gerade für eine Artikel-Serie in „Die Zeit“ in Firmen auf dem Niedriglohn- und Prämien-Sektor. Jobs an Fließbändern, in Call-Centern und auch Versicherungen. Ich muss sagen, die Bandagen in der deutschen Arbeitswelt sind härter geworden, nicht zuletzt unter dem Vorwand der Globalisierung. Die Methoden der Firmen sind betrügerischer als jemals zuvor. Kettenbrief- und Schneeball-Systeme werden zum Kundenfang eingesetzt und das alles mit Lug und Trug. Die Unmenschlichkeit in Aldous Huxleys berühmte Utopie „Schöne neue Welt“ ist unsere Realität geworden. Deswegen steht meine Artikel-Serie auch unter dem Titel: „Schöne neue Arbeitswelt“.

Wie realistisch ist die Arbeit im Call-Center in „Selbstgespräche“ dargestellt?

Die Milieu-Schilderung ist sehr gut. Die Enge, den Druck, der auf den Mitarbeitern in einem Call-Center lastet, hat Autor und Regisseur Erkau sehr gut auf den Punkt gebracht. Vor allem der Zwiespalt im Anrufer selbst, zwischen eigener finanzieller Notlage und dem Wissen, dass er Menschen am Telefon betrügt. Das lastet schwer auf den meisten Menschen, die in einem Call-Center arbeiten. Anders als in „Selbstgespräche“ aber, ist es in der Realität für die Leute nicht so leicht, aus diesem inneren Konflikt wieder heraus zu kommen. Viele haben die Selbstachtung vor sich verloren. Die meisten bräuchten nach so einem Job eine Therapie.

Auf was für Menschen sind Sie bei Ihrer Recherche im Call-Center getroffen?


Ganz unterschiedliche aus allen Berufsständen. Natürlich viele jüngere Menschen, die schon länger arbeitslos sind. Aber auch mittelalte, die man heute dem sogenannten Prekariat zurechnen würde. Es sind jedoch alles Menschen, die missbraucht werden und deren Notlage ausgenutzt wird.

Sind sich diese Menschen bewußt, dass sie ausgenutzt werden, wenn sie so einen Job annehmen?


Viele am Anfang nicht. Aber Menschen sind soziale Wesen und wir passen uns erschreckend schnell einem Gruppenkonsens an, wenn wir darauf angewiesen sind. Aber auf die Dauer geht das nicht gut. Gerade heute hat mir ein Arzt eine Statistik geschickt, die zeigt, dass die Krankheitsquote bei Beschäftigten in einem Call-Center erschreckend hoch ist. Sogar noch ein Drittel höher, als bei Beschäftigten in anderen Niedriglohn-Arbeitsbereichen. Burn-Out- Syndrome und Nervenzusammenbrüche sind in Call-Centern an der Tagesordnung. Fast jeder dritte Call-Center-Mitarbeiter wird wegen „psychischen Störungen“ ambulant oder stationär behandelt.

Woran liegt das?


Die meisten können es selbst nicht beantworten. Sie leiden darunter, wie sie systematisch zu Betrügern ausgebildet werden. Wie sie, im wahrsten Sinne des Wortes, Menschen übers Ohr hauen müssen, eben um damit ihr Mindestauskommen zu gewährleisten. Was wiederum für unsere Gesellschaft spricht, ist die Tatsache, dass die meisten Arbeiter in einem Call- Center eben nicht damit zurecht kommen; es nicht mit sich vereinbaren können und darunter leiden. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Verrohung der Gesellschaft doch nicht nicht so weit fortgeschritten ist. 90 % hält es nicht länger als ein halbes Jahr aus, viele werfen schon nach ein paar Wochen das Handtuch. Deswegen ist dort auch so eine große Fluktuation. Es werden ja schließlich immer „Teilzeit-Angestellte mit angenehmer Telefonstimme“ gesucht, wenn man sich mal die Job-Anzeigen anschaut.

Nun werden ja auch inzwischen viele deutschsprachige Call-Center und Hotlines ins Ausland verlegt. Liegt es daran, dass hierzulande immer weniger Mitarbeiter gefunden werden?


Das liegt eher daran, dass im Ausland noch billigere Löhne gezahlt werden. Quelle- Neckermann etwa hat seine hiesige Telefon-Abteilung gänzlich geschlossen und ihre Hotline in ein Call-Center nach Istanbul verlagert. Dort sitzten nun Deutsch-Türken an den Telefonen, die behaupten müssen, sie säßen in Fürth. Das ist aber nur die erste Lüge, denn gleichzeitig sind sie ja gar keine Mitarbeiter von Quelle-Neckermann, sondern Angestellte in einem Call-Center mit mehreren Auftraggebern. Das kann zufolge haben, dass einer alten Frau, die dort anruft, um einen Katalog zu bestellen, in einem Gespräch auch gleich ein Los der Süddeutschen Klassenlotterie aufgeschwatzt wird. Die SKL gehört überhaupt zu den aggressivsten Auftraggebern. Was der Günther Jauch da als Werbeträger mitverantwortet, gehört zum Betrügerischsten auf dem Sektor des Verkaufs via Telefon. 80% - 90% der Lose werden per Telefon-Drücker-Methoden den Leuten angedreht.

Wie illegal sind solche Methoden? Kann man dagegen juristisch vorgehen?


Man kann, ja. Das meiste, was da am Telefon passiert, ist in der Tat illegal. Es gibt ein eindeutiges Gesetz, das besagt, dass Menschen nur dann von einem Anbieter angerufen werden dürfen, wenn sie ausdrücklich nach einem bestimmten Produkt gefragt haben. Das ist bei diesem Daten- und Telefonnummerhandel in den seltensten Fällen so. Selbst wenn man sich mal mit seiner Adresse und Nummer bei einem Gewinnspiel beteiligt hat, berechtigt das diese Firma nicht, den Teilnehmer aus einem anderen Grund anzurufen. Zudem darf kein Anbieter mit unterdrückter Telefonnummer anrufen. Allerdings passiert auch das in den meisten Fällen, denn so ist der Anruf nicht nachzuverfolgen. Genau deswegen ist es dann aber auch schwierig, diese Firmen, bzw Call-Center juristisch zu packen. Die Beschwerden bei den Verbraucherzentralen betreffen zu 60-70% eben solche betrügerischen Telefonanrufe.

Wenn Sie von Daten- und Telefonnummerhandel sprechen, was genau meinen Sie damit?


Etwa den Verkauf riesiger Datenbanken an Adress- und Telefonummerlisten an Call-Center. Als seriös eingestufte Telefon- und Online-Betreiber geben zum Beispiel ihre Adress-Listen an Call-Center weiter, damit dort illegale Verkaufgespräche geführt werden können. Kaum jemand der Angerufenen weiß, dass das illegal ist. Hinter diesem ganz offensichtlichen Datenmissbrauch steckt ein immenses Geschäft und eine starke Lobby. So stark, dass sogar die Mühlen des Justizministeriums blockieren, wenn es darum geht, das zu ahnden. Versandhäuser verkaufen ihre Kundenlisten an Call-Center, ebenso wie Netzanbieter und Banken. Zu dem gläsernen Menschen, vor dem wird uns immer gefürchtet haben, sind wir längst geworden. Science Fiction Huxleys „Schöne neue Welt“, ist zu unserer Gegenwart geworden.

Der Trailer zum Film




 


 
 

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