Die Schachspielerin: Gespräch mit Sandrine Bonnaire

28.10.2009

Sandrine, Sie haben dieses Projekt schon in der Drehbuch-Phase unterstützt. Was hat Sie daran so begeistert?
Sandrine Bonnaire: Am Anfang stand meine Freundschaft zu Caroline, die ich als Co-Drehbuchautorin von „C’est la vie” von Jean-Pierre Amaris, kennengelernt hatte. Sie hat mir ungefähr zwanzig Seiten zum Lesen gegeben, die mir gut gefallen haben. Ich habe sie ermuntert, weiterzumachen und alle Etappen des Projekts begleitet. Diese scheinbar einfache Geschichte gefällt mir, weil sie eine Wahrheit des Lebens erzählt: unabhängig von seiner sozialen Herkunft und Erziehung kann man sein eigenes Schicksal ändern. Wenn man sich entscheidet, eine Leidenschaft zu verwirklichen, wird plötzlich alles möglich. Ich liebe diese Antwort, die das Thema des Films beschreibt: „Wenn man Risiken eingeht, kann man verlieren, aber wenn man keine eingeht, verliert man immer.”

Hélène entdeckt plötzlich ihre Leidenschaft für ein Spiel, das ihr bisher völlig fremd war: Das Schachspiel. Eine Leidenschaft, die ihren Alltag vollkommen verändern wird!
Bonnaire: Hélène ist weder eine unglückliche noch eine unterwürfige Frau, sie hat sich entschieden, ihrem Mann zu  folgen, um auf dieser Insel zu leben. Sie hat eine bestimmte Zeit gebraucht, um sich in dieser neuen Umgebung, in der sie niemanden kannte, zurecht zu finden, aber sie hat ihre Wahl aus Liebe getroffen. Im Laufe der Zeit ist ihr Alltag dann ein wenig fade und eintönig geworden. Als sie dieses Paar entdeckt, dass in der Sonne Schach spielt, ist sie überrascht: Sie fühlt sich von diesem Mann und seiner jungen Frau angezogen, die sich so sehr zu lieben scheinen.

Das ähnelt einer Leidenschaft in der Liebe!
Bonnaire: Genau. Eine Leidenschaft ist oft unvernünftig. Hélène bewegt sich in einer Blase und entdeckt plötzlich eine ganz andere Welt als die, die sie bisher mit ihrem Mann erlebte. Ihr Mann wird wütend, weil er versteht, dass sie ihn nicht verlassen will, aber dass sie in ihrer Beziehung von nun an zu dritt sind: sie, er und ihre Leidenschaft.

Eine der Qualitäten des Films ist, dass er auch Zuschauer in seinen Bann zieht, die keine Ahnung von der Strategie der Schachzüge haben. Man lässt sich in das Spiel verwickeln.
Bonnaire: Ja, der Film ist packend. Man fühlt sich von der Hartnäckigkeit dieser Frau mitgerissen, von ihrem Willen zu lernen und das Spiel zu gewinnen. Sie hat sich selber vor eine Herausforderung gestellt. Sie sagt sich „Ich werde es schaffen – um jeden Preis!“. Auf jeden Fall hat Hélène viel Temperament. Man sieht es von Anfang an, als sie eine Lohnerhöhung von Doktor Kröger fordert, bei dem sie putzt.   

Auch die Tochter von Hélène, eine 15jährige Jugendliche, fühlt sich durch die gesellschaftliche Lage ihrer Mutter isoliert.
Bonnaire: Lisa entwickelt einen Minderwertigkeitskomplex und traut sich nicht, ihrem bürgerlichen Freund zu sagen, dass ihre Mutter als Zimmermädchen und Haushälterin arbeitet. Aber Hélène steht zu ihrer gesellschaftlichen Position, sie findet es nicht erniedrigend, bei anderen putzen zu gehen.  Das ist ihre Arbeit und daneben hat sie ihre Passion. Sie weiß genau, daß der Freiraum, den sie sich erlaubt, die Harmonie ihrer Familie stört und ihre Ehe in Gefahr bringen kann, aber sie empfindet keine Schuldgefühle. Bisher hat sie ihr ganzes Leben auf ihren Haushalt ausgerichtet, sie hat ihre Tochter erzogen, sich hinter ihren Mann gestellt. Letztlich wird diese Veränderung allen Beteiligten gut tun. Schon bald ermutigt ihre Tochter sie, weiter mit Kröger Schach zu spielen, denn sie hat sich selber durch die Lektüre von Jack Londons „Martin Eden“ weiterentwickelt.

Zwischen Hélène und Kröger entwickelt sich eine Anziehung, die über das reine Vergnügen am Schachspielen hinausgeht. Wie wollten Sie diese Beziehung aufbauen?
Bonnaire: Es gibt in ihrer Beziehung ein interessantes Symbol: Das Schachbrett markiert eine gesellschaftliche Grenze zwischen dem Meister und der Dienerin, zwischen dem Lehrer und seinem Schüler.

Die „blinde“ Schachpartie zwischen Hélène und Kröger ist eine der schönsten Szenen des Films. Ist es wie eine erträumte Partie, bei der die Sprache des Spiels die Worte der Liebe ersetzt?
Bonnaire: Ja, durch das mentale Bewegen der Schachfiguren würde sie sich gerne sagen, dass sie sich lieben, aber … In meinen Augen beginnt Hélène, ein wenig ihre Gefühle preiszugeben – nicht so offen wie es eine Dame tun würde, die auf dem Schachbrett direkt ihr Ziel anvisiert, sondern indirekter, diagonal, auf Umwegen. Während sie von vorneherein ganz geradlinig  alles daran setzte, ihre Leidenschaft zu verwirklichen, spürt sie hier eine echte Hemmung, ihre Gefühle zu äußern.

Sandrine, wie sind Sie die Figur der Hélène angegangen, so dass sie von Anfang an berührend ist?
Bonnaire: Das ist wie das Weiterkommen des kleinen Däumlings (aus dem Märchen von Charles Perrault), von Stein zu Stein, indem ich mit kleinen konkreten Dingen spielte, den Gesten, winzigen Emotionen, dem Spiel der Blicke, den Auslassungen. Zusammen mit Caroline haben wir die Silhouette der Figur erfunden: Anfangs trägt sie sehr schmucklose Kleidung; auch dass sie die Haare festgesteckt hat und dazu flache Schuhe trägt, gibt ihr eine besondere Haltung. Wir haben uns gesagt, dass sich diese junge Frau ein wenig in der Routine ihres Alltags vergisst, also nimmt sie sich keine die Zeit, sich im Spiegel zu betrachten, wenn sie ihre Haare feststeckt. Solche einfachen Dinge, die als bloße Details gelten mögen, haben beim Spielen dann eine konkrete Wirkung.

Das Paar Bonnaire-Kline ist so bemerkenswert, dass man sich noch lange daran erinnern wird.
Bonnaire: Außerdem mussten wir zusammen unsere Schachpartien auswendig lernen! Sehr schnell fühlten wir uns wie Komplizen und wir amüsierten uns, wenn er mit mir nach dem Rhythmus, dem Klang seiner Dialoge suchte und vermeiden wollte, ein Wort so zu betonen, dass es einen anderen Sinn bekam. Während der Einstellungen erlaubte sich Kevin kleine Improvisationen, eine besondere Geste etwa; ich nahm diese Vorschläge auf und hatte das Vergnügen, mich seiner „Musik“ zu nähern.  Caroline hat uns beim Spielen eine gewisse Freiheit gelassen, weil sie genau weiß, was sie von den Schauspielern erwartet. Sie versucht, alle ihre Mittel in den Dienst der Szene zu stellen. Sie sucht dabei nach einem tiefen Zusammenhang zwischen dem Charakter des Schauspielers und der Figur, die er verkörpert.

DIE SCHACHSPIELERIN ist einer der ersten Filme der Produzenten Dominique Besnehard und Michel Feller. Wie haben sie das Projekt begleitet?
Bonnaire: Das erste Mal ist immer am schönsten!

Das Gespräch führte Gaillac-Morgue



 


 
 

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