Geheime Staatsaffären Filmtipp

Währenddessen sitzt Ermittlungsrichterin Jeanne Charmant Killman (ISABELLE HUPPERT), die die Verhaftung verfügt hat, mit Sibaud (PATRICK BRUEL) beim Mittagessen. Der Mann mit den guten Manieren hat ihr alle Informationen zukommen lassen, die Humeau ans Messer liefern – und ihn in seine Position befördern.

Ebenfalls beim Essen im Restaurant Meurice sitzen drei andere Herren, Politiker, die Humeaus Ankunft erwarten. Als sie die Nachricht von seiner Verhaftung erhalten, fällt der Spitzname der Ermittlungsrichterin: Der Piranha. Sie hat den Ruf, hart durchzugreifen und unbestechlich zu sein. Die drei Männer müssen sich auf Komplikationen gefasst machen.

In Handschellen wird Humeau im Büro der Untersuchungsrichterin vorgeführt. Die Anklage lautet auf Veruntreuung öffentlichen Eigentums, Betrug, Bilanzfälschung etc. Sie händigt seinem Anwalt einen riesigen Aktenberg aus und verabschiedet sich. Trotz seiner Proteste muss Humeau die Nacht im Gefängnis verbringen.

Zu Hause wird Jeanne von ihrem Mann Philippe (Robin Renucci), einem Arzt, und dessen Neffen Félix (Thomas Chabrol) erwartet, der einige Tage bei ihnen unterkommen möchte. Genügend Platz ist in der großbürgerlichen Pariser Wohnung vorhanden, die ihr Mann mit in die Ehe gebracht hat. Jeanne, die aus einfachen Verhältnissen kommt, keine Eliteschule besucht und ihre Karriere aus eigener Kraft aufgebaut hat, lehnt die Familie ihres Mannes ab. Aber sie liebt die Gespräche mit dem unbekümmerten Félix, dessen Motto lautet: „Nichts ist ernst, alles ist tragisch“. Während Philippe beinahe apathisch vor dem Fernseher Ablenkung sucht, bespricht Jeanne mit Félix die Details ihres neuesten Falles, der bereits für Aufsehen sorgt und auch vor ihrem Privatleben nicht halt macht: Ihr Mann wird von der Kollegen in der Klinik bereits heimlich „Monsieur Jeanne Killman“ genannt.

Der Fall lässt Jeanne auch nachts nicht los: Sie kann nicht schlafen und sucht im Computer nach neuen Details über Humeaus Verfehlungen.

Am nächsten Morgen konfrontiert sie Humeau mit der Aufstellung der Ausgaben für seine auf Firmenkosten ausgehaltene Geliebte. Der Beschuldigte verteidigt sich mit dem Hinweis, die Makroökonomie habe nun mal eigene Regeln.

Humeaus Firmengruppe wird verdächtigt, fremde Staatschefs oder die Oppositionsführer zu finanzieren. Während sein Nachfolger Sibaud bereits im Amt ist, scheint keiner von Humeaus politischen „Freunden“ etwas zu seiner Rettung unternehmen zu wollen. Alle haben sich von ihm distanziert.

Sibaud ruft Jeanne auf dem Handy an und gratuliert ihr zum Namenstag. Er möchte sie zum Mittagessen einladen, aber die Richterin lehnt mit Verweis auf ihr Berufsethos ab.

Währenddessen wird Humeau bei einer Hausdurchsuchung von Jeanne mit neuen Anschuldigungen konfrontiert und vor seiner Ehefrau bloßgestellt.

Sie inspiziert auch seine Zelle im Untersuchungsgefängnis und ordnet Leibesvisitationen nach dem Hofgang an. Es ist klar: Die unerbittliche Richterin mit den roten Handschuhen hat sich festgebissen und wird nicht locker lassen. Erklärtermaßen will sie ein Exempel statuieren, zum Wohle Frankreichs. Dabei schreckt sie auch vor Psycho-Druck nicht zurück. Während sie in ihrem Büro raucht, untersagt sie es Humeau. Nach einigen Tagen ist er mit den Nerven am Ende und bricht weinend zusammen. Auf seine Bitte hin veranlasst sie seine Einlieferung ins Krankenhaus.

Als Jeanne eines abends spät nach Hause fährt, verweigern die Bremsen ihres Wagens den Dienst. Sie baut einen Unfall und kommt bewusstlos ins Krankenhaus. Während ihr Mann davon ausgeht, dass sie am Steuer eingeschlafen ist, ist Jeanne davon überzeugt, dass Sabotage im Spiel war. Von da an wird sie von Leibwächtern überwacht, zunächst im Krankenhaus, dann auch Zuhause und im Büro. Philippe leidet unter der Gegenwart der Fremden in seiner Wohnung, es kommt zum Streit. Mitten in der Nacht zieht Jeanne aus.

Mittlerweile ist ihr Engagement einigen hochgestellten Politikern ein Dorn im Auge. Der Gerichtspräsident wird angewiesen, mit ihr das „Beförderungsspiel“ zu spielen: Jeanne wird weggelobt ins nagelneue Finanzzentrum. Zu ihrer Beförderung gehören ein größeres Büro und eine Mitarbeiterin, die Richterin Erika, die ebenfalls einen guten Ruf genießt. Die hohen Herren gehen davon aus, dass die Frauen sich gegenseitig in den Rücken fallen werden.

Doch die machen ihnen einen Strich durch die Rechnung: sie verbünden sich, arbeiten zusammen und können gemeinsam noch stärker auftreten.

Jeanne, deren Büro eines Nachts verwüstet wird, verhört weitere Firmenmitarbeiter und nimmt eine weitere Verhaftung vor. Als auch Sibaud unter Verdacht gerät, durchsucht Jeanne seine Firmenräume. Sibaud wird wohl ebenfalls seinen Stuhl räumen müssen, doch er hat sich offenbar gut abgesichert.

Für die Politiker spitzt sich die Situation immer mehr zu, die Auftraggeber im Ausland werden nervös. Doch die Herren mit den dicken Zigarren bleiben gelassen: Sie werden wohl den Verlust der Firmengruppe verschmerzen müssen, aber das System als solches hat sich bewährt und wird weiter bestehen.

Der Gerichtspräsident, seinerseits unter Druck geraten, rät Jeanne, kürzer zu treten. Sie soll Urlaub nehmen, die Wogen müssten sich glätten. Er zieht sie schließlich mit dem Argument, er brauche eine neutrale Ansicht, von dem Fall ab. Während Jeanne überlegt, wie sie sich verhalten soll, erfährt sie, dass ihr Mann sich aus dem Fenster ihrer gemeinsamen Wohnung gestürzt hat.

Im Krankenhaus trifft sie auf Humeau, eine bemitleidenswerte Figur im Rollstuhl. Er versucht sie mit den Worten zu trösten: „Sie waren nicht die Unmenschlichste in dieser Affäre.“ Als Félix fragt: „Und, machst du weiter?“ antwortet Jeanne nach kurzem Zögern: „Die können mich mal.“




Claude Chabrol (Regie)


Claude Chabrol wurde am 24. Juni 1930 als Sohn eines Apothekers in Paris geboren und wuchs bei den Großeltern in Sardent auf. Noch während seiner Studien der Literaturwissenschaft, der Jurisprudenz und Pharmazie (abgebrochen) war er Stammgast des unter dem Vorsitz von André Bazin firmierenden Cineasten-Zirkels im Pariser „Café de la Comédie“, woraus sich bald seine Arbeit als Kritiker bei den legendären „Cahiers du Cinéma“ ergab. Als er gerade eine gemeinsam mit Eric Rohmer verfasste Monographie über Alfred Hitchcock veröffentlicht hatte, ermöglichte ihm die üppige Erbschaft seiner Frau, zukünftig selbst Filme zu drehen - und dabei die Nouvelle Vague mitzubegründen.

Sein 1957 in Schwarzweiß gedrehtes Debüt DIE ENTTÄUSCHTEN etablierte Chabrol bereits als stilsicheren und thematisch kompromisslosen wie eigensinnigen „auteur“, und durch den Erfolg seines zweiten Films, der hintergründigen Satire SCHREI, WENN DU KANNST, konnte er seine eigene Produktionsfirma AJYM gründen, die im Folgenden die Erstlingswerke von Rohmer, Philippe de Broca und Jacques Rivette finanzierte. Chabrol indes musste - u.a. mit der Lesart des Blaubart-Mythos DER FRAUENMÖRDER VON PARIS - zunächst einige kommerzielle Schlappen verschmerzen und als Auftragsregisseur diverse Parodien auf Agentenfilme drehen, bevor in den späten Sechzigern seine goldene Ära anbrach.

In Klassikern wie EINE UNTREUE FRAU, DAS BIEST MUSS STERBEN, DER SCHLACHTER und DER RISS ergründete er seine bevorzugten Themen - Obsession und Abhängigkeit, Bourgeoisie und Bigotterie, Mord und Rache - mit so viel intellektueller Schärfe und erzählerischem Realismus, dass er unter dem Gewand des Thrillers geradewegs sein eigenes Subgenre des Gesellschaftskrimis schuf. In dieser Phase begann Chabrol auch langjährige Kooperationen mit Freunden und Stabmitgliedern, darunter seine Ex-Frau Stéphane Audran, Komponist Pierre Jansen und vor allem Drehbuchautor Paul Gegauff, mit dem er häufig die schlummernde Gewalt unter dem Deckmantel des Bürgertums sezierte (perfiderweise wurde Gegauff 1983 von seiner zweiten Frau umgebracht). Im folgenden sah sich der Regisseur, der die Ansicht vertritt, es sei besser, „schlechte Filme zu drehen, als gar keine“, wieder mit einigen Enttäuschungen konfrontiert, bevor er mit der poetischen Landpartie TRAUMPFERD und den mörderischen Analysen VIOLETT NOZIÈRE sowie DIE FANTOME DES HUTMACHERS zur alten Form auflief.

Zu Beginn der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts arbeitete Chabrol auch verstärkt für das Fernsehen. Einen weiteren kreativen Schub brachte die Zusammenarbeit mit Produzent Marin Karmitz wie bei SÜSSES GIFT, INSPEKTOR LAVARDIN, MASKEN und DER SCHREI DER EULE, eine feine Serie schwarzhumoriger Krimis. Einen seiner größten Erfolge verbuchte der Mann mit den großen Brillen, der Vorliebe für Pfeifen und dem Röntgenblick für heuchlerische Moralvorstellungen 1988 mit EINE FRAUENSACHE mit seiner Lieblings-Aktrice Isabelle Huppert. Die Nachfolgewerke STILLE TAGE IN CLICHY und DR. M zählen dagegen eher nicht zu seinen Meisterwerken. In den Neunzigern machte Chabrol vor allem mit der Literaturverfilmung MADAME BOVARY, dem Eifersuchtsdrama DIE HÖLLE, dem trefflich betitelten Emanzipationsbeitrag BIESTER und der Komödie DAS LEBEN IST EIN SPIEL von sich reden. Der Bonvivant gilt als „Frauenregisseur“. Im Laufe seiner Karriere drehte er mit den bekanntesten Schauspielerinnen Frankreichs wie Emmanuelle Béart, Sandrine Bonnaire, Isabelle Huppert oder Nathalie Baye. Nach dem Erfolg von DIE BLUME DES BÖSEN im Jahre 2003 brachte er in DIE BRAUTJUNGFER zwei brillante junge Schauspieler zusammen, Benoit Magimel und Laura Smet.

Dass er sich nicht nur in Spielfilmen als beißender Chronist von Sünden, Sühne und Seelenlast versteht, beweist Chabrols 1993 gedrehte Résistance-Dokumentation DAS AUGE VON VICHY.



Filmografie – Auswahl


1958 Die Enttäuschten (LE BEAU SERGE)

Schrei, wenn du kannst (LES COUSINS)

1959 Schritte ohne Spur (A DOUBLE TOUR)

Die Unbefriedigten (LES BONNES FEMMES)

1960 Speisekarte der Liebe (LES GODELUREAUX)

1961 Die sieben Todsünden (SEPT PECHÉS CAPITAUX Episode: L`AVARICE)

Das Auge des Bösen (L`OEIL DU MALIN)

Ophelia (OPHELIA)

1962 Der Frauenmörder von Paris (LANDRU)

1963 Die Frauen sind an allem Schuld (LES PLUS BELLES ESCROQUERIES DU MONDE, Episode: L`HOMME QUI VENDIT LA TOUR EIFFEL)

1964 Der Tiger liebt nur frisches Fleisch (LE TIGRE AIME LA CHAIR FRAICHE)

1965 PARIS VU PAR... Episode: LA MUETTE

M.C. contra Dr. Kha (MARIE-CHANTAL CONTRE DOCTEUR KHA)

Der Tiger parfümiert sich mit Dynamit (LE TIGRE SE PARFUME A LA DYNAMITE)

1966 La ligne de démarcation (LA LIGNE DE DEMARCATION)

Champagner-Mörder (LE SCANDALE)

1967 Die Straße nach Korinth (LA ROUTE DE CORINTHE)

Zwei Freundinnen (LES BICHES)

1968 Die untreue Frau (LA FEMME INFIDELE)

1969 Das Biest muss sterben (QUE LA BETE MEURE)

Der Schlachter (LE BOUCHER)

1970 Der Riss (LA RUPTURE)

Vor Einbruch der Nacht (JUSTE AVANT LA NUIT)

1971 Der zehnte Tag (LA DECADE PRODIGIEUSE)

1972 Doktor Popaul (DOCTEUR POPAUL)

Blutige Hochzeit (LES NOCES ROUGES)

1973 Nada (NADA)

1974 Ein lustiges Leben a.k.a. Eine Lustpartie (UNE PARTIE DE PLAISIR)

Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen (LES INNOCENTS AUX MAINS SALES)

1975 LES MAGICIENS

1976 Die verrückten Reichen (FOLIES BOURGEOISES)

Alice oder die letzte Flucht (ALICE OU LA DERNIERE FUGUE)

1977 Blutsverwandte (LES LIENS DE SANG)

1978 VIOLETTE NOZIÈRE

1980 Traumpferd (LE CHEVAL D`ORGUEIL)

1982 Die Fantome des Hutmachers (LES FANTOMES DU CHAPELIER)

LE SANG DES AUTRES

1984 Hühnchen in Essig (POULET AU VINAIGRE)

1985 Inspektor Lavardin oder die Gerechtigkeit (INSPECTEUR LAVARDIN)

1986 Masken (MASQUES)

1987 Der Schrei der Eule (LE CRI DU HIBOU)

1988 Eine Frauensache (UNE AFFAIRE DE FEMMES)

1990 Stille Tage in Clichy (JOURS TRANQUILLES A CLICHY)

Dr. M (DOCTEUR M)

1991 Madame Bovary (MADAME BOVARY)

1992 Betty (BETTY)

1993 Das Auge von Vichy (L´OEIL DE VICHY) (Dokumentation)

1994 Die Hölle (L`ENFER)

1995 Biester (LA CEREMONIE)

1997 Das Leben ist ein Spiel (RIEN NE VA PLUS)

1998 Die Farbe der Lüge (AU COEUR DU MENSONGE)

1999 Süßes Gift (MERCI POUR LE CHOCOLAT)

2003 Die Blume des Bösen (LA FLEUR DU MAL)

2004 Die Brautjungfer (LA DEMOISELLE D`HONNEUR)

2006 GEHEIME STAATSAFFÄREN (L’IVRESSE DU POUVOIR)




Gespräch mit Claude Chabrol


Ich glaube immer noch an Gesellschaftsklassen und die damit verbundenen Beziehungen. Die Ausgenützten sollten ihre Ausnützer in die Nase kneifen können, um zu schauen, ob Milch oder Blut heraus rinnt.“


Ihr Film beginnt mit der Bemerkung:Jegliche Ähnlichkeit mit bekannten Persönlichkeiten wäre, wie man sagt, unbeabsichtigt...“

Der Realität, an die sich der Film anlehnt, wird eine hübsche lange Nase gemacht… Dies ist jedoch eher als Hinweis an den Zuschauer gedacht. Es wird auf gewisse Ähnlichkeiten angespielt, die man aber nicht unbedingt suchen soll. Übrigens wird auch keine einzige Person beim Namen genannt. Es handelt sich also um ein fiktives Umfeld! Obwohl es in dieser Geschichte also keine tatsächlich existierenden Personen gibt, lässt der Film durchblicken, dass es unter den Machtinhabern solche gibt, die man als Gesindel bezeichnen könnte und denen eine Kärcher-Reinigung nichts schaden würde… Nach meinem Entschluss, diesen Film zu drehen, stellte ich eine Liste der zu vermeidenden Fallen auf, insbesondere die sofortige Identifikation und die absolute Fiktion. Denn es lag klar auf der Hand, dass der Film ohne jeglichen Bezug zur Realität von wenig Interesse wäre… Im Endeffekt interessierte es mich, die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen zu beweisen, die sich nahe an die Wirklichkeit anlehnen.


In Frankreich gibt es nur sehr wenige Filme über Finanz- und Politskandale.

In den siebziger Jahren gab es einige entlarvende Filme, zum Beispiel von Yves Boisset. Mir lag aber nicht daran, allbekannte Ereignisse anzuprangern. Vielmehr wollte ich zeigen, wie sich Macht – in welcher Form auch immer - auf den Menschen auswirken und wie weit sie ihn mitreißen kann.


Wie haben Sie recherchiert?

Ich las die Zeitungsausschnitte und die Werke, die damals über den Skandal veröffentlicht worden waren. Da ich aber mehrmals auf widersprüchliche Versionen stieß, wählte ich diejenige, die mir für die Drehbuchzwecke am geeignetsten schien. Meiner Ansicht nach kommt dies der Arbeit eines guten Historikers am nächsten - deshalb steht übrigens in der Geschichte nie je etwas absolut fest. Gewisse Formulierungen wurden gerne verwendet — ohne jedoch in Autorenworte auszuarten. Tatsächlich habe ich mich bemüht, Autorenworte - jedoch nicht Politikerworte - zu vermeiden. Insbesondere bin ich über einen Satz recht stolz, nämlich als Senator Descarts genüsslich erklärt: „Die Neger schäumen vor Wut!“ Der typische Satz eines Politikers. Man gelangt – verwirrend leicht und flüssig - von einer kollektiven zu einer persönlichen Debatte und umgekehrt. Daran war mir gelegen. Ich gebe zu, dass ich immer mehr nach dem Aspekt „leicht und flüssig“ strebe, vor allem weil ich dies im Kino fast nicht mehr finde. Gegenwärtig dominiert eine Art Staccato, was mich irritiert, denn die Filmemacher haben die Tendenz, dies mit Rhythmus zu verwechseln. Es muss gesagt sein, dass mir die eigentliche Struktur des Drehbuchs half, weil wir von einem Ort zum anderen wechselten, von öffentlichen Orten - Büros im Gerichtsgebäude – zu privaten Wohnungen. Diese Gegenüberstellung wirkt beinahe schizophren: Einerseits haben wir die Privatsphäre und andererseits die mit „Duellen“ im Büro der Richterin ausgedrückte Macht. Aus diesem Grund befinden sich die Figuren in der Privatsphäre nebeneinander. In den Büroszenen habe ich jedoch Gesichts- und Gegeneinstellungen gewählt, welche die Gegensätze ausdrücken.


GEHEIME STAATSAFFÄREN ist eher ein behavioristisches als ein psychologisches Werk.

Absolut, selbst wenn der Film den gegenteiligen Eindruck vermitteln mag... Das rührt von der Tatsache, dass ich mich eher an behavioristischer Literatur als an psychologischen Analysen orientiere: insbesondere an angelsächsischer Literatur, jedoch auch an Proust, bei dem ich festgestellt habe, dass er kaum „psychologischer“ war.


Man hat den Eindruck, dass Sie sich jeglichen moralischen Urteils über den Skandal enthalten. Sie sind jedoch viel strenger in Bezug auf die Beziehungen zwischen den Gesellschaftsklassen.

Das Prinzip des „kleinen Chefs“ - jemandes kleiner Chef zu sein - geht über alles! Was mich an der Stellung eines Untersuchungsrichters interessierte: Theoretisch gesehen ist er allmächtig. In Wirklichkeit hat jedoch auch er nur die Macht, die man ihm zugesteht. Und diese Wirklichkeit gilt auf allen Ebenen: Alle Figuren sind machttrunken, obgleich dies nicht sofort erkennbar ist. Sobald ihre Macht leicht beeinträchtigt wird, wird ihnen der Boden unter den Füssen weggezogen. Als Jeanne dem Gerichtspräsidenten empfiehlt, seinen Mann zu stehen, ist er völlig verdutzt, weil das nicht zu den Spielregeln gehört.


Der Filmaufbau ist der Struktur eines Theaterstücks nachempfunden: Die Zeugenvernehmungen bilden den Handlungsablauf. Die geheimen Verhandlungen zwischen Politikern und Geschäftemachern bilden den Chor, der diesen Handlungsablauf kommentiert…

Die Idee einer kommentierten Handlung beschäftigt mich seit langem. Bereits in  Les Innocents aux Mains Sales (1975) hatte ich mich darin versucht. Dort handelte es sich um zwei Bullen, die den Ereignissen zwar auf der Spur waren, jedoch immer um eine U-Bahn zu spät. Ihre Schlüsse zogen sie aufgrund des eben Vorgefallenen, ohne jedoch je vorauszusehen, was geschehen würde! In GEHEIME STAATSAFFÄREN verhält es sich ähnlich: Jeannes Handlungen und die Machenschaften der Politiker sind fortwährend verschoben. Das liebe ich!


Obwohl uns am Anfang die Richterin recht sympathisch ist, scheint sich Jeanne nach und nach als eine Art Robespierre im Schafpelz zu entpuppen, während wir Mitleid mit Humeau haben.

Natürlich trifft der Filmtitel auch auf Jeanne zu: Sie verfolgt ein Gerechtigkeitsideal, wird jedoch von der Macht berauscht, die sie innehat. Sagt sie nicht voller Jubel, dass der Untersuchungsrichter die mächtigste Person in ganz Frankreich ist? Im Gegensatz dazu wollte ich einen ziemlich rührenden Humeau, vor allem als er im Krankenhaus an den Rollstuhl gefesselt ist... Idealerweise sollten die beiden am Ende des Films Mitleid miteinander haben. Jeanne erkennt die Sinnlosigkeit der ganzen Angelegenheit, während Humeau aufgrund der Ereignisse, die er am eigenen Leib erfahren hat, zu dieser Erkenntnis gelangt ist. Sie wird sich bewusst, dass Macht verschiebbar ist und dass es immer noch genug davon sogar über der mächtigsten Person gibt...


Isabelle Huppert spielt zum siebten Mal unter Ihrer Leitung.

Ehrlich gesagt wäre mir dieser Film ohne sie schwer gefallen. Wer sonst hätte diese

prägende „starke Zerbrechlichkeit“ darstellen können? Ihre liebenswerte Seite einer „kleinen kämpferischen Frau“ berührt mich zutiefst. Außerdem wusste ich, dass Isabelle niemals versuchen würde, sich vor dem Publikum zu rechtfertigen, sondern dass sie sich ständig selber hinterfragen würde: Sie akzeptiert sich und ihre Figur, ohne je dem Zuschauer gegenüber zu mogeln. Genau das ist so schwierig von einem Schauspieler zu erhalten.




Ihre Brille ist blass lila, Handschuhe und -tasche sind rot...

Isabelle wollte den Filmtitel „Die roten Handschuhe“. Dieser Titel hatte das Verdienst, die Vorstellung auszulösen, dass die Hände eines Menschen rot werden, sobald er über andere Macht ausübt...


Philippe (Robin Renucci) ist eine komplexe Figur. Man könnte sagen, Jeanne wühlt im Dreck, während er ihn sorgfältig pflegt.

Natürlich! Er ist sich total bewusst, dass es nichts schaden kann, im Schlamm zu wühlen, dass dies aber nicht ausreicht... Eine völlig verzweifelte Figur durch den ganzen Film hindurch. Es gelingt ihm nicht, sich an seine Frau zu klammern, weil sie eine Machtposition innehat, während er kaum noch zu etwas fähig ist. Außerdem ist seine Heirat mit Jeanne eine Mesaillance. Sie ist die Tochter einer Concierge, er stammt aus gutbürgerlichen Kreisen.


Félix (Thomas Chabrol) verkörpert eine Art Gewissen und hypothetischer Liebhaber Jeannes.

Wie sein Name andeutet, ist Félix ein glücklicher Mensch – glücklich, weil er sorglos und nicht ehrgeizig ist - inmitten von Menschen, die nicht so sind. Eine Figur, die Thomas etwas ähnelt. Genau dieser Aspekt zieht Jeanne an. Er hingegen empfindet ihr gegenüber kaum mehr als Zuneigung und möchte ihr einfach helfen. Solche zweideutigen, nicht sexuellen, leicht geheimnisvollen Beziehungen mag ich sehr.


Wider Erwarten verstehen sich Jeanne und Erika (Maryline Canto) wunderbar…

Weil beide gleich groß sind! Ganz im Ernst, ich bin überzeugt, dass die eine die andere dominiert hätte, wenn eine größer gewesen wäre.


Die Beziehung zwischen Jeanne und Sibaud (Patrick Bruel) ist faszinierend: eine Mischung aus Verführung und Verrat.

Der unheimlich selbstgefällige Sibaud sagt sich, er könne sie sich leicht zu seiner Verbündeten machen und sie benützen, um Humeaus Fall zu bewirken: Patrick Bruel spielt den zufriedenen, gesättigten Mann ausgezeichnet. Jeanne ist für den Hof, den er ihr macht, empfänglich und fühlt sich von ihm verraten, als verließe sie ihr Liebhaber… Daher rührt ihre ziemlich gemeine Haltung während der Haussuchung.


Wie fiel Ihre Wahl auf François Berléand und Jean-François Balmer?

Ich fand, dass sie einiges gemein hatten: Sie haben kein überdimensioniertes Ego und zögern nicht, ihr eigenes Image zu ändern. Außerdem hatte Balmer bereits für mich in Madame Bovary und Rien ne va plus gespielt, Berléand hingegen nie! Ich stellte fest, dass er mit allen außer mir zusammengearbeitet hatte! Zudem arbeite ich gern mit Schauspielern aus verschiedenen Bereichen zusammen, nur um dann festzustellen, dass sie sich bereits kennen: z.B. Berléand, der Isabelle Huppert seit ihrem Kinodebüt kennt. Hingegen achte ich immer darauf, dass in meinen Filmen keine Schauspieler spielen, die sich nicht ausstehen können, denn das ist eine Katastrophe… Aus diesem Grund vermied ich es, Berléand zusammen mit Balmer drehen zu lassen, obwohl ich nichts über sie wusste. Anschliessend entdeckte ich, dass sie dicke Freunde sind!


Welche Art Licht wollten Sie für den Film?

Zusammen mit Kameramann Eduardo Serra wollten wir dem Zuschauer zu spüren geben, ob es Morgen oder Abend war. Auch wollten wir um jeden Preis grelles Licht vermeiden. Wir gaben natürlichem Licht den Vorrang.


Haben Sie in real existierenden Bauten gedreht?

Ja, und ich muss zugeben, dass ich das vorziehe, denn die Schauspieler spielen anders in einem Studio als in real existierenden Bauten. Wenn man so nahe wie möglich an der Realität bleiben will, sind echte Bauten besser... Wir haben mehrere geeignete Drehorte im Gerichtsgebäude ausgekundschaftet, um Details aufzufangen, die ihre Wichtigkeit haben, wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Untersuchungsrichterin - diese so mächtige Person - nicht die Haupttreppe benützt, sondern eine Nebentreppe, oder dass das Büro der Richterin nicht so prunkvoll ist. Ich habe auch Délits Flagrants (1994) von Depardon angeschaut, um nicht zu viele Fehler zu machen. Außerdem habe ich den Film von der dienstältesten Untersuchungsrichterin anschauen und für gültig erklären lassen.




Gespräch mit Odile Barski (Drehbuch)



Wie gehen Sie Ihre schriftstellerische Tätigkeit an?

Parallel zur dramaturgischen Arbeit gehe ich sehr viel Informationsmaterial durch. Dazu muss ich sagen, dass meine Soziologenausbildung in dieser Informationseinholungsphase – eine Vorbedingung für jede Schreibarbeit - äußerst nützlich ist. Trotzdem bildet diese Dokumentation lediglich eine Tasche, der ich etwas entnehme: Es bildet das Gerüst des Gebäudes. Mich interessiert jedoch der Gebäudeplan. Ich versuche, den tragischen oder komischen Kernpunkt der Figuren sowie deren Werdegang zu orten: Gibt es in diesem Werdegang etwas so Bestimmtes, dass man von einer zeitgenössischen Welt sprechen kann, die vor der Realität flieht? Eine Fiktion kann von dieser Realitätsflucht ausgehen, damit wir wieder auf dem Boden der Wirklichkeit landen und wenn möglich ein wenig lachen können…


Was hat Sie am Skandal, an den sich der Film anlehnt, interessiert?

Nicht die Tatsache, dass diese viel besprochene Affäre ans Tageslicht kam, sondern die Ereignisse hinter den Kulissen. Jeanne, eine besonders ausdauernde Frau, denkt sich, sie könne in dieser Welt Gerechtigkeit erwirken. Je näher sie ihrem Ziel und einer gewissen Wahrheit kommt, desto mehr entschlüpft ihr diese Wahrheit, genau so wie ihr Leben auch. In diesem Umfeld wird alles – Reichtum wie Gewissen – verschleiert: Jeanne begibt sich auf eine Art Entdeckungsreise, auf der die trügerischen Machtpole sehr weit von ihr entfernt sind.


Aus welchem Blickwinkel betrachten Sie die Figuren im Film?

Mir schien der Identitätsverlust aller Figuren interessant: Keiner ist mehr verantwortlich, keiner muss mehr Rechenschaft ablegen, und diejenigen, die überprüft werden, geben Unwissen vor. Im Gegensatz dazu wähnt sich Jeanne mit heroischer Macht ausgestattet. Sie glaubt, über alles Rechenschaft ablegen zu müssen, auch über diese korrupte Welt. Eine Wahnsinnsaufgabe, mit der sie nie fertig werden wird. Als sie endlich hinter die Wahrheit kommt, nimmt man ihr den Fall weg… In Wirklichkeit ist der Wahn dieser Welt – der im Film gezeigt wird – nichts anderes als Wirtschaftsrausch und ungehemmte Spekulation, die durchdreht und sich klont.


Jeanne hat einen Reinlichkeitsfimmel, zu Hause und auch an der Arbeit…

Absolut. Sie verabscheut Staub und will immer nachschauen, was unter den Teppich gekehrt ist. Ihre Nachforschungen werden ihr zum Verhängnis: Sie möchte aus nächster Nähe eine Realität betrachten, die nur aus größter Entfernung sichtbar ist. Sie sagt sich, dass sie sich Schritt um Schritt der Wahrheit nähern kann und findet Geschmack an diesem berauschenden Marsch...


Jeanne übt auch eine Art gesellschaftliche Vergeltung.

Sie ist im Widerstreit: Sie kommt aus einfachen Verhältnissen, in denen sie ausgenützt wurde. Jetzt will sie diejenigen ausnützen, die sie ausgenützt haben! Es handelt sich also um die Rache einer Frau. Sie rächt sich, weil sie gewisse Gesellschaftsmerkmale nicht besitzt. Dafür hat sie das Strafgesetzbuch! Ein Duell entsteht zwischen den Männern, die vollkommen realitätsfremd geworden sind und einer Frau, die mit beiden Füßen auf dem Boden steht, die jedoch nach und nach den Halt verliert.


Sie verliert den Halt und wird schließlich mit ihrer persönlichen Problematik konfrontiert.

Was ich schön finde, ist der brutale Abschluss der Angelegenheit, weil man sich etwas anderem zuwendet. Mit anderen Worten: Jeanne glaubte, die Stufen der Macht erklommen zu haben. In Wirklichkeit wurde sich jedoch ausgenützt – genau wie diejenigen, die sie ausgenützt haben, einst ausgenützt werden… Schließlich weiß man nicht mehr, woher die Macht eigentlich stammt. Man entzieht ihr ein ihr wichtiges „Spielzeug“, damit sie nicht mehr das Spielzeug des Schicksals ist. Sie wird mit der einzigen Sache konfrontiert, mit der sie nichts anzufangen weiß: ihrem eigenen Leben. Denn der Film handelt auch von einem Paar, das sich entfremdet hat. Am Ende des Films wirft sie das Handtuch. Eine Konfrontation könnte eventuell in einem anderen Bereich als in demjenigen des Skandals stattfinden. Das höchst düstere Paar, das sie mit Philippe bildet, gibt kaum Grund zu Optimismus. Sie wissen nicht mehr, was es bedeutet, miteinander zu sprechen. Sie haben auch keine Kinder, wahrscheinlich weil sie nichts weiterzugeben haben. Jeanne rechnet mit ihrer angeheirateten Familie ab: Sie erklärt ihrem Neffen, dass ihre Schwiegermutter ihr Messer geschenkt hat, die weniger scharf sind als früher. Sie schmerzen sicherlich weniger, weil sie sie nun auf ihre Gegner ansetzt, die in ihren Augen genau gleich sind wie die von ihr seit langem verabscheute angeheiratete Familie.


Jeanne und Humeau sind gar nicht so verschieden.

Beide haben sie keine Elitehochschule besucht; beide sind sie durch Eigenverdienst gesellschaftlich aufgestiegen. Humeau gibt das zu. Jeanne nie. Er widerspiegelt dieses Bild, das von ihr abgelehnt wird. Genau deshalb bittet sie ihn zur Kasse. Es handelt sich um zwei total neurotische Figuren. Zwei Figuren, die symmetrisch aufgebaut sind: Félix und Erika dienen Jeanne als Dolmetscher ihres Umfelds. Um nicht völlig durchzudrehen, muss Jeanne bei jemandem Gehör finden. Sie, die überall Mikros installieren lässt, hätte gern, dass man ihr hin und wieder zuhört. Das verlangt sie, was sie aber nicht daran hindert, den anderen gegenüber hart zu sein. Dieses Spiel verschafft ihr eine bescheidene Genugtuung: Ihres Mannes Sturz aus dem Fenster gegen Ende des Films ernüchtert sie. Sie wird sich dann bewusst, dass nicht jedes Schicksal vorgezeichnet ist: Sie hatte nichts vorgesehen, weil das Leben unvorhersehbar ist.


Ich will niemanden erzittern lassen oder destabilisieren.

Ich versuche nur, auf meine Art die Unabhängigkeit der Gerechtigkeit zu verkörpern.“




Patrick Godeau (Produzent)


GEHEIME STAATSAFFÄREN markiert die zweite Zusammenarbeit von Patrick Godeau mit Claude Chabrol, nach DIE BRAUTJUNGFER. Seit über zwanzig Jahren im Geschäft, gehen zahlreiche Filme auf sein Konto, darunter DER SCHMETTERLING, DAS LEBEN: EINE LÜGE, LOVE, ETC. oder Cédric Kahns SCHLUSSLICHTER. Godeau hat die renommierte Société de Production (PCC) gegründet sowie die Produktionsfirma Aliceleo. Zuletzt produzierte er Fabien Ontenientes CAMPING.




Alfred Hürmer (Koproduzent)


Alfred Hürmer wurde 1949 in München geboren. Er verbrachte einige Jahre in Paris und gründete 1969 mit Patrice Leconte, Bruno Nuytten und Luc Béraud in der Schweiz seine erste Produktionsfirma. Als Kameramann arbeitete er in den 70ern u. a. für Alexander Kluge, Edgar Reitz und Ula Stöckl. Seit 1980 war er Produzent in seinen Firmen Alert Film, Integral Film und Diana Film. In dieser Funktion entstanden Filme für Marcel Carné, Helmut Dietl, Benoît Jacquôt, Jeanine Meerapfel (ANNAS SOMMER), Helma Sanders-Brahms u.a. Für Claude Chabrol produzierte er zusammen mit Patrick Godeau DIE BRAUTJUNGFER.






Isabelle Huppert (Jeanne Charmant Killman)


Geboren 1953 in Paris, verbrachte Huppert ihre Kindheit in Ville d'Avray. Von ihrer Mutter, einer Englischlehrerin, ermutigt, besuchte sie das Konservatorium in Versailles und gewann einen Darstellerpreis für Alfred de Mussets “Un caprice”. Ein Studium am Conservatoire d'Art Dramatique folgte, dem sich eine große Theaterkarriere anschloss. 1971 gab Huppert ihr Leinwanddebüt und wurde schnell zu einem der wichtigsten Gesichter des französischen und internationalen Films. Sie arbeitete mit den großen Regisseuren ihres Heimatlandes, darunter Claude Goretta, Jean-Luc Godard, Maurice Pialat und zuletzt Patrice Chéreau. Für Claude Chabrol stand sie bereits sieben Mal vor der Kamera. Ihr US-Debüt gab Huppert in Michael Ciminos HEAVEN’S GATE. Unvergessen ist auch ihre mehrfach preisgekrönte Darstellung in Michael Hanekes DIE KLAVIERSPIELERIN. Demnächst wird sie in Jerzy Skolimowskis internationaler Produktion AMERICA zu sehen sein.


Filmografie (Auswahl)


1972 Ein charmanter Gauner (LE BAR DE LA FOURCHE) Alain Levent

Cesar und Rosalie (CESAR ET ROSALIE) Claude Sautet

1974 Die Ausgebufften (LES VALSEUSES) Bertrand Blier

1975 Der Richter und der Mörder (LE JUGE ET L’ASSASSIN) Bertrand Tavernier

Unternehmen Rosebud (ROSEBUD) Otto Preminger

1976 Die Spitzenklöpplerin (LA DENTELLIERE) Claude Goretta

1977 Die Indianer sind noch fern (LES INDIENS SONT ENCORE LOIN)

Patricia Moraz

1978 Violette Nozière (VIOLETTE NOZIERE) Claude Chabrol

Süßes Gift (MERCI POUR LE CHOCOLAT) Claude Chabrol

LES DESTINEES SENTIMENTALES Olivier Assayas

1979 Die Schwestern Bronte (LES SOEURS BRONTË) André Téchiné

Rette sich, wer kann (das Leben) (SAUVE QUI PEUT (LA VIE) Jean-Luc Godard

1980 Heaven’s Gate (HEAVEN’S GATE) Michael Cimino

Der Loulou (LOULOU) Maurice Pialat

Die Kameliendame (LA VERA STORIA DELLA SIGNORA DELLE CAMELIE) Mauro Bolognini

1981 Stille Wasser (EAUX PROFONDES) Michel Deville

Der Saustall (COUP DE TORCHON) Bertrand Tavernier

1982 Eine Frau wie ein Fisch (LA TRUITE) Joseph Losey

Passion (PASSION) Jean-Luc Godard

1983 LA FEMME DE MON POTE Bertrand Blier

Die Geschichte der Piera (STORIA DI PIERA) Marco Ferreri

1984 SAC DE NŒUDS Josiane Balasko

1986 Kaktus (CACTUS) Paul Cox

1987 Die Dämonen (LES POSSÉDÉS) Andrzej Wajda

Das Schlafzimmerfenster (THE BEDROOM WINDOW) Curtis Hanson

1990 Die Rache einer Frau (LA VENGEANCE D’UNE FEMME) Jacques Doillon

1991 Madame Bovary (MADAME BOVARY) Claude Chabrol

Malina (MALINA) Werner Schroeter

1992 Nach der Liebe (APRÈS L’AMOUR) Diane Kurys

1993 Amateur (AMATEUR) Hal Hartley

1994 Wahlverwandtschaften (LE AFFINITÀ ELLETIVE) Paolo & Vittorio Taviani

Biester (LA CEREMONIE) Claude Chabrol

1996 Marie Curie – Forscherin mit Leidenschaft

(LES PALMES DE MONSIEUR SCHUTZ) Claude Pinoteau

Poussières d’amour - Abfallprodukte der Liebe

(POUSSIÈRES D’AMOUR) Werner Schroeter

1997 Das Leben ist ein Spiel (RIEN NE VA PLUS) Claude Chabrol

1998 Schule des Begehrens (L’ECOLE DE LA CHAIR) Benoît Jacquot

1999 Die Schule der verlorenen Mädchen (SAINT CYR) Patricia Mazuy

2000 Die Klavierspielerin (LA PIANISTE) Michael Haneke

COMEDIE DE L’INNOCENCE Raoul Ruiz

2001 DEUX Werner Schroeter

‘8 Frauen (8 FEMMES) François Ozon

2002 Wolfzeit (LE TEMPS DU LOUP) Michael Haneke

Ghost River (LA VIE PROMISE) Olivier Dahan

2004 Zwei ungleiche Schwestern (LES SŒURS FACHÉES) Alexandra Leclere

I Heart Huckabees (I HEART HUCKABEES) David O. Russel

2005 Gabrielle (GABRIELLE) Patrice Chéreau

2006 GEHEIME STAATSAFFÄREN (L’IVRESSE DU POUVOIR) Claude Chabrol


PREISE


1978 Bafta als Beste Newcomerin für Die Spitzenklöpplerin

1979 Beste Schauspielerin beim Festival in Cannes für Violette Nozière

1988 Beste Schauspielerin beim Festival in Venedig für Eine Frauensache

1991 Beste Schauspielerin beim Deutschen Filmpreis für Malina

1991 Beste Schauspielerin beim Festival in Moskau für Madame Bovary

1995 Beste Schauspielerin beim Festival in Venedig für Biester

1996 César als Beste Schauspielerin für Biester

2000 Beste Schauspielerin beim Festival in Montreal für Süßes Gift

2001 Beste Schauspielerin beim Festival in Cannes für Die Klavierspielerin

2001 Beste Europäische Schauspielerin in Die Klavierspielerin

bei den European Film Awards

2002 Beste Schauspielerin in einem Ensemble beim Festival in Berlin für 8 Frauen

2002 Beste Schauspielerin beim Festival in Seattle für Die Klavierspielerin

2002 Beste Schauspielerin in einem Ensemble beim Europäischen Filmpreis für 8 Frauen

2002 Golden Taurus der russischen Filmkritiker für 8 Frauen

2003 Film Critics’ Etoile d’or für 8 Frauen

2005 Spezial-Löwe beim Festival in Venedig aus Anlass von GABRIELLE für die schauspielerische Leistung in ihrem Gesamtwerk


THEATER (Auswahl)


On Ne Badine Pas Avec L’amour; Regie: Caroline Huppert (Musset)

Un Mois A La Campagne; Regie: Bernard Murat (Tourgueniev)

Measure for Measure; Regie: Peter Zadek (Shakespeare)

Jeanne Au Bucher; Regie: Claude Regy (Claudel)

Orlando; Regie: Bob Wilson (VirginiaWoolf)

Mary Stuart; Regie: Howard Davies (Schiller)

Medea; Regie: Jacques Lassalle (Euripide)

4.48 Psychosis; Regie: Claude Regy (S. Kane)

Hedda Gabler; Regie: Eric Lacascade (E.Ibsen)










Gespräch mit Isabelle Huppert


Sie haben für Claude Chabrol rein fiktive und auch tatsächlich existierende Figuren gespielt. Gehen Sie Ihre Rollen immer gleich an?

Ja, wenigstens bewusst. Ob es um starke Gestalten in einer kollektiven Fantasiewelt geht, wie z.B. in Madame Bovary oder um noch nie da gewesene Figuren, wie in Rien ne va plus, eignet man sich eine Rolle so schnell an, dass man sogar vergisst, wo sie ihren Ursprung nimmt. Nur so kann man eine vorgeschriebene – zugunsten einer imaginären - Darstellung umgehen, was einer Figur viel mehr Realität verleiht.


Sie spielen eine facettenreiche Person.

Das macht sie ja auch so interessant. Sie stellt die Verbindung zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre her. Sie ist eine hohe Beamtin, verheiratet und mit ihrem jungen Neffen befreundet. Der Film möchte zeigen, wie ein solcher Skandal menschliches Verhalten nicht nur im öffentlichen, sondern auch im Privat- und Gefühlsleben beeinträchtigt.


War das Drehbuch so elliptisch wie üblich?

Vielleicht ein bisschen weniger als La Cérémonie und Merci pour le Chocolat. Aber mir macht es nichts aus, ein Drehbuch zu lesen, das die Geschichte in groben Zügen umreisst, weil das mehr Raum für die Phantasie lässt. Ein allzu detailliertes, fast literarisches Drehbuch macht mich misstrauisch…


Jeanne entdeckt recht spät, dass sie nicht so viel Macht hat, wie sie geglaubt hat.

Diese Entdeckung ist umso schmerzlicher als sie von den Ihren fallen gelassen wird. Es geht dabei nicht einmal so sehr darum, dass ihr die Maschine trotzt, gegen die sie kämpft: man lässt sie von innen heraus fallen, und das ist viel schlimmer – zwar weniger für sie, sondern mehr in Bezug auf die extrem perversen Beziehungen zwischen Politik und Gerechtigkeit, die dadurch sichtbar werden. Daher rührt ihr Satz am Ende des Films: „Die sollen schauen, wie sie zurechtkommen!“


Hat Ihrer Meinung nach Jeanne Mitleid für Humeau, als sie ihn am Ende des Films im Krankenhaus entdeckt?

Zu diesem Zeitpunkt steht nichts mehr auf dem Spiel, und sie ist recht betroffen, ihn so geschwächt zu sehen. Trotzdem hat sie keine Schuldgefühle: Nach außen zeigt sie eine Art Mitleid in Bezug auf das, was sich früher zwischen ihnen abgespielt hat. Irgendwie findet bei ihr eine Art funktionelle Anpassung an die jeweilige Situation statt.


Ihre Accessoires sind besonders sorgfältig ausgewählt: Sie tragen eine rote Handtasche, rote Handschuhe und eine rosa Brille…

Ihre eher originelle Brille ist ein Zeichen der Selbstbestätigung und einer Prise Weiblichkeit. Sie sieht sich gerne in einer repräsentativen Rolle, wovon auch die Theatralität der Vernehmungen zeugt. Außerdem kann man sich besser eine gut gekleidete Richterin als eine adrette Polizistin vorstellen: im Gegensatz zu einem Polizisten braucht ein Richter nicht anonym zu bleiben und kann es sich leisten, leicht identifizierbar zu sein. Er kann Zeichen seiner Macht und seiner Gewissheiten zur Schau stellen. Außerdem trägt Jeannes Eleganz zu ihrer Selbstsicherheit gegenüber den Männern bei, mit denen sie zu tun hat.


Wie haben Sie Ihre Beziehung mit Sibaud erarbeitet?

Sie lässt sich von ihm verführen, rächt sich aber schrecklich an ihm, als sie entdeckt, dass sie von ihm mehr manipuliert wurde als sie ihn manipuliert hat. Es war sehr interessant, die Szene zu spielen, als sie sich dem Reiz seiner Verführung ein wenig hingibt, denn das Publikum muss spüren, dass es sich dabei bei ihr um ein Gefühl handelt, das sie nicht ganz beherrscht und zurückhält. Wie ein kleines Loch im Gerüst ihrer Überzeugungen. Die Beziehung zwischen Jeanne und Félix ist recht verwirrend. Félix ist genau das Gegenteil von ihr. Er genießt den Moment, während sie es genießt zu handeln. Félix’ Haltung macht ihn zu einem guten, verständnisvollen Zuhörer, was Jeanne zum Nachdenken anregt. Denn es handelt sich nicht um passives Zuhören. Man sagt oft, Chabrol spreche wenig mit den Schauspielern. Merkwürdigerweise hat er nie mehr gesprochen als bei diesem Film! Er war scharf bei der Sache und gab mir kleine Hinweise zur Veränderung vorher gedrehter Szenen. Er achtete auf das winzigste Detail. Die Filmatmosphäre ist extrem gespannt, wie ein Bogen, der gleich einen Pfeil abschießt.


Claude Chabrol erwähnt Ihre typische „starke Zerbrechlichkeit“, die er bei keiner anderen Schauspielerin gefunden hätte.

Ich versuche, eine Karikatur zu vermeiden. Nichts ist schlimmer als eine Haltung, welche die mutmaßliche gesellschaftliche oder berufliche Definition einer Figur überspielt. Niemand kann mit seiner Funktion identifiziert werden: Hinter einem Bullen oder einem Richter lebt und atmet immer ein Mensch, der überhaupt nicht der Idee entspricht, die man sich von ihm macht. Mich interessiert es, ständig Stärke und Schwäche zu vermischen. Sogar bei einer Verhandlung, bei der Jeanne Macht verkörpern soll, versuche ich, die Figur nicht pauschal zu interpretieren. Man soll spüren, was sich neben dem Verhör abspielt: Unbewusst entstehen menschliche Verbindungen abseits der Reden und unabhängig von der jeweiligen Position eines Menschen.


Chabrol sagt auch, dass Sie sich vor dem Publikum nicht rechtfertigen wollen, sondern Ihre Rolle voll wahrnehmen, ohne dem Zuschauer gegenüber zu mogeln.

Das ist ein Prinzip, mit dem ich völlig einverstanden bin. Warum sollte man auch versuchen, Gegensätze auszugleichen? Chabrols Heldinnen sind immer eine Spur böse oder hart. Damit spart er nie, denn seine Filme beruhen systematisch auf demselben Prinzip: er stößt eine weibliche Figur in ein feindliches Umfeld – in GEHEIME STAATSAFFÄREN auch – und die Protagonistin gibt wie ein Resonanzkasten die Schwingungen ihrer Umgebung wieder. Sie kämpft und überlebt mit derselben Macht und Gewalt, über die sie die Oberhand gewinnen muss. Oft erfolglos. Claude Chabrols Filme sind nie zynisch. Er ist ein Humanist.




François Berléand (Humeau)


Ehe er Schauspieler wurde, hatte Berléand Wirtschaftswissenschaften studiert und dabei das Theater entdeckt. Noch während des Studiums trat er in dem Erstlingsstück "Sur une plage de l'ouest" auf. Nach seinem Studienabschluss schrieb er sich in der Theaterklasse von Tania Balachova ein. Dort lernte er den Regisseur Daniel Benoin kennen, für den er zwischen 1974 und 1981 in zahlreichen klassischen und zeitgenössischen Inszenierungen spielte. Anfang der 80er Jahre gab er sein Kinodebüt in Alain Cavaliers MARTIN ET LEA. Einige Jahre lang war er mit seiner einprägsamen Physiognomie und seinem stechenden Blick auf Rollen wie Polizeiinspektoren abonniert - wie z.B. in Bob Swaims BALANCE - DER VERRAT oder LES MOIS D'AVRIL SONT MEURTRIERS. Auch Militärs - in LES MILLES - GEFANGEN IM LAGER oder Bertrand Taverniers HAUPTMANN CONAN UND DIE WÖLFE DES KRIEGES - oder Detektive, wie beispielsweise in SUIVEZ CET AVION gehörten zu den Rollen, für die er bevorzugt besetzt wurde.

Einem breiten Publikum wurde Berléand als Psychiater in Benoit Jacquots DER SIEBTE HIMMEL an der Seite von Sandrine Kiberlain bekannt. Seitdem ist seine Popularität ständig gewachsen, er dreht zwischen fünf und acht Filme pro Jahr. Zuletzt war er in Christophe Barratiers DIE KINDER DES MONSIEUR MATHIEU zu sehen und spielte in LE GRAND ROLE, UNE VIE A T'ATTENDRE, LE CONVOYEUR und Alexandra Leclères ZWEI UNGLEICHE SCHWESTERN, zusammen mit Isabelle Huppert.







Filmografie (Auswahl)


1978 MARTIN ET LEA Alain Cavalier

1981 LES HOMMES PREFERENT LES GROSSES Jean-Marie Poire

1982 La Balance – Der Verrat (LA BALANCE Bob Swaim

STELLA Laurent Heynemann

OTE TOI DE MON SOLEIL Marc Jolivet

Zwei Fische auf dem Trockenen (MARCHE A L’OMBRE) Michel Blanc

1984 Streng persönlich (STRICTEMENT PERSONNEL) Pierre Jolivet

1986 Känguruh Komplex – Der Mann mit dem Babytick

(LE COMPLEXE DU KANGOURU) Pierre Jolivet

1988 Auf Wiedersehen, Kinder (AU REVOIR LES ENFANTS) Louis Malles

Camille Claudel (CAMILLE CLAUDEL) Bruno Nuyten

1989 Ein Vater kommt selten allein (UN PERE ET PASSE) Sébastien Grall

1990 Eine Komödie im Mai (MILOU EN MAI) Louis Malle

1991 TABLEAU D’HONNEUR Charles Nemes

1992 A L’HEURE OU LES GRANDS

FAUVES VONT BOIRE Pierre Jolivet

1993 LE JOUEUR DE VIOLON Charlie Van Damme

1994 Der Lockvogel (L’APPAT) Bertrand Tavernier

1995 Das Leben: Eine Lüge (UN HEROS TRES DISCRET) Jacques Audiard

Hauptmann Conan und die Wölfe des Krieges

(CAPITAINE CONAN) Bertrand Tavernier

1996 Fred (FRED) Pierre Jolivet

1997 Der siebte Himmel (LE SEPTIEME CIEL) Benoit Jacquot

LA MORT DU CHINOIS Jean-Louis Benoit

Place Vendome – Heiße Diamanten (PLACE VENDOME) Nicole Garcia

1998 Verhängnisvolles Alibi (EN PLEIN COEUR) Pierre Jolivet

Schule des Begehrens (L’ECOLE DE LA CHAIR) Benoit Jacquot

Romance (ROMANCE) Catherine Breillat

In schlechter Gesellschaft (MAUVAISES FREQUENTATIONS) Jean-Pierre Ameris

1999 UNE POUR TOUTES Claude Lelouch

STARDOME Denys Arcand

LES ACTEURS Bertrand Blier

2000 LA FILLE DE SON PERE Jacques Deschamps

LE PRINCE DU PACIFIQUE Alain Corneau

COMMENT J’AI TUE MON PERE Anne Fontaine

2001 L’ADVERSAIRE Nicole Garcia

Zärtliche Seelen (LES AMES CALINES) Thomas Bardinet

LE FRERE DU GUERRIER ‘ Pierre Jolivet

2002 The Transporter (LE TRANSPORTEUR) Louis Letterier

MON IDOLE Guillaume Canet

EROS THERAPIE Danièle Dubroux

Die Amateure (LES AMATEURS) Martin Valente

2003 Die Kinder des Monsieur Mathieu (LES CHORISTES) Christophe Barratier

POUR LE PLAISIR Dominique Deruddere

UNE VIE A T’ATTENDRE Thierry Klifa

Cash Truck (LE CONVOYEUR) Nicolas Boukhrief

2004 Zwei ungleiche Schwestern (LES SOEURS FACHEES) Alexandre Leclerc

LE PLUS BEAU JOUR DE MA VIE Julie Lipinski

2005 Transporter – The Mission (LE TRANSPORTEUR 2) Louis Letterier

EDY Stephan Guerin-Tillie

  1. GEHEIME STAATSAFFÄREN (L’IVRESSE DU POUVOIR) Claude Chabrol


Gespräch mit François Berléand


Wie sehen Sie Humeau?

Ein Mann aus bescheidenen Verhältnissen, der keine Elitehochschule besucht hat. Ein Selfmademan, der ein hoher Staatsbeamter geworden ist. Diese Dimension gefiel mir besonders gut. Auch interessierte mich Humeaus innere Entwicklung: von seinem unglaublichen Selbstbewusstsein verbunden mit einem Sinn für Pflichterfüllung am Anfang des Films, bis zum Moment, als er schließlich zusammenbricht.



Er hat etwas Treuherziges an sich...

Genau. Er findet es nicht schlimm, die Firmenkreditkarte zu benützen. Er findet, dass er als Leiter einer grossen Gesellschaft nicht seinem Wert gemäß entlohnt wird, und es also eine legitime Kompensation ist. Als er die Leitung der Gesellschaft übernimmt, gibt er sich damit zufrieden, das Benehmen seiner Vorgänger nachzuahmen, wie zum Beispiel die Finanzierung politischer Parteien. Im Grunde genommen ist er nichts weiter als eine Sicherung, die durchbrennt, als er von der Richterin vorgeladen wird.


Fast hat man den Eindruck, Sie hätten ihn lieb gewonnen.

Ja, und dazu stehe ich! Ich verstehe gar nicht, warum er so unerbittlich verfolgt wurde. Lange Zeit war kein Mensch empört, dass ein Minister so viele Naturalvorzüge genoss, gleichzeitig verfolgte man einen großen Firmenboss, weil ihn seine Kollegen fallen ließen. In Wirklichkeit hat er für alle anderen bezahlt, die immer noch frei herumlaufen. Diesen Zug findet man in meiner Figur wieder, die dadurch furchtbar bemitleidenswert und menschlich wird.


Was halten Sie von der Figur Jeannes?

Eine äußerst gefährliche Frau! Es war sagenhaft, wie sich Isabelle Huppert diese Figur zu eigen machte: voller jubelnden Boshaftigkeit, mit einem furchtbaren Blick und einer Stimme, die bald grausam, bald sanft klang. Als wir zusammen probten, sagte ich mir, dass sich die Konfrontationen wirklich so abgespielt haben mussten.


Sie verstehen sich ausgezeichnet mit Isabelle Huppert.

Wir kennen uns seit unserem 14. Lebensjahr! Wir haben in ein paar Filmen zusammengespielt, zum Beispiel in L’Ecole de la Chair von Benoît Jacquot oder Les Soeurs Fâchées von Alexandra Leclère. Dies war aber das erste Mal, dass wir einander gegenüber standen und mehrere Schlüsselszenen drehten. Während der Dreharbeiten der Verhörszenen hatten wir nur wenige persönliche Gespräche, denn Isabelle muss sich voll auf ihre Figur konzentrieren können. Außerdem hätte unser gutes Einvernehmen die Konfrontation erschweren können. Bei den Szenen im Krankenhaus gegen Ende der Dreharbeiten sank unsere Spannung ein bisschen und wir konnten es ein wenig lockerer nehmen.


Ich komme aus einem Milieu, das den Wert der Arbeit zu schätzen weiß, gnädige Frau.“




Patrick Bruel (Sibaud)


Geboren 1959 in Tlemcen im heutigen Algerien als Patrick Maurice Benguigui. Bruel besuchte das Lycée Henry IV in Paris und jobbte vor seiner Schauspielkarriere im Club Mediterranee. Der Vater von zwei Kindern gab sein Filmdebüt 1979. In Frankreich machte er sich nicht nur als Schauspieler in über 40 Rollen einen Namen. Bruel ist auch ein berühmter Sänger (EINE AFFÄRE IN PARIS) und Komponist. Zuletzt stand Bruel in Claude Millers UN SECRET vor der Kamera.




Filmografie (Auswahl)


1982 MA FEMME S’APPELLE REVIENS Patrice Leconte

1983 LE GRAND CARNAVAL Alexandre Arcady

1984 Zwei Fische auf dem Trockenen (MARCHE A L’OMBRE) Michel Blanc

1986 Zeit des Verbrechens (ATTENTION BANDITS!) Claude Lelouch

Ein Tag in Paris (SUIVEZ MON REGARD) Jean Curtelin

1988 Das ermordete Haus (LA MAISON ASSASSINEE) Georges Lautner

1989 Waffenbrüder (L’UNION SACRÉE) Alexandre Arcady

Der Preis der Freiheit (FORCE MAJEURE) Pierre Jolivet

1990 So sind die Tage und der Mond (IL Y A DES JOURS ... ET DES LUNES) Claude Lelouch

1992 Sweetheart (TOUTES PEINES CONFONDUES) Michel Deville

1993 Doppelte Tarnung (PROFIL BAS) Claude Zidi

1995 101 Nacht – Die Träume des M. Cinema

(LES CENT ET UNE NUITS DE SIMON CINEMA) Agnès Varda

Sabrina (SABRINA) Sydney Pollack

1996 LE JAGUAR Francis Veber

1998 Abseits (HORS JEU) Karim Dridi

1999 Get the Dog – Verrückt nach Liebe (LOST & FOUND) Jeff Pollack

2001 Pretty Things (LES JOLIES CHOSE) Gilles Paquet-Brenner

Milch der Zärtlichkeit (LE LAIT DE LA TENDRESSE HUMAINE) Dominique Cabrera

2004 UNE VIE A T’ATTENDRE Thierry Klifa

2006 GEHEIME STAATSAFFÄREN (L’IVRESSE DU POUVOIR) Claude Chabrol




Gespräch mit Patrick Bruel


Dies ist Ihr erster Dreh mit Claude Chabrol.

Ich mag seine Welt sehr und hatte von der wunderbaren Atmosphäre während der Dreharbeiten gehört. Ich hoffte, dass er mich einst besetzen würde... Unser Zusammentreffen kam durch einen glücklichen Zufall zustande: Ich las mit François Berléand ein Stück durch, als er mir sagte, dass er bald mit Chabrol drehen würde. Als ich ihm gestand, wie gern ich mit ihm arbeiten würde, erwiderte er, es gebe noch eine unbesetzte Rolle. Da ich mich zu jenem Zeitpunkt gerade in La Baule aufhielt, ganz in der Nähe von Claude, haben wir zusammen gegessen. Kurz darauf übergab er mir das Drehbuch: das war ein Traum!


Wie würden Sie Claude Chabrols Anleitung der Schauspieler definieren?

Ich begriff, dass er von mir verlangen konnte, was er wollte. Seine Angaben fanden bei mir sofort Anklang. Ich hatte gehört, dass Claude die Schauspieler nur wenig anleitet. Das stimmt nicht: Er leitet sie auf seine Art an, ohne viele Worte zu verlieren, mit einem kurzen Satz hier und da, einem Lachen oder einem Blick. So kriegt er, was er will…


Wie verliefen die Dreharbeiten?

Claude hat ein Team von Mitarbeitern um sich geschart, die sich alle kannten. Als ich unter diese Leute trat, die sich seit Jahren kannten, fühlte ich mich erst wie ein kleiner Junge, doch ich war bald integriert. Jeden Tag machte ich Claude Vorschläge, dessen Antwort lautete: "Sehr gut, das ist ein Plus."


Haben Sie sich über die Figur dokumentiert?

Ich habe mich eher bei den Menschen, die Sibaud kennen, über die Figur dokumentiert. Abgesehen davon habe ich versucht, die Figur so darzustellen, wie Chabrol es wollte, ohne mich allzu sehr an der Realität anzulehnen.


Noch nie hat man Sie in einer so negativen Rolle gesehen. Sie spielen einen Banditen mit Anzug und Krawatte…

Ja, obwohl er die Firma verlassen hat, nachdem er ohne den geringsten Skrupel 34 Millionen Euros eingesteckt hat. Er ist unverschämt, er ist niemandem gegenüber loyal, und doch hat sein Vorgehen nichts Sträfliches in den Augen der Justiz. Ein recht guter Gegenspieler, jedoch sicherlich kein angenehmer Partner.


Ihre manipulierende und verführerische Beziehung zu Jeanne, gespielt von Isabelle Huppert, ist verwirrend…

Meine Figur will das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Sibauds ganze Strategie zielt darauf ab, die Macht, welche die Richterin geltend macht, zu unterminieren. Als er feststellt, dass sie ihm widersteht, gibt das seinem überdimensionierten Ego einen Schlag…



Sie spielen zum ersten Mal eine Hauptrolle gegenüber Isabelle Huppert.

Ich hatte grosse Lust, mit ihr zu spielen. Es war sehr schön, beim Dreh Isabelles und Claudes Zusammenarbeit und ihr stilles Einverständnis zu beobachten. Sie siezt ihn, ein Zeichen ihres Respekts des Pygmalion-Pakts zwischen den beiden. Gleichzeitig zeigt sie sich distanziert und humorvoll, wie um zu zeigen, dass die Symbiose zwischen ihnen ständig erneuerbar ist.


Wie sehen Sie die Figur Jeannes?

Sie erinnert mich an ein Tier, das seine Beute nicht mehr loslässt, wenn es sie mal geschnappt hat. Sie benützt alle ihre Waffen: Charme, Härte, Gewalt, die Fähigkeit, den Gegner zu destabilisieren, etc. Die Figur wird von einer beeindruckenden Schauspielerin dargestellt.


Ich gebe doch gar nichts in meinen Computer ein, nur ein paar Golfschläge. So kann ich mein Handicap ermitteln.“




Gespräch mit Robin Renucci (Philippe)


Nach Masques drehen Sie zum zweiten Mal für Claude Chabrol. Was hat Sie am Drehbuch interessiert?

Ich mag, dass Chabrol ein Individuum betrachtet und dabei ein Gesellschaftsthema aufgreift. Er will, dass die Schauspieler Menschlichkeit und Wahrheit in ihre Rollen einbringen, damit sich das Publikum zurechtfindet. Ich glaube, das Kino hat die Fähigkeit, ein Licht auf die gesellschaftlichen Begebenheiten zu werfen, die Allgemeingut sind und oft von den Medien manipuliert werden: Aufgrund einer Inszenierung eines Regisseurs wie Chabrol wird dem Bürger und Zuschauer die Möglichkeit gegeben, seine Gesellschaftskritik und seinen Blick zu schärfen. Denn meiner Meinung nach macht Chabrol echtes Politkino.


Wie haben Sie Ihre Rolle erarbeitet?

Philippe ist ein Kontrapunkt. Ich habe die innere Wahrheit dieses Mannes zeigen wollen, der stumm leidet. Er wird von ohrenbetäubend lauten Rednern zermalmt, die geschickt mit Sprache und Konzepten umzugehen wissen. Für mich besitzt dieser Mann eine seltene Seelengrösse und ich sehe ihn wie einen dunklen Pol in einem grellen Umfeld. Diese Dimension wollte ich herausbringen, ohne dass Chabrol und ich das ausdrücklich besprochen hätten. Es ist sowieso unnötig, mit ihm zu paraphrasieren.


Philippe lebt nicht in derselben unmittelbaren Realität wie Jeanne...

Philippe erinnert mich an ein Chanson von Aznavour, Mourir d’Aimer: „Die Wände meines Lebens sind glatt/Ich klammere mich daran fest, aber ich gleite ab“. Die Ereignisse im Film gleiten an ihm ab und verschwimmen. Eigentlich sollte er gar nicht da sein, denn - meiner Ansicht nach - ist er lediglich ein Bruchstück im Leben seiner Frau. Er klammert sich an einer Realität fest, die bereits aus seiner Existenz verschwunden ist. Außerdem ist er ein Forscher, der – im Gegensatz zu Jeanne, deren Ermittlungen im hellen Tageslicht stattfinden – seine Nachforschungen im Dunkeln betreibt und die Grenzen des Bekannten verschiebt.


Haben Sie sich über den Mann, an den sich Ihre Figur anlehnt, informiert?

Ich habe vor allem meine Erinnerungen über sein Leben benützt. Was mich interessierte: Ich denke, im Allgemeinen stellt sich der Zuschauer vor, dass Kinofiktion über die Realität hinausgeht. In diesem Fall hat jedoch bestimmt das Leben die Fiktion übertroffen. Ich denke, dieser Mann hat persönlich viel mehr gelitten als meine Figur.


Der Gegensatz zwischen Jeanne und Philippe ist ein echtes Chabrol-Thema: die Mesaillance zweier Klassen.

Absolut! Wir hatten übrigens ein Hochzeitsfoto gemacht – das man im Film nicht sieht – wo wir als junges Ehepaar posieren. Bei Philippe ist eine gewisse Selbstsicherheit zu erkennen, während sie eher zerbrechlich wirkt. Dieses Foto half uns, am Klassenunterschied zu arbeiten.


Wie sehen Sie die Figur Jeannes?

Sie ist ambivalent: Ihre Arbeit dient einerseits ihrer eigenen Bürgerwachsamkeit und andererseits ihrem Ruf und ihrem Machtstreben. Für mich ist Jeanne wie eine Türecke: ein winziger Ort – und eine winzige Frau – die plötzlich außergewöhnliche Macht besitzt. Eine Ecke kann den Zugang zu einem Safe bilden. Etwas Zerbrechliches, das riesige Schlösser explodieren lassen kann.


Wie hat Claude Chabrol Sie angeleitet?

Bei Dreharbeiten mit Claude Chabrol werden normalerweise nur wenige Einstellungen gemacht. Die Kamera wird am einzigen für eine spezifische Einstellung geeigneten Ort aufgestellt. Diese Einstellung erzählt dann ihre eigene Geschichte im Filmpuzzle, anstatt nachher mit dem Schnitt die Geschichte aufzubauen. Ich habe den Eindruck, dass der Schauspieler in einer Einstellung eine gewisse Emotion oder einen Blick spielen muss, die sonst nirgendwo im Film mehr vorkommen wird. Das Kolorit, das man einer Einstellung verleiht, wird also nie von anderen Aspekten gedämpft. Die Einstellung zeigt dem Schauspieler, was er zu tun hat. Deswegen braucht Chabrol auch nicht viel mit den Schauspielern zu reden.

Wir sind zwei Geister, die sich ab und zu in einer überwachten Wohnung kreuzen. Wer bin ich für dich? Weißt du es?“




Gespräch mit Maryline Canto (Erika)


Wie nahmen Sie die Idee auf, eine Untersuchungsrichterin zu spielen?

Ich erinnere mich, dass im Drehbuch schon in meiner ersten Szene stand: „Die werden wir uns schnappen, verdammt nochmal!" – was typisch Chabrol ist! Eine Figur mit einer gewissen Autorität wird schnell als derb hingestellt. Mit anderen Worten: Claude präsentiert die Position einer Figur und gleich danach das Gegenteil dieser Position, was die Situation entdramatisiert und der Rolle eine wunderbar persönliche Note verleiht! Diese pikante Mischung entspricht und passt mir sehr gut…


Unerwartet schnell knüpfen Sie eine freundschaftliche Beziehung mit Jeanne.

Erika und Jeanne rivalisieren eingangs irgendwie miteinander. Bald ziehen sie aber am selben Strang. Ich mag, dass die Beziehung zwischen den beiden Richterinnen eine Art Atempause in diesem äußerst grausamen Umfeld bildet, in dem Sinn, dass sie einfach über den Genuss sprechen, den ihnen ihre Arbeit bereitet. Sie lieben ihren Beruf und feuern sich gegenseitig an. Zwischen ihnen besteht wahrer Teamgeist und eine unbändige Freude an der Untersuchung. Als sie zum Beispiel sagen: „Gehen wir Humeaus Frau besuchen, das wird uns zerstreuen“, ist das aufrichtig und ohne jeglichen Spott gemeint.

Ist Erika Ihrer Meinung nach immun gegen Macht?

Es ist ein bisschen so wie in der Gegenwart eines Königs, der sein Licht um sich wirft. Sie weiß, dass sie an der Seite einer mächtigen Frau arbeiten wird, die auf dem Titelblatt aller Zeitungen steht. Ich sehe sie jedoch vor allem als eine Frau, die glücklich ist, mit einer intelligenten und erfahrenen Person arbeiten zu können. Erika spürt, dass sie dank ihr viel lernen wird.


Isabelle Huppert und Sie selber sind zwei schmächtige Frauen, die man den Raubtieren aussetzt…

Das ist ein Aspekt, der Claude Chabrol interessierte. Tatsächlich sind wir beide von kleinem Wuchs und in einer Männerwelt. Man soll aber nicht auf den äußeren Eindruck gehen. Die beiden sind zwei authentische, zielstrebige Frauen, die jedoch eine jugendliche Seite beibehalten haben, sieht man sie doch genüsslich und lachend zusammen Carambar-Stengel essen!


Haben Sie sich über den Skandal informiert?

Ich habe mehrere Archivdokumente durchgesehen, ohne mich dabei auf die Richterin zu konzentrieren, an die sich meine Figur anlehnt. Dadurch erfuhr ich mehr über die Hintergründe des Skandals. Wenn ich in einem Film mitspiele, lerne ich gern Neues aus den verschiedensten Bereichen dazu. Wie zum Beispiel über Depression, als ich in Dominique Cabreras Le Lait de la Tendresse Humaine mitspielte… Trotzdem sagte ich mir, dass ich nicht eine reelle Person, sondern diejenige im Drehbuch spiele. Als ich Claude fragte, was er denn darstellen wolle, sagte er: „Nichts.“ Er wollte einfach, dass ich mir die Rolle verinnerliche und mich nicht von bestehenden Fakten beeinflussen lasse. Ich sollte mich der Idee der Figur, die er im Kopf – jedoch nicht definiert - hatte, annähern und selber finden.


Ich sage nicht, es sei moralisch, ich sage nur, sie haben ordnungsgemäß bezahlt.“




Gespräch mit Thomas Chabrol (Félix)


Wie sehen Sie Félix?

Für mich ist er der Cousin von Matthieu Lartigue in La Fleur du Mal – ein Cousin, der wider Willen einem vorgezeichneten Weg für Absolventen der ENA (Hochschule für hohe Verwaltungsbeamte) gefolgt ist. Man könnte sich die beiden tatsächlich gut an der ENA vorstellen, der eine drauf und dran, ein Leben lang Handtuchdienst zu leisten, der andere ein kluger Kopf, der sehr schnell das System durchschaut und beschließt, zu verduften. Mir gefiel es, die Figur von diesem Gesichtspunkt aus anzugehen.


Finden Sie, er sei „ein glücklicher Mensch“, wie es sein Name andeutet?

Für mich weist sein Vorname vor allem auf die Last hin, die man ihm seit seiner Geburt aufgebürdet hat, die wie ein Befehl klingt: „Félix, dein Weg ist vorgegeben - erst die Elitehochschule, dann deine Limousine mit Chauffeur…“ Er ist glücklich, weil er nicht materialistisch ist. Dies ermöglicht es ihm, unbelastet seine Sinne für die Ereignisse um sich herum zu schärfen. Félix liebt den Kontakt mit seinen Mitmenschen, selbst wenn es nur vier Personen um einen Pokertisch sind. Wenigstens liegen die Karten und die Kohle auf dem Tisch und nicht darunter.


Félix ist eine Art Antithese zu Jeanne.

Ja, auch wenn Jeanne sich ein wenig an ihrer Hierarchie stößt. Félix verkörpert möglicherweise einen Charakter, wie sie ihn gerne beibehalten hätte. Zwischen ihnen spielt sich eine Art intellektuelle Verführung ab. Ich denke, Félix zieht diese fast brüderliche Beziehung einer leidenschaftlichen Affäre vor. Mir gefiel der Gedanke, dass er sich weigert, genau der Kategorie Mann anzugehören, mit der Jeanne in ihrem Beruf zu tun hat. Lieber will er Scipio als Caesar sein, auf die Gefahr hin, sein Lager abfackeln zu müssen. Ihrerseits sieht Jeanne in Félix ihren Mann Philippe fünfzehn Jahre früher. Es ist also ziemlich verwirrend, ein Lächeln oder einen Gesichtsausdruck wieder zu finden, die sie früher an ihrem Mann gemocht hatte. Diese Spannung in ihrer Beziehung - immer auf Messers Schneide - begeisterte mich: zu wissen, dass die Beziehung jederzeit umschwenken könnte, was aber nie geschah, war ein großer Genuss, unter der Bedingung, dass beide Figuren damit einverstanden waren.


Sie, der Einzige aus Jeannes Privatsphäre, durchdringen ihre Berufswelt…

Richtig. Er stellt eine Art Gewissen dar, das Jeanne aus dem Labyrinth führt, in dem sie sich verirrt hat. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass Félix Erika für ein Pokerspiel wieder sieht. Erika und Félix verkörpern eine Art Luftraum, der es Jeanne ermöglicht, zu atmen und etwas Abstand zu gewinnen.


Wie sehen Sie Jeanne?

So beeindruckend sie ihre Akten bewältigt, so schlecht meistert sie ihr Privatleben. Jeanne will alles beherrschen, aber es entgleitet ihr. Es ist spannend, eine Person mit so viel Macht zu sehen, die aber unfähig ist, ihren Alltag zu meistern. Sie muss etwas beweisen, umso mehr als sie eine Frau in einer verantwortungsvollen Position in einer Männerwelt ist.


Ich habe eleganterweise drei Geisteshaltungen. Ich bin an keinen Stundenplan gebunden, ich bin ungezwungen und ich amüsiere mich."




Gespräch mit Jean-François Balmer (Boldi)


Wie kamen Sie zu diesem Film?

Das ist der vierte Film, den ich mit Claude Chabrol drehe. Im Prinzip genügt ein Anruf von ihm, und ich sage zu. Ich vertiefe mich erst nachher in die Rolle. Chabrol ist einer der wenigen Regisseure, für den ich jede Rolle spielen würde, ob Bulle oder Ganove...


Könnten Sie definieren, wie er die Schauspieler anleitet?

Dem Augenschein nach gibt uns Chabrol überhaupt keine Anweisung. Aber das Schweigen dieses Mannes spricht Bände. Durch sein Schweigen und seine fehlende Kommentare leitet er uns extrem an. Man versteht also genau, was er will. Für mich ist er einer der rarsten Regisseure, die es gibt: er scheint den Schauspielern sehr viel Freiheit zu lassen, leitet sie jedoch (stumm) enorm an.


Wie verliefen die Dreharbeiten?

Es ist fast ein Gemeinplatz, dies zu sagen, aber es ist ein unheimliches Vergnügen, für einen Regisseur wie Chabrol zu spielen. Das Lächeln auf dem Gesicht aller Personen auf dem Set zeugt davon. Es kommt auch daher, dass Claude seinem technischen Team treu ist, mit dem Resultat, dass es Neue wie Alte ebenso freut, sich auf seinen Sets zu sehen.


Sie spielen eine Figur, die der Realität entspringt…

Bei einem Dreh mit Chabrol kommt es nicht darauf an, ob man eine reelle oder eine total fiktive Figur darstellt. Doch hatte ich nur eine Szene in GEHEIME STAATSAFFÄREN zu spielen. So eine kurze Beteiligung finde ich immer sehr schwierig: Man ist nur einen halben Tag lang da und darf es nicht verpatzen... Wird man jedoch von einem Regisseur wie Claude angeleitet, fühlt man sich völlig sicher.


Er ist auf dem Laufenden, ohne auf dem Laufenden zu sein, und doch ist er es. Er hat die Aufgabe, zu unterschreiben. Er hat Vertrauen. Er schaut nicht, er unterschreibt. Er spuckt ins Becken wie die anderen, sonst ist er ein toter Mann.“






Gespräch mit Jacques Boudet (Descarts)


Was hat Sie am Drehbuch interessiert?

Das Drehbuch hat mich begeistert, weil er auf einen traurig-berühmten Skandal anspielt und gleichzeitig wunderbare Schauspielrollen schafft. Als Schauspieler hat man manchmal Lust, Dialoge ein wenig abzuändern, um sich mehr damit zu identifizieren. In Claudes Drehbuch will man sie lediglich so verwenden, wie sie dastehen, weil sie von einem guten Theaterschriftsteller fachspezifisch geschrieben worden sind. Die Stärke der Figuren rührt daher, dass sie fiktiv sind, aber ihren Ursprung in der uns bekannten Realität haben. Sobald ich das Drehbuch gelesen hatte, wusste ich, dass ich diese Rolle genießen würde.


Wie haben Sie sich Ihre Rolle angeeignet?

Zufällig lernte ich meinen Text zum Zeitpunkt der Referendumskampagne über das Projekt der europäischen Konstitution. Ich hörte Debatten mit pointierten Formeln und hatte das Gefühl, dass sich abseits der Streitfrage um die Abstimmung ein Kampf um Macht abspielte. Ich gebe zu, dass es meiner Rolle gedient hat, Politiker zu beobachten, denen es eher darum ging, eine Schockformel zu finden als die Lage zu analysieren - ein bisschen à  la Chabrol, der sich von der Realität und vom Fernsehen inspirieren lässt.

Haben Sie sich über den Skandal informiert?

Ich verfolgte den Skandal und dessen unglaubliche Entwicklungen wie einen Fortsetzungsroman, habe mir aber nicht speziell für den Film Unterlagen beschafft. Wenn man Figuren darstellt, die sich an der Realität anlehnen, bleibt das Drehbuch ausschlaggebend, finde ich. Es geht vor allem darum, sich darauf zu konzentrieren, was Claude Chabrol aus der wirklichen Geschichte gemacht hat.


Sie stellen eine Art Mafiapate dar…

Mit dieser Figur berührt man über jeden Verdacht erhabene Mafiaverbindungen, die auf den SAC (Service d'Action Civique, rechtsextreme Bewegung in Frankreich) und auf die Zeit des Algerienkrieges zurückzuführen sind. Aus diesem Grund hat man den Eindruck, dass man nie zum Kernpunkt des Skandals vorrücken kann und dass die Strukturen bestehen bleiben, was auch immer geschieht. Eine Kraftprobe findet zwischen der republikanischen Justiz und diesen Schattenmännern - darunter meine Figur - statt. Der endgültige Ausgang bleibt ungewiss.


Man spürt, dass Ihnen diese Rolle wirklich Spaß gemacht hat.

Hauptsächlich, weil Chabrol selber es genossen hat, die Dialoge zu schreiben. Für einen Schauspieler ist es eine wahre Freude und ein Wie-sich-Austoben, eine Rolle zu interpretieren. Ich bin einer jener Schauspieler, die gerne genau das darstellen, was sie im Leben nicht sind: Es freut mich immer wieder, den Halunken, den man vielleicht ins Innerste verdrängt hat, zu sublimieren und der Irritation, die man gewissen Personen entgegenbringt, Luft zu machen.


Wie sehen Sie Jeanne?

Sie ist eine Frau, die hart darum gekämpft hat, die Sprossen der sozialen Leiter zu erklimmen. Sie hat die Demütigungen eines bürgerlichen Milieus hinnehmen müssen, was sie dazu anstachelt, große Köpfe rollen zu sehen. Sie hat wohl eine rachsüchtige Seite, aber auch eine Art Kampflust, wie sie nur jemand mit einem harten Vorleben haben kann. Sie befindet sich in einem Krieg und kann tugendhaft hohe Bonzen zu Fall bringen. Was gibt es Schöneres als Aggressivität im Dienst der Tugend?


Beschreiben Sie das Klima während der Dreharbeiten.

Claude Chabrol ist ein glücklicher Mensch, der außerdem die Gabe hat, dieses Glück den anderen zu vermitteln. Wer würde glauben, dass dies sein 53. Film ist? Er ist von Angehörigen und engen Freunden umgeben, und vor allem ist er in der Kinowelt „zu Hause“. Zur Bestätigung, dass eine Sequenz gut war, sagte seine Tochter oft zu uns: „Das war gut. Chacha hat gelacht!“


Sehen Sie, jeder muss auf seine Rechnung kommen, sonst entsteht Bitterkeit."

Gespräch mit Philippe Duclos (Holéo)


Nach Die Brautjungfer drehen Sie zum zweiten Mal mit Claude Chabrol.

Claude Chabrol hatte mich im Telefilm De Gré ou de Force „entdeckt“. Es gefiel mir, dass er mir ein Stück einer eben gedrehten Szene zeigte, damit ich verstünde, was er genau wollte. Er wandte sich also an mich als Schauspieler und als Zuschauer. Das ist eine konkrete und weit wirksamere Arbeitsmethode als jede psychologische Erklärung einer Figur, die einem Schauspieler kaum etwas nützt.


Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Beim ersten Durchlesen des Drehbuchs fielen mir eine Reihe technischer Details auf, die ich nicht verstand. Also dachte ich mir, ich müsste mir über den Skandal Unterlagen beschaffen. Ich ging Bücher und Archivmaterial durch, bis ich mir bewusst wurde, dass es sehr kompliziert ist, einen Mann zu spielen, dem Millionen durch die Hände gehen und der keine Ahnung vom Wert des Geldes hat. Dies ist eine Dimension, die über jegliche Psychologie hinausgeht und sehr schwierig zu interpretieren ist. Ich habe die Rolle also mehr unter einem behavioristischen als einem psychologischen Gesichtswinkel erarbeitet.


Holéo wirkt umso eisiger als er immer fast kriecherisch höflich bleibt.

Ich lehnte mich an zwei ehemalige Arbeitgeber an. Der eine war verwirrend, weil er extrem freundlich und zugleich unglaublich kaltblütig war; der andere war eine Art manierierter Playboy von faszinierender Eleganz. Claude Chabrol wünschte, dass meine Frisur derjenigen von Luc Ferry glich! Meine Figur ist also eine verblüffende Mischung, und ich muss zugeben, dass ich noch nie so sehr an einer Kinorolle gearbeitet habe! Der Unterschied zwischen der Figur und mir wäre weniger groß gewesen, wenn ich einen Arbeiter oder einen Bauer hätte spielen sollen...


Beschreiben Sie Claude Chabrols Anleitung der Schauspieler.

Er gewährt ihnen totale Freiheit, zögert jedoch nicht einzuschreiten, wenn er es nötig findet. Das ist sehr verwirrend, denn das zeigt, dass er den Schauspielern total vertraut. Gleichzeitig lastet damit aber auch eine große Verantwortung auf den Schultern des Schauspielers.


Wie filmte Claude Chabrol die Verhörszenen?

Ich habe noch nie mit einem Regisseur gearbeitet, der sich so wenig „eine Hintertür offen lässt“. Wenn man mit einem weniger erfahrenen Regisseur dreht, wird die Szene zehnmal aus 10 anderen Blickwinkeln gedreht, was übrigens für den Schauspieler äußerst ermüdend ist. Im Gegensatz dazu dreht Claude – genau wie Hitchcock – nur gerade das, was er benötigt, eben weil er sich „keine Hintertür offen lässt“. Beim ersten Verhör, zum Beispiel, war die Kamera im Profil. Ich wusste, welche Brennweite er benützte, was mir beim Spielen der Szene half. In Wirklichkeit hat Claude vor dem Dreh einen ganz präzisen Aufnahmeplan im Kopf, was ihn aber nicht daran hindert, hin und wieder zu improvisieren. Deshalb fühlte ich mich bei den Verhören total ruhig, denn ich wusste, dass der Regisseur ganz präzise wusste, welche Art Effekt er erzielen wollte.



Wie sehen Sie die von Isabelle Huppert interpretierte Figur?

Man kann gut sagen, es handle sich um eine Macht besessene Frau, denn es braucht trotz allem verdammt viel Schneid, um dem Justiz- und Politikapparat, der diese der Untersuchung unterzogenen großen Arbeitgeber unterstützt, die Stirn zu bieten, vor allem da sie sich in einer Männerwelt befindet. Hut ab!


Man kann nicht alles mit dem Computer erledigen, Herr Präsident.“

 


   
                                                                                                                       110 Min

Claude Chabrol, der Großmeister der bissigen Gesellschaftsanalyse, packt mit GEHEIME STAATSAFFÄREN ein besonders heißes Eisen an: sein von ihm selbst ausdrücklich als Fiktion ausgewiesener Polit-Thriller ist inspiriert von der wahren Geschichte um die Affäre der international operierenden Öl-Gesellschaft Elf Aquitaine, die in den 90ern Frankreich erschütterte. In den Polit-Skandal um immense Bestechungssummen waren hochrangige Politiker verwickelt.

Aktueller und packender kann Kino nicht sein in Zeiten zunehmender Globalisierung und immer undurchschaubarer werdender politischer Transaktionen. Von der Thematik her ein typischer Chabrol: Es geht um Macht, Machtmissbrauch und die Barrieren der Klassengesellschaft. Bereits zum siebten Mal spielt Chabrols „Muse“, die vielfach preisgekrönte Ausnahmeschauspielerin Isabelle Huppert, in einem Film des Meisterregisseurs. In einer Rolle, wie man sie noch nicht gesehen hat: Als unerschrockene Richterin und erfolgreiche Karrierefrau, die sich in einer nach wie vor von Männern beherrschten Domäne behauptet und dafür im Privatleben einen hohen Preis zu zahlen hat.

Doch der Film zeigt nicht nur die Verführung durch Macht, vor der auch die integre Richterin nicht gefeit ist. Er erzählt auch die Geschichte eines Paares, das sich entfremdet hat und in eine bedrohliche Krise schlittert. Nicht zuletzt aber ist er eine kraftvolle Metapher für das Gefüge aus Schiebung und Bestechung, das immer mehr das öffentliche Leben bestimmt. Der Zynismus von Entscheidungsträgern, die ohne mit der Wimper zu zucken mit öffentlichen Geldern spielen und sich ohne Unrechtsbewusstsein bereichern. Wenn die Realität die Fiktion noch übertrifft, ist Chabrol in seinem Element. Aber selbstverständlich gilt, was der Regisseur am Anfang von GEHEIME STAATSAFFÄREN konstatiert: dass Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Ereignissen „natürlich rein zufällig“ wären.



Inhalt


Der Stress geht an Humeau (FRANCOIS BERLEAND) nicht spurlos vorüber: Der Chef eines großen Industrieunternehmens, das u.a. Geschäfte mit afrikanischen Entwicklungsländern abwickelt, hetzt von Termin zu Termin, ist nervös und allergiegeplagt. Als er sein Büro verlässt, wird er vor der Tür von der Polizei erwartet und abgeführt. Humeau wandert ins Santé-Gefängnis in Untersuchungshaft.



 


 

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