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FUFIS #141: Heike Makatsch - Gott, du kannst ein Arsch sein

 
 

Sie ist jetzt schon eine Ikone der deutschen Filmlandschaft und dabei so locker wie die nette Nachbarin von nebenan. Heike Makatsch hat das geschafft, von dem viele andere Schauspielerin nur träumen. Sie bekommt coole Rollen und bleibt nicht in einem Genre oder an einem Charaktertypen hängen. Das zeigen zum Beispiel ihre Rollen aus All-time-Favorites wie Tatsächlich Liebe oder Resident Evil. Aber auch große Kinoproduktion wie zum Beispiel Hilde oder die Bücherdiebin. Ihr neuer Film Gott, du kannst ein Arsch sein, thematisiert den Tod, zeigt aber auch, wie wundervoll das Leben ist. Wir haben uns mit ihr unterhalten und haben Sie mal gefragt, nach welchen Kriterien sie ihre Rollen aussucht.

Im besten Falle, und das ist auch häufig so, spricht mich einfach intuitiv etwas im Buch an. Natürlich gibt es auch manchmal Zeiten, da kommen nicht so viele Drehbücher, und man liest sich dann ein Drehbuch schön. Aber eigentlich ist es wirklich so, dass du entweder spürst der Figur kann ich ‘was geben, die begreife ich. Die Reise dieser Figur, die interessiert mich, und die anderen Zutaten die da zusammenkommen; sei es der Regisseur, sei es die Schauspieler. Das gefällt mir. Dann wäre das was für mich. Und in diesem Fall war die erste Fassung des Drehbuchs, die sich dann auch noch einmal ein bisschen verändert hat, wirklich so stark und so emotional und die Rolle der Mutter hat mich so ergriffen, dass ich sofort dachte: Das möchte ich gerne machen.

Da hast du meine zweite Frage auch schon vorweg genommen. Das wäre die Frage gewesen, warum du dich für die Mutter entschieden hast. Ich glaube, das ist eine richtig heftige Rolle, gerade auch wenn man selber Mutter ist. Ich hab mir jetzt bloß abends geguckt und wollte alle fünf Minuten ins Kinderzimmer rennen und die Kinder umarmen. Man beschäftigt sich mit seinem Film ja länger. Und wenn ich mich damit jeden Tag beschäftigen würde, würde ich abends nach Hause gehen und die Kinder gar nicht mehr loslassen. Wie schaffst du das, dass du das nicht mit nach Hause nimmt? Oder hast das du mit nach Hause genommen?

Erst mal ist das, was du beschreibst, dass du gerne zu deinen Kindern laufen möchtest und sie umarmen möchtest, jetzt schon mal nicht das schlechteste Resultat des Films. Was das ja bedeutet ist, dass man irgendwie die Schätze, die man geschenkt bekommt, das Leben, vielleicht nochmal anders wertschätzen kann, wenn man mal erinnert wird, wie flüchtig es ist, wenn man erinnert wird, dass jeder Moment, den man liebt, eigentlich kostbarer ist, weil es morgen vorbei sein könnte. Es ist natürlich irgendwie eigentlich eine alte Weisheit, aber wir vergessen es halt häufig und leben unser Leben dann nach Plan und denken, irgendwie in zehn Jahren muss das geschafft sein, das dann, dann das... Und dabei spüren wir gar nicht mehr, was uns eigentlich in dem Moment wirklich umgibt; was von Wert ist. Und ich denke, dass das zum Beispiel, dass man seine Kinder liebt und nicht nur als quengelnde an einem zerrende bedürftige Wesen sieht und dass man das plötzlich mal in den Vordergrund stellen kann und sie nochmal ganz anders in seinem Herzen tragen kann: Das ist doch schon mal ein super Resultat.

Ich finde es schön, dass du auch die andere Seite noch erwähnt, dass man sie nicht nur knuddeln möchte, sondern manchmal auch denkt: Durchatmen! Hat dich denn der Film so geprägt, dass du jetzt etwas anders machst in deinem Leben?

Also einen Film zu drehen, sich darauf vorzubereiten, sich mit den Themen des Filmes zu befassen, ist dem gleichwertig, was man sonst so im Leben erlebt. Ich kann da die Ursache und die kausale Wirkung manchmal nicht so ganz auseinander halten. Oder besser: Ich kann nicht immer sagen: “Weil ich das gemacht habe, verhalte ich mich jetzt so und so”. Aber natürlich passieren Dinge in einem, wenn man sich mit Themen wie den Themen in diesem Film auseinandersetzt. Wenn man sich mit dem Tod auseinandersetzt, damit, dass man loslassen muss, dass man annehmen muss, Schicksale annehmen muss, dass man den Moment erfüllen muss, als wäre es der letzte. All diese Dinge, die legen sich dann irgendwo in einem nieder. Gleichzeitig hat mir das Buch gefallen, weil es schon in mir angelegt war als ein Thema, was mich interessiert oder an dem ich arbeite oder wo ich denke “Ja, dieses Loslassen, dieses Annehmen, dieses Akzeptierende sind Dinge, die ich noch stärker erlernen möchte”. Das ist eigentlich für mich sowieso, was den Film betrifft, noch mehr im Fokus. Weil ich ja auch die Mutter gespielt habe. Dieses Loslassen, Annehmen, Akzeptieren und den Moment genießen. Das sind die Themen, die ich am wichtigsten fand.

Hast du dir jetzt auch so eine Liste geschrieben, dass du nochmal machen möchtest? Es gibt ja diese klassischen 100 things to do before I die Listen. 100 sind vielleicht ein bisschen viel, aber vielleicht setzt man sich so drei Ziele

Habe ich noch nie so gemacht. Ich gebe zu, ich lebe eher im Fluss und freue mich immer, dass das Eine sich aus dem Anderen ergibt. Und das, wenn man auf sein Herz hier und da mal hört, weiß man, was man als nächstes gerne tun möchte. Wenn man sich das dann auch noch erlaubt und nicht von Angst beraten wird, sondern von Mut, dann passieren auch ganz schön viele Dinge im Leben ohne diese Pläne.

Du hast jetzt schon Herz und Bauch angesprochen, und wenn wir mal auf deinen Karriereweg zurückschauen, gibt es da etwas, wo dein Bauch oder dein Herz dich mal getäuscht haben? wo du sagen würde du wärst gern woanders abgebogen?

Naja, so sehe ich es eigentlich nie. Auch wenn Dinge mal objektiv gesehen schief gelaufen sind, versuche ich, da dann doch ein Lernwerte draus zu ziehen und somit kriegt das dann schon wieder ein positives Erlebnis in mein Leben. Insofern, selbst wenn ich jetzt sagen könnte “Oh Man, und diese Rolle, die habe ich abgelehnt und guck mal, was aus dem Film geworden ist …”, um das jetzt mal so ganz platt zu sagen, dann wäre wahrscheinlich meine Sicht darauf: Was war denn stattdessen? Was habe ich denn daraus gelernt? Was hab ich denn gemacht in der Zeit während ich diesen Film nicht gedreht habe? Oder was war mir denn möglich, weil ich diesen Weg nicht eingeschlagen? Und das lässt einen Frieden mit vielen Dingen finden.

Der Titel des Films ist ja ziemlich provokant. Mit Gott, du kannst ein Arsch sein würde man ja vielleicht ein Problem haben, wenn man an Gott glaubst. Bist du religiös?

Wenn man an Gott glaubt, bedeutet es ja erstens nicht, dass man deswegen nicht mit dem Leben leben hadern kann. Und außerdem Gott als Person, die Entscheidung für einen trifft, die entweder einem entgegenkommen oder nicht so würde ich Religion, Spiritualität oder Glauben auch nicht ansehen … aber ich bin auch nicht religiös im herkömmlichen Sinne, und insofern kann mich so ein Satz nicht hinterm Ofen hervorlocken.

In einem Interview hast du über den Tatort gesprochen. Du hast gesagt, das ist ein schönes Format, weil sich auch mal junge, wagemutige Regisseure ausprobieren können, es aber auch alte Hasen gibt, die dort arbeiten. Glaubst du dass der Filmszene mehr Mut oder mutige Filmformat gut tun könnte?

Ja, ich meine, es gibt natürlich auch immer kleine, mutige Filme, die dann halt einfach nicht so viel Forum bekommen oder so eine Plattform bekommen, dass sie von so vielen Menschen gesehen werden, aber das ist auch eine Frage, die bräuchte wahrscheinlich ein bisschen mehr Raum ... also: Warum das so ist, dass zum Teil mutige Themen oder mutige Filmemacher keine Chance bekommen, ein größeres Publikum zu erreichen. Aber ja, natürlich bin ich immer für Mut und ich bin auch immer für kontroverse und kritische und interessante und gesellschaftsrelevante Themen. Also all das gerne mehr.

Heike Makatsch bei FUFIS - Film und Fernsehen in Serie. Ab Oktober könnt ihr mit ihr im Kino lachen und leiden. Im neuen Film Gott, du kannst ein Arsch sein!

Gott, Du Kannst Ein Arsch Sein

Gott, Du Kannst Ein Arsch Sein

KINODrama  Trailer

Die Abschlussfahrt soll nach Paris gehen. Doch dann erhält die 16-Jährige unerwartet eine niederschmetternde Diagnose: Ihr bleibt nicht mehr viel Zeit zum Leben. Gott, Du Kannst Ein Arsch Sein.

 

 
 

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Autor: Jessica Neumayer | Gesprächswert: 97%